Ludwig Schleritzko hoch über Hardegg.

© KURIER/Matthias Hofer

Interview
03/11/2017

Kein Politiker fürs Kammerl

Der KURIER drehte mit Neo-Landesrat Ludwig Schleritzko eine letzte Runde durch "sein" Thayatal.

von Matthias Hofer

Die ersten Vögel zwitschern. Der leichte Nordostwind und die knackigen fünf Grad Außentemperatur können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Frühling auch hier, knapp an der tschechischen Grenze, nicht mehr aufhalten lässt. Der Parkplatz des Nationalparks Thayatal ist spärlich besetzt. Kein Wunder, ist der Saisonstart doch erst für 20. März vorgesehen. In der warmen Jahreszeit stürmen die Besucher den Park dann wieder – rund 50.000 sind es jede Saison. Einer wird dann nicht mehr da sein: Direktor Ludwig Schleritzko verlässt demnächst seinen Posten. Der 38-Jährige wechselt als Landesrat ins St. Pöltener Landhaus. Seine Bestellung kam für viele überraschend, vor allem auf Grund der gewichtigen Zuständigkeiten – Budget, Gesundheitsfinanzierung und Straßenbau.

Der KURIER begleitete Ludwig Schleritzko auf einer der letzten Runden durch "seinen" Nationalpark. Die Wanderung ist für ihn Abschied und Neubeginn.

KURIER: Gleich vorweg, wie spricht man eigentlich Ihren Nachnamen aus?

Schleritzko: Bei uns in der Region wird es mit Betonung auf dem "i" ausgesprochen. Ich höre aber auf alle Varianten (lacht).

Viele würden sagen, dass Sie hier einen der schönsten Arbeitsplätze haben. Warum gibt man so etwas auf, um Landespolitiker zu werden?

Es eine riesengroße Ehre, wenn man diesen Vertrauensvorschuss erhält, überhaupt als 38-Jähriger. Mich treibt nicht die Eitelkeit, aber wenn man gefragt wird, ob man in eine solche Position wechseln möchte, muss man – und das ist auch mein Zugang – bereit sein, diese Verantwortung zu übernehmen. Ich habe das Gefühl, dass ich in der Landesregierung gut aufgehoben bin. Mich reizt die Möglichkeit, zu gestalten – und zwar übers Thayatal hinaus.

Sie sagen über sich, ein "gestandener Waldviertler" zu sein. Was darf sich Niederösterreich davon erwarten?

Nun, es wird sicher nicht so sein, dass man mich nur im Waldviertel sieht. Ich werde ein Landesrat für das ganze Land sein. Was man sich unter einem "gestandenen Waldviertler" vorstellen darf? Das hat viel mit handfesten Dingen zu tun. Und mit Selbstverständlichkeiten. Etwa, dass man sich ins Gesicht schaut, wenn man sich die Hand gibt.

Stichwort "handfest": Gilt das auch für Verhandlungen?

Ich glaube, in Verhandlungen gilt nicht nur handfest, sondern eher standfest. In der Politik wie in der Privatwirtschaft ist es unabdingbar, zu versuchen, das Bestmögliche herauszuholen.

Na, dann kommen wir gleich zur Politik: Sie übernehmen ein Riesen-Ressort. Was befähigt Sie für diese Aufgabe?

Zum einen meine Ausbildung, zum anderen meine Erfahrungen, die ich gesammelt habe. Es ändern sich die Größenordnungen, aber die gleiche Sorgfalt, mit der ich jetzt Geschäfte geführt habe, werde ich auch im Land als Maßstab anlegen. Ich würde mich selbst als Kommunikationstalent bezeichnen, ich suche das Gespräch. Ich behaupte, das wird mir sicher helfen. Ich werde mich nicht in mein Kammerl zurückziehen und Akten studieren.

Laut Ihrem Lebenslauf waren Sie Altenburger Sängerknabe. Dass der Finanzlandesrat in Niederösterreich musikalische Begabung besitzt, hat ja fast schon Tradition (der jetzige Innenminister Wolfgang Sobotka, ausgebildeter Musikpädagoge und Dirigent, führte 18 Jahre das Finanzressort, Anm.).Nein, bitte nicht (schmunzelt). Meine Zeit als Sängerknabe in Altenburg hat mich zugegeben stark geprägt. Ich erinnere mich sehr gern an unsere Konzertreisen, die mich schon in jungen Jahren bis nach Japan geführt haben. Aber ich bin heute weit vom Status eines ausgebildeten Musikers oder Dirigenten entfernt. Also wären Vergleiche in diese Richtung völlig übertrieben.

