Chronik | Niederösterreich
08.08.2016

Eingekocht statt weggeworfen

Ein neuer Verein in Zwettl macht aus ablaufgefährdeten Lebensmitteln Suppen und Eingelegtes.

Dort, wo bis Ende 2015 noch Butter produziert wurde, haben ehrenamtliche Mitarbeiter eines neu gegründeten Vereins das ehemalige Labor in der ausrangierten Molkerei in Zwettl nach den Vorgaben des Lebensmittelinspektors in eine Großraumküche verwandelt. Darin veredeln sie ablaufgefährdete Lebensmittel zu leckeren Spezialitäten. Denn "Flotte Lotte", wie der Verein nach dem Küchengerät zum Passieren von Früchten genannt wird, will aus eingedrückten Nektarinen, krummen Gurken, zweibeinigen Karotten oder anderen Obst- und Gemüsesorten Eingekochtes und Eingelegtes kreieren, um noch genießbare und qualitativ einwandfreie Produkte vor dem Abfallcontainer zu retten.

Während Gabriele Aigner und Masume Hoseini Petersilie und andere Ingredienzien zu einer köstlichen Suppe verarbeiten, läuft auf der anderen Seite der Molkereiküche der wöchentliche Direktverkauf. Jeden Freitag zwischen 14 und 16 Uhr werden die veredelten Produkte in Einmachgläsern um 3,60 bis 3,90 Euro pro Stück angeboten – das Sortiment reicht von Suppen, Pestos und Sugos über Chutneys und Marmeladen bis hin zu eingelegtem Gemüse.

Unterstützung

"Was wir verkaufen, hängt davon ab, was wir vom Lebensmittelgroßhändler Kastner kostenlos bereitgestellt bekommen. Das wissen wir im Vorhinein nicht", erklärt Obfrau Elisabeth Mittendorfer, die auch die Idee zur Gründung des Vereins hatte. Die Sozialarbeiterin las vor einem Jahr in einer britischen Zeitung über ein solches Projekt und war davon so begeistert, dass sie gleich danach auf die Suche nach Gleichgesinnten ging. "Derzeit sind wir 25 ehrenamtliche Mitarbeiter, die über eine Gruppe im Nachrichtendienst Whatsapp untereinander kommunizieren. Sobald wir die Zutaten geliefert bekommen, werden diese dort bekannt gegeben. Derjenige, der eine Idee zur Verwertung hat, ist dann Chefkoch", erklärt Mitinitiatorin Martina Siedl.

Der Vereinsstart vor wenigen Wochen war alles andere als einfach. Galt es doch die Qualitätsstandards für die Erzeugnisse zu bestimmen. "Die haben wir mit dem Lebensmittelinspektor erarbeitet", so Mittendorfer, die vorerst auch darauf achten muss, dass mit den Einnahmen die anfallenden Kosten wie etwa Miete, Etikettendruck oder Gewürze gedeckt sind. Genauso wichtig wie eine hochwertige Verarbeitung ist für sie die Herstellung nach der "Fünf-Elemente-Lehre". "Es geht uns dabei um eine ausgewogene Ernährung. Was wir machen, soll gut schmecken, aber nicht schwer im Magen liegen", sagt Köchin Aigner.

Dass der Lebensmittelgroßhändler Kastner solche Initiativen unterstützt, hat bestimmte Gründe: "Wenn wir genießbare Lebensmittel wegen des Gesetzes wegwerfen müssen, tut mir das Herz weh. Wir wollen aber das Bewusstsein der Konsumenten schärfen, dass sie ihre Waren nicht gleich entsorgen, sobald das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht ist. Schließlich halten die Produkte noch länger. Stattdessen sollten wir wieder auf Nase, Augen und Gaumen vertrauen", erklärt Firmenchef Christof Kastner, der an eine alte Tradition erinnert: "Ab 1890 wurde vieles in Gläsern eingekocht, um Lebensmittel haltbar zu machen."