Comeback in Grün: Von fast null zum Machtfaktor in St. Pölten
Als am 17. April 2016 im St. Pöltner Rathaus das Ergebnis der Gemeinderatswahl zu verkündet wurde, standen die Grünen am Abgrund zur politischen Bedeutungslosigkeit. Mit 2,7 Prozent konnten sie gerade noch ein Mandat halten, die damalige Chefin der Öko-Partei, Nicole Buschenreiter, gab sofort ihren Rücktritt bekannt.
Und sie richtete der Führungsebene in NÖ noch etwas aus: „Mein Problem mit der Landespartei ist, dass man dort immer noch nicht begreift, dass St. Pölten eine Landeshauptstadt ist und wir hier keinen Wahlkampf wie in einem Kuhdorf führen können.“
Tatsächlich aber war die Partei aufgerieben worden – von einer SPÖ, die sich mit 59 Prozent auf dem Höhepunkt ihrer Macht befand. Von einer FPÖ, die stark zulegen konnte, und von Kleinparteien wie den Kühnen, die sich zuvor von den Grünen abgespalten hatten.
Plötzlich war das Mandat weg
Was an dem Abend aber noch niemand wusste: Mit dem Fall Buschenreiters begann der Wiederaufstieg der Grünen, der vor allem auch mit einem Namen verbunden ist: Christina Engel-Unterberger. Sie übernahm die Partei in einer äußerst schwierigen Lage. Denn Buschenreiters Nachfolger, Markus Hippmann, war zur SPÖ gewechselt, die Grünen standen ohne Mandat da.
Engel-Unterberger, heute 43 Jahre alt, verordnete den Grünen ein Zukunftsprogramm, das ganz auf Klimaschutz, die Mobilitätswende und Bürgerbeteiligung setzte. Die Grünen vernetzten sich unter anderem mit Aktivisten wie Romana Drexler, die mit Protestaktionen gegen die Traisental-Schnellstraße und das Rewe-Zentrallager insgesamt mehr als 20.000 Unterschriften sammeln konnte.
Doppelbelastung
Engel-Unterberger, als Sozialarbeiterin, Supervisorin und Hochschuldozentin tätig, verstand es zudem, aktuelle Themen rasch aufzugreifen und suchte – viel intensiver als ihre Vorgänger – den Kontakt zu den Medien.
Christina Engel-Unterberger
Als sich Teile der Stadt unter einer Gestankwolke der Mülldeponie befanden, organisierte sie betroffene Bürger, die ihr Leid schilderten. Unterdessen verhedderten sich Stadt und Land in einer Diskussion darüber, wer für die Causa zuständig ist.
Politbeobachter trauten der Grünen-Chefin, die die Partei wiedererweckte und bei der Wahl 2021 mit drei Mandaten ein starkes Ergebnis einfuhr, sogar eine landes- wenn nicht gar bundespolitische Karriere zu.
Zugewinne mit dem neuen Chef
Doch es sollte anders kommen. Der Parteichefin wurde die Doppelbelastung aus Politik und Job zu viel, vor der Wahl 2026 gab sie bekannt, kein Mandat mehr anstreben zu wollen.
Der 67-jährige Walter Heimerl-Lesnik übernahm – und nicht wenige im grünen St. Pöltner Universum hatten die Befürchtung, dass sich dieser Wechsel negativ auf das Wahlergebnis auswirken könnte. Sie lagen falsch: Die Grünen konnten nochmals zulegen. 9,6 Prozent und ein Mandat mehr konnte Heimerl-Lesnik, ein gefürchteter Vielredner im Gemeinderat, gewinnen.
Für die Grünen beginnt nun die wichtigste Phase ihrer Parteigeschichte. Die SPÖ will die Öko-Partei als Koalitionspartner. Die Frage wird nun sein, ob die Grünen bei jenen Themen, die sie stark gemacht haben, Abstriche machen müssen.
Der Weg zum ersten grünen Vizebürgermeister der Stadtgeschichte wird kein leichter sein.
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