Politik wird immer schnelllebiger, die Halbwertszeit von Politikern generell kürzer. Sie sagen, Sie wollen gestalten. Voraussichtlich werden Sie am 19. April angelobt. In Niederösterreich wird in einem Jahr gewählt. Ist da die Zeit nicht etwas knapp?

Ich habe bei meiner Entscheidung, ob ich die neue Aufgabe übernehme, nie in Betracht gezogen, dass es nach zwölf Monaten aus sein kann. Obwohl man natürlich Sätze hört wie: "Wer weiß, was nach der Wahl ist." Aber ich gehe davon aus, dass das der Beginn eines längeren Lebensabschnitts wird. Und ich werde das so lange machen, so lange es gewünscht wird. Klar, je mehr Zeit man hat, desto mehr kann man gestalten. Ich werde daher jetzt von Anfang an versuchen, viele Dinge auf den Weg zu bringen.

Sie haben vor einiger Zeit Leopold Figl als Ihr politisches Vorbild bezeichnet. Er war lange vor Ihrer Geburt schon nicht mehr im Amt und in einem politisch ganz anderen Umfeld als heute tätig. Da stellt sich schon die Frage: Was an diesem Mann ist denn für einen heute 38-Jährigen das Vorbildhafte?

Das Zugehen auf Menschen ist das Vorbildhafte. Ich glaube, das ist etwas, das die Politik immer auszeichnen muss. Heute noch mehr als damals. Was mir am Menschen Figl imponiert, ist sein Wille zum Überwinden von Gräben. Der Wiederaufbau dieses Landes hat nur deshalb funktioniert, weil Gruppen aufeinander zugegangen sind, die vor dem Zweiten Weltkrieg fest davon überzeugt waren, nie wieder etwas miteinander machen zu wollen. In Zeiten wie heute, wo einzelne Politiker versuchen, die Gesellschaft zu spalten, ist das Zugehen aufeinander enorm wichtig. Es wird immer verschiedene Sichtweisen geben. Aber wir dürfen uns nicht auseinander dividieren lassen.

Wer sich entschließt, eine politische Funktion zu übernehmen, hat meistens eine Vision. Was ist denn die Ihre?

Ich habe natürlich schon Visionen – die Frage ist, ob ich das jetzt alles sage, was ich mir vorstelle (lacht). Für konkrete Pflöcke, die ich in meinen Ressorts einschlagen möchte ist es noch zu früh, da werden Sie vor meiner Angelobung nichts von mir hören. Nur soviel: Schauen sie sich an, wo Niederösterreich vor 30 oder 40 Jahren war und wo es heute ist. Es gilt sicherzustellen, dass dieser erfolgreiche Weg fortgesetzt werden kann. Ich möchte da ein sehr persönliches Beispiel nennen: Meine Großmutter hat Anfang Februar ihren 90. Geburtstag gefeiert. Sie ist geistig voll da, körperlich allerdings eingeschränkt und auf Pflege angewiesen. Dass sie und viele andere diese Unterstützung bekommen, ist eine große gesellschaftliche Leistung. Und genau dieses Zusammenstehen ist eine besondere Eigenschaft, sowohl von uns Waldviertlern als auch in ganz Niederösterreich. Die müssen wir uns um jeden Preis bewahren.

Vom Knabenchor über Brüssel zurück ins Waldviertel

Geboren und aufgewachsen ist der designierte ÖVP-Landesrat Ludwig Schleritzko, Jahrgang 1978, am elterlichen Bauernhof in Mödring bei Horn. Acht Jahre lang war er Mitglied der Sängerknaben im Stift Altenburg. Nach der Matura studierte Schleritzko Agrarökonomik an der Universität für Bodenkultur. Schwerpunkt seiner Studien war der europäische Raum.

2005 übernahm er die Leitung des Büros der Waldviertler EU-Abgeordneten Agnes Schierhuber. Zurück aus Brüssel war Schleritzko als Büroleiter beim Österreichischen Bauernbund tätig, später Mitarbeiter des damaligen nö. Agrarlandesrates Josef Plank. Im Stab von Planks Nachfolger Stephan Pernkopf koordinierte Schleritzko die agrarpolitische Strategie, um danach ins Kabinett von Umweltminister Niki Berlakovich zu wechseln. 2012 folgte der Schritt in die Privatwirtschaft: Schleritzko kehrte als Prokurist der Waldland International GmbH zurück in seine Heimat. Als später der damalige Direktor des Nationalparks Thayatal, Robert Brunner, in Pension ging, bewarb sich Ludwig Schleritzko um seine Nachfolge. Seit Jänner 2014 war er Nationalparkdirektor.

Im Februar 2017 wurde Schleritzko von der designierten Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner in ihr künftiges Regierungsteam berufen. Er wird im April angelobt.

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