Familie Rumpler

© Kurier / Franz Gruber

Chronik Niederösterreich
12/16/2019

Gehirntumor: Jeden Tag verschwand ein kleines Stück von Werner

Todkranker Familienvater, dem KURIER-Leser den letzten Familienurlaub ermöglichten, starb.

von Katharina Zach

Und irgendwann hat sie ihn Franz genannt. Denn ihr Werner, der war nicht mehr da.

Der Mann, den Nicole Rumpler im Dezember 2017 geheiratet hatte, der Vater ihres Sohnes und Stiefvater ihrer Tochter verschwand jeden Tag ein Stückchen mehr. Zuletzt war er auf dem Stand eines Dreijährigen. Konnte kaum sprechen, musste gewickelt werden. Und wurde immer wieder aggressiv.

"Das ist die Krankheit"

„Ich musste erst lernen, damit umzugehen“, erzählt die 33-jährige Niederösterreicherin. „Zu sagen, das ist die Krankheit.“ Werner einen anderen Namen zu geben, half ihr dabei.

Am 16. November wurde Nicoles größter Albtraum wahr. An jenem Tag ist Werner an den Folgen eines inoperablen Gehirntumors – eines Glioblastoms – gestorben. Sie wusste, dass der Tag kommen würde. Doch wie wappnet man sich für den Tod eines geliebten Menschen?

„Ich habe das noch nicht komplett realisiert“, sagt Rumpler. „Ich geh’ ins Schlafzimmer, aber da ist keiner mehr.“ Manchmal hat sie Flashbacks. Dann bricht sie in der Öffentlichkeit in Tränen aus.

24-Stunden-Betreuung

Eineinhalb Jahre lang hat Nicole Werner zu Hause gepflegt. Die letzten Monate brauchte er rund um die Uhr Betreuung. „Bis vor einem halben Jahr war mein Mann da, dann war er weg“, erzählt sie nun in ihrer Küche.

Fotos gibt es keine in der Wohnung. Die hat Nicole weggeräumt. Zu schmerzhaft.

Behalten hat sie seinen Abschiedsbrief - eine Liebeserklärung und eine Danksagung an seine Frau. „Der lässt mich weitermachen.“

"Der Papa ist im Himmel"

Auf dem Küchentisch liegt eine Zeichnung von Selina. Die Siebenjährige hat ihren Stiefpapa als Engel gezeichnet. Manchmal wird sie von ihrem dreijährigen Bruder Damien getröstet.

„Der Papa ist im Himmel, da hat er keine Schmerzen mehr“, sagt der Kleine dann. Vor ihren Kindern, sagt Nicole, habe sie nie etwas verheimlicht.

Härter geworden

Das wäre auch kaum möglich gewesen. Zuletzt wechselte Werners Zustand mehrmals am Tag – je nachdem, auf welches Hirnareal der Tumor oder das Narbengewebe drückten. 24 Stunden am Tag war Nicole für ihn da, trotz ihrer zwei Kinder.

„Ich war am Abend oft so fertig, dass ich kaum noch stehen konnte.“ Immer wieder haderte sie mit ihrem Schicksal. Aber: „Ich habe es aus Liebe getan. Auch, wenn man sich ein Stück selbst aufgeben muss.“ Härter sei sie geworden. „Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich einmal war.“

Dabei war es fast ein Happy End

Dabei hatte alles nach einem Happy End ausgesehen. 2015 hatten sich Nicole und Werner bei der Arbeit kennen gelernt. Er war Kaufhausdetektiv, sie arbeitete in der Entertainmentabteilung eines Elektronikhändlers. Er musste lange um Nicole werben.

Nach dem ersten Date gingen sie schließlich bis fünf Uhr Früh spazieren. „Aus einem Schrebergarten hat er mir eine Rose gefladert“, erinnert sie sich. Im ersten Urlaub machte er ihr einen Antrag, 2016 kam Damien zur Welt. Im Sommer 2018 kam die Diagnose.

Zu lang zu Sterben gebraucht

Ihren Job musste sie kündigen – obwohl ihr Arbeitgeber sie behalten wollte. Denn in Österreich wird maximal für sechs Monate Familienhospizkarenz gewährt. Werner aber brauchte länger zum Sterben.

Zur psychischen Belastung kamen also massive Zukunftssorgen. Trotz Rund-um-die-Uhr-Pflege wurde erst nur Pflegestufe 2, dann Pflegestufe 4 gewährt. Notstandshilfe und Berufsunfähigkeitspension aber reichten kaum aus, um die laufenden Ausgaben zu decken.

Reise ins Disney-Land

Gezehrt hat die Familie in dieser Zeit auch von ihrer letzten gemeinsamen Urlaubsreise. Im Herbst vergangenen Jahres verbrachten die vier ein paar Tage im Disneyland Paris. Möglich hatten dies zahlreiche Spenden der KURIER-Leser gemacht.

Es war die Erfüllung eines lang gehegten Traums und eine verspätete Hochzeitsreise, denn das Paar hatte erst im Dezember 2017 geheiratet.

Noch heute erinnern Mitbringsel wie eine Keksdose mit Mickey und eine Uhr in Form von „Herr von Unruh“ aus die „Die Schöne und das Biest“ an den Urlaub. Ein Pyjama mit Zwerg „Grumpy“ als Motiv gehörte zu Werners Lieblingskleidungsstücken.

Familie Rumpler

Ein Dorf zum Sterben

Zwei Wochen vor seinem Tod brachte Nicole ihren Mann schließlich ins Spital. Da habe er sie zu Hause angegriffen. Das sei zu gefährlich gewesen. Ein schwerer Schritt, denn sie hatte ihm versprochen, dass er zu Hause sterben könne.

Es braucht ein Dorf, um ein Kind aufzuziehen, heißt es. In Werners Fall brauchte es das auch zum Sterben. Ohne Hausarzt, mobiles Hospizteam, das Team im Spital, die Pfleger, die Gemeinde und Freunde hätte sie das nicht geschafft, ist die 33-Jährige überzeugt. „Herzensmenschen“ nennt sie viele von ihnen.

Berufung gefunden

Auch ihre Kinder haben ihr Kraft gegeben. "Damien ist ein Abbild seines Vaters. Ein Stück weit lebt mein Mann in meinem Sohn weiter. Ein Stück weit lebt mein Mann in meinem Sohn weiter“, sagt sie. Sie will nun etwas zurückgeben und eine Ausbildung im Hospizbereich beginnen. Denn: „Was tun Menschen, die niemanden haben? Ich habe meine Berufung gefunden.“

Ihren Kindern will Nicole nun ein schönes Fest bescheren, „so wie sie es gewohnt sind“. Zu dritt daheim. Angebote, bei Freunden zu feiern, schlug sie aus. „Weihnachten ist ein Familienfest. Aber meine Kinder gehen um 8 Uhr schlafen. Und mich nimmt dann keiner in den Arm.“

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