Chronik | Niederösterreich
16.11.2017

Jäger der Lüfte unter Beschuss

Artenschutz-Streit in NÖ um geschützte Greifvögel. Der Jagdverband will gegen den protest des WWF gewisse Tiere gezielt bejagen.

Nach dem Streit um die Wiederansiedlung des Wolfes oder den Schutz des Fischotters gibt es ab sofort die nächste Artenschutz-Debatte zwischen Naturschutzorganisationen und der Jägerschaft. Weil die Niederwild-Population (Hase, Fasan, Rebhuhn, etc. Anm.) in Niederösterreich auf einem historischen Tief angelangt ist, fordert der nö. Landesjagdverband erstmals offenkundig den gezielten Abschuss geschützter Greifvögel.

"Wenn wir nicht aufhören, einzelne Tiere unter dem Deckmantel des Artenschutzes unantastbar zu machen, gerät das ökologische Gleichgewicht völlig außer Kontrolle", sagt Niederösterreichs stellvertretender Landesjägermeister, Werner Spinka.

Im Vorjahr wurden in Niederösterreich von der Jägerschaft mit 45.578 so wenig Hasen erlegt, wie nie zuvor. Da aufgrund der niedrigen Population ohnedies wenig Niederwild bejagt wird, sei der Bestand noch weit dramatischer, als die Zahl der Abschüsse zeigt, sagt Johann Blaimauer vom Fachausschuss Niederwild des nö. Landesjagdverbandes. Im Zuge eines eigenen Monitorings dokumentiert die Jägerschaft in Niederösterreich jede Veränderung in den Niederwild-Revieren.

Neben der teils flächendeckenden Landwirtschaft und der immer geringer werdenden Rückzugsräume für Hase und Co. mache auch die Zunahme der Greifvögel dem Niederwild den Garaus, meint Blaimauer.

Kritik

"Es hat den Anschein, als ob der nö. Landesjagdverband daran arbeitet, Greifvögel in Zukunft als vermeintliche Jagdkonkurrenten ausschalten zu wollen. Das können wir nicht akzeptieren", sagt Matthias Schmidt, Greifvogelexperte von BirdLife Österreich. Arno Aschauer vom Artenschutz des WWF wirft den Jägern sogar vor, dass "der Abschuss bedrohter Tierarten anscheinend wieder in Mode kommt".

Blaimauer will sich auf keine emotionale Debatte einlassen. "Wir wollen keine Adlerjagd legalisieren und es geht auch nicht darum, streng geschützte Greifvogelarten auszurotten. Das Problem sind Rohrweihen, Mäusebussarde und Rabenvögel – alles Arten mit einer sehr hohen Populationsdichte. Man muss darüber diskutieren, diese Arten kontrolliert zu regulieren", betont Blaimauer. Die Form der "Selbstjustiz", die im Bereich Zistersdorf im Weinviertel um sich gegriffen hat, wird auch vom Landesjagdverband auf das Schärfste verurteilt. Nachdem dort seit 2015 Dutzende Tiere vergiftet worden sind, bezeichnet der WWF die Region als "Bermuda-Dreieck" für Greifvögel.

Artenschutz-Dilemma

Zu welchen Problemen "falsch gemeinter Artenschutz" führen kann, zeigt laut Spinka das Beispiel des Fischotters. Wie der KURIER berichtete, klagen Teichwirte und die Vertreter des Landesfischereiverbands in Niederösterreich darüber, dass sich der europaweit streng geschützte Otter offenbar große Fischbestände – vor allem im Waldviertel – krallt, was zu hohen wirtschaftlichen Schäden führt. Jüngsten Erhebungen zufolge soll es wieder 600 bis 800 Tiere in Niederösterreich geben. Um Teiche und Gewässer zu schützen, erlaubt das Land Niederösterreich zumindest die "Entnahme von 40 Fischottern bis Sommer 2018". Das geht den Waldviertler Teichwirten aber nicht weit genug, weil somit eine Reduktion kaum spürbar sei.