Kollaps: Huchen verliert seinen Lebensraum
Geringer Niederschlag übers Jahr, geringer Schneefall im Winter und eine geringe Menge an Regen seit dem Hochwasser 2024: All diese Faktoren haben laut der Umweltschutzorganisationen WWF dazu geführt, dass die Pegel in den niederösterreichischen Gewässern zurückgegangen sind. Der Monatsmittelwert des Wasserstandes wird mittlerweile früher als üblich erreicht und weicht um fast 90 Prozent vom langjährigen Wert ab.
„Bilder von verendeten Fischen: als Ökologin macht mich das besonders betroffen. Was wir da sehen, ist quasi nur die Spitze des Eisbergs. Jetzt ist das Ende der Fahnenstange erreicht, wo die Tiere richtig eingehen“, betont Marie Pfeiffer, Gewässerschutz-Expertin beim WWF Österreich beim Lokalaugenschein bei der Pielach in Spielberg (Bezirk Melk).
Vor allem kommt der Huchen nur noch in sieben Prozent seines ursprünglichen Lebensraums vor. „Der Huchen ist eine sehr sensible Art, die auf den Verlust von Lebensraum und Artenvielfalt besonders stark reagiert“, so Kurt Pinter, Experte am Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement an der Universität für Bodenkultur.
Wasserkraft zerschneidet Lebensraum
Zu den vielen Gründen für die Zerstörung des Ökosystems und den Rückgang der Huchenpopulation zählen einerseits die Verbauung der Flüsse – vor allem durch Wasserwehren – und andererseits die hohen Temperaturen. In Österreich gibt es mehr als 6.000 Wasserkraftwerke, davon 18 Kleinkraftwerke in Niederösterreich entlang der Pielach, wo der Huchen vorkommt.
Laut der Expertin werden die Flüsse nicht nur verbaut, sondern auch begradigt und aufgestaut. 57 Prozent der Gewässerlebensräume erreichen keinen guten ökologischen Zustand. In Spielberg, nur eineinhalb Kilometer von der Donaumündung entfernt, gibt es zwar eine Fischwanderhilfe, die laut den Experten jedoch nicht funktioniert. Somit ist dieser Abschnitt fischleer.
„Die Huchen würden, wenn es zu warm wird, an den kühlsten Stellen schwimmen. Das können sie aber nicht, weil die Wehr da ist. Dadurch ist sein Lebensraum eingeteilt“, erklärt Ulrich Eichelmann von Riverwatch in Spielberg. Die dortige Wehr stehe wie ein Tropfen in der Flasche, da die Fische aus der Donau es nicht in die Pielach schaffen und somit eine Barriere im Ökosystem bildet. Deshalb wünscht sich der Umweltschützer, dass diese Wehr abgebaut wird.
Zudem ist Eichelmann seit 14 Jahren auf dem Balkan tätig, wo mehrere Tausend Wasserkraftwerke geplant seien, aber die meisten jedoch nicht umgesetzt werden. „Albanien verzichtet zum Beispiel auf einen Großteil der Wasserkraftwerke, weil dort erkannt wird, dass Artenvielfalt und intakte Lebensräume eine hohe Qualität haben“, so der Experte.
Ein veränderter Huchen an der Pielach.
Blockierte Lebensadern
Locationwechsel zum Naturschutzgebiet der Neubacher Auen. Auf den ersten Blick zählt dieser Abschnitt zu den wertvolleren Fließgewässern Niederösterreichs, dennoch sei auch dieser Bereich sehr fischleer. Grund dafür ist, dass der obere und der untere Abschnitt des Flusses nicht mehr ausreichend miteinander kommunizieren können. „Das wäre, als würde man das Adernsystem im Körper immer wieder abkneifen. Irgendwann kollabiert man“, verdeutlicht der Riverwatch-Experte den Zustand. Die Veränderung des Ökosytems zeige sich deutlich am Rückgang der Auen, rund 85 Prozent der österreichischen Auens seien nicht mehr existent.
Das Naturschutzgebiet der Neubacher Auen zählt zu den Besten Teilen der Pielach.
Steigende Wassertemperaturen
Auch die Wassertemperatur zeigt die Veränderungen deutlich. So hat sich die Pielach zwischen den 1960er- bis zu den 1990er-Jahren um rund 3,5 Grad Celsius erwärmt. Gleichzeitig zeigen Messungen, dass das Wasser flussaufwärts der Neubacher Au wärmer ist als flussabwärts. Internationale Untersuchungen würden zeigen, dass Renaturierungsmaßnahmen einen Fluss deutlich stärker abkühlen können als reine Beschattung. Die Pielach im Naturschutzgebiet gilt zwar noch als ökologisches „Filetstück“, doch dies sei nur ein Prozent der gesamten Pielach.
Kommentare