Höhlen-Arzt: "Johann, ich warte oben auf dich"

Martin Göksu kümmerte sich sechseinhalb Tage um die medizinische Versorgung des schwer Verletzten, während andere Höhlenretter immer wieder ausgewechselt wurden
Mediziner Martin Göksu schildert seine Erlebnisse aus dem Untersberg.

Der 37-jährige Martin Göksu aus Stockerau (NÖ) war der erste Arzt, der sich um den schwer verletzten Höhlenforscher Johann Westhauser gekümmert hat. Geplant war, dass er zwei Tage in der Höhle verbringt, doch schließlich sollte es eine Woche werden. Am Montagabend kam der Familienvater zurück an die Oberfläche. Der KURIER erreichte ihn am Dienstag.

KURIER: Herr Dr. Göksu, wie geht es Ihnen nach 6,5 Tagen Nonstop-Aufenthalt in der Riesending-Höhle im Untersberg?

Martin Göksu:Sehr gut, es gibt keinen Grund zum Jammern. Ich bin heute um 4 Uhr früh schlafen gegangen und um 8.30 Uhr aufgewacht. Ich fühle mich jetzt fit und ausgeruht.

Sie haben sich in der Vorwoche aus eigenem Antrieb für den gefährlichen Rettungseinsatz angeboten?

Höhlen-Arzt: "Johann, ich warte oben auf dich"
Dr. Martin Göksu, Höhlenrettungstaucher, Arzt, Höhlenforscher aus NÖ, arbeitet in Vogtareuth in Deutschland (li), Höhlenrettungstaucher Robert Kriz aus NÖ (re.).
Als ich gehört hab’, dass ein Kollege seinen Einsatz abbrechen hat müssen und es für den Patienten nicht allzu rosig ausschaut, hab’ ich mir gedacht, ich muss da rasch runter und nachschauen, was wirklich los ist. Die Schweizer Höhlenretter, die zu dem Zeitpunkt den Einsatz befehligt haben, haben das sofort begrüßt. Am Dienstagnachmittag bin ich dann in den Schacht eingefahren.

Sind Sie zuvor schon einmal in dieser oder einer vergleichbar schwierigen Höhle gewesen?

In diesem Schacht war ich noch nicht, aber durchaus in ähnlich anspruchsvollen Höhlen. Ich wusste also, worauf ich mich einlasse.

Ein neues Video der Rettung sehen Sie hier.

Was war dann die größte Herausforderung für Sie?

Dass dort unten jemand mit unbekanntem Verletzungsgrad liegt und dass zu befürchten ist, dass man vielleicht zwar nicht viel machen kann, es aber unbedingt soll. Und man weiß, dass er nicht ums Eck zu finden ist und der Weg zu ihm alles andere als eben verläuft.

Was haben Ihre Angehörigen dazu gesagt, dass Sie dieses Wagnis auf sich nehmen wollen?

Glücklich waren die natürlich nicht – aber sie haben mich ziehen lassen.

Wie war die Lage, als Sie nach etwa zehn Stunden bei Johann Westhauser eingetroffen sind?

Ich hab’ gesehen, da ist jemand, der normalerweise binnen Minuten ins Spital gebracht werden sollte. Bei dieser Art von Verletzung (Schädel-Hirn-Trauma, Anm.) spielt der Faktor Zeit eine für den Patienten enorm wichtige Rolle.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich hab’ halt viel improvisiert und mit Hilfe von Basistherapien ist es mir gelungen, den Verletzten so weit zu stabilisieren, dass er transportfähig wurde. Die Medikamente, die ich mitgenommen hab’, haben zum Glück gepasst. Auf einer Alufolie habe ich die Medikamente und das Verbandszeug ausgebreitet. Wir haben ein Wärmezelt aufgebaut und Schnüre gespannt, auf die wir zwei Infusionen gehängt haben.

Wie groß war das Team, das den Krankentransport unmittelbar begleitet hat ?

Da waren stets zwischen 10 und 15 Personen mit dabei, deren Aufgaben klar abgegrenzt waren. Alle wussten, wir können die Aktion nur in Teamarbeit schaffen. Es sollte zwar möglichst rasch vorwärts gehen, aber nicht in ein russisches Roulette ausarten.

Warum sind Sie um so viel länger geblieben, als geplant?

Für den Patienten, der sich in einem psychischen Ausnahmezustand befindet, war es vor allem zu Beginn enorm wichtig, dass er eine Kontinuität bei der ärztlichen Betreuung hat. Für mich war es weder psychisch noch physisch ein Problem, um mehrere Tage zu verlängern. Ich hab’ nur irgendwann dann nicht mehr gewusst, ist es oben jetzt Tag oder Nacht.

Wie war Ihre Verabschiedung von Johann Westhauser?

Ich hab’ gesagt, ,du Johann, ich steig’ jetzt auf und schau’, dass ich dich dann oben in Empfang nehm’. Das hab’ ich auch vor – in den sechs Tagen hat sich von meiner Seite eine intensive Bindung zu ihm aufgebaut.

Gab es während des Transports außergewöhnliche Schwierigkeiten?

Nein, nichts, womit ich nicