Chronik | Niederösterreich
22.05.2017

Hagelabwehr: "Wir gehen bis an die Grenzen"

Seit 40 Jahren schützen Privatpiloten im Großraum Krems die Weingärten und Autohäuser.

Von einer Sekunde auf die andere baut sich im Norden des Bezirks Krems eine Gewitterfront auf. Auf dem Wetterradar ist sie als rot-gelber Fleck mit grünen und blauen Umrandungen zu sehen, der sich Richtung Osten bewegt. Ein Zeichen für die Hagelpiloten am Flugplatz Krems-Langenlois in Niederösterreich, keine Zeit zu verlieren.

Während andere Sportflieger-Piloten aus Sicherheitsgründen landen, um nicht durch Blitze, Sturm oder Hagel in arge Turbulenzen zu geraten, sind Hagelflieger binnen Minuten in der Luft. Wenn eine Front naht, geht es für diese Piloten darum, gefährliche Eisladungen abzufangen, bevor Hagelkörner in der Größe eines Golfballs Weinreben oder Pkw beschädigen. Damit Winzer und Autoverkäufer in der Wachau oder im Kamptal vor großen Schäden geschützt werden können, ist Mut und Erfahrung von ehrenamtlichen Piloten notwendig, die ganz genau wissen, wie weit sie in der Luft gehen können.

Silberjodid

Kein Einsatz gleicht dem anderen. Es ist die penible Vorbereitung, die den Hagelpiloten die Angst nimmt. In der Luft sind Konzentration und Genauigkeit gefragt. "Wir müssen die Flieger direkt zum unteren Ende der Wolkenwand steuern, damit wir die Aufwinde nützen können, um Silberjodid wirkungsvoll in die Gewitterwolke zu sprühen", erklären die Pilotin Andrea Zsifkovits und Johannes Eckharter, Geschäftsführer des Kremser Kulturschutzvereins (KSV). Das Manöver klingt einfacher, als es ist. Denn kurz vor der Gewitterfront werden die Flugzeuge durchgeschüttelt – nach oben oder unten gedrückt.

Das Silberjodid-Aceton-Gemisch wird über ein Sprühgerät – ähnlich einem Kanonenrohr – abgefeuert. Sobald die Gewitterzelle die Substanz aufgesaugt hat, sorgt eine chemische Reaktion dafür, dass die Hagelkörner entweder deutlich kleiner werden, oder nur mehr als Wassertropfen zu Boden fallen. "Untersuchungen belegen, dass es dabei keine Rückstände gibt", sagt Eckharter.

Grenzen

"Wir kennen die Grenzen unserer Flieger, überschreiten sie aber sicher nicht", sagt Thomas Stoifl. Er gehört mit fast 20 Jahren im Dienst des KSV und ungefähr 600 Flugstunden zu den erfahrensten der 14 ehrenamtlichen Piloten. Stoifl und seine Kollegen vertrauen auf ältere Flugzeuge mit robustem Metallgehäuse, weil die Hagelabwehr mit einem modernen Kunststoff-Flugzeug ein großes Zusatzrisiko birgt: "Sobald ein Blitz in die Karosserie einschlägt, ist die Elektronik weg und der Flieger segelt nur noch unmanövrierbar zu Boden", sagt Zsifkovits, die seit 2004 Pilotin ist und seit rund drei Jahren das Hagelflieger-Team verstärkt.

Die bundesweite Unfallstatistik spricht für die Hagelpiloten. Obwohl es seit Jahren in Österreich drei Hagelabwehr-Staffeln gibt, kam es bisher zu keinem Unfall. Seit 1977 ist die Kremser Truppe von April bis Oktober in Alarmbereitschaft und beschützt ein Gebiet im Ausmaß von 8000 Hektar. Die meisten Einsätze gab es 2009 mit 93 an 35 Tagen, die wenigsten 2015 mit 19 an sieben Einsatztagen. Heuer gab es bisher neun Einsätze.

Wenn alle drei Hagelflieger der Kremser Staffel abheben, verschlingt der Einsatz rund 5000 Euro pro Stunde. Die Erfolgsquote liegt bei etwa 50 Prozent. "Pro Jahr müssen wir mit rund 150.000 Euro auskommen. Hätten wir mehr Geld, wäre unsere Quote deutlich besser", sagt Johannes Eckharter, der betont, auf Spenden angewiesen zu sein.