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Chronik Niederösterreich
06/08/2019

Gegen das Vergessen: Bäume pflanzen, wo Kinder starben

Das Sacré Coeur war eine Außenstelle des Spiegelgrunds. Schüler arbeiten nun die NS-Vergangenheit auf.

von Lisa Rieger

Die kleinen Tische sind liebevoll für das Mittagessen gedeckt. Die Kindergartenkinder sollten jeden Moment von ihrem Ausflug zurückkehren. Von der Decke hängt ein Mobile mit bunten Schmetterlingen. Nichts erinnert an die dunkle Vergangenheit dieses Ortes. Lange Zeit wurde sie auch nicht thematisiert.

Eine engagierte Schulklasse kämpft nun dagegen an.

Christa Haberleitner sprach vergangenen Herbst im Unterricht der katholischen Privatschule Sacré Coeur in Pressbaum (Bezirk St. Pölten) über das Bild des Kindes im Nationalsozialismus – auch über Spezialkinderheime. Schülerin Lena Reischer fasste sich ein Herz, fragte nach: „War auch das Sacré Coeur früher ein Spezialkinderheim?“ Die Lehrerin schluckte. „Sie hat nicht damit gerechnet, aber sensibel reagiert“, sagt Reischer. „Es war kein verbotenes Thema, aber es wurde nicht darüber gesprochen. Deswegen mussten wir Schüler es tun“, erklärt die 18-Jährige.

Nach und nach erfuhren die Schüler die Geschichte ihrer Schule. Zwischen 1939 und 1941 bestand auf dem Gelände des Klosters ein „Spezialkinderheim“ der NS „Kinder- und Jugendfürsorge“. Es diente als Außenstelle der Euthanasie-Anstalt „Am Spiegelgrund“ auf der Baumgartner Höhe in Wien, wo medizinische Versuche an Kindern und Jugendlichen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen durchgeführt, die Kinder gequält und systematisch ermordet wurden.

Geschichte weitgehend unerforscht

Die meisten Informationen, die es zu dem Heim in Pressbaum gibt, stammen von der Diplomarbeit der Sozialarbeiterin Barbara Petrasch. Im August 1941 wurden die letzten Kinder aus Pressbaum auf die Baumgartner Höhe transportiert. 56 dieser 59 Kinder wurden dort getötet. Auch dass Kinder im Sacré Coeur zu Tode kamen, ist belegt.

Abgesehen von dieser Diplomarbeit ist die Geschichte weitgehend unerforscht. Das Wissen über die Opfer bleibt ebenso fragmentarisch, wie jenes über die Täter. Nicht näher untersucht ist auch das Verhalten der Bevölkerung. Lokale Stimmen sind nur vereinzelt dokumentiert. So gibt der örtliche Gemeindeverwalter zu Protokoll, dass die Sommerfrische-Gemeinde hoffe, durch den Betrieb des Heims keine Einbußen zu erleiden. Anrainer verleihen ihrer Hoffnung Ausdruck, „durch den von den Kindern verursachten Lärm nicht gestört zu werden“, sagt Historiker Christian Blinzer, der das Projekt der Schüler begleitet hat.

Betroffenheit

Die Schüler, die hinter dem Projekt stecken, machen die Ausbildung zu Elementarpädagogen. „Gerade als angehenden Kindergärtner betrifft es uns, wie sich das Bild vom Kind in der Geschichte entwickelt hat“, sagten die Schüler bei einer Gedenkfeier am Dienstag. Dabei präsentierten sie eine Performance und einen Film, in dem sie das Erfahrene aufarbeiten.

Außerdem pflanzten sie einen Kirschbaum im Garten vor dem heutigen Kindergarten, der einer der Haupt-Schauplätze des Spezialheims war. „Er soll symbolisieren, dass auch da, wo Schlechtes war, Gutes kommen kann“, sagt Reischer. Ihre Kollegin Magdalena Radlmair ergänzt: „Ich gehe nicht herum und denke mir die ganze Zeit, oh Gott, was ist hier passiert. Aber es gehört zur Geschichte und muss aufgearbeitet werden.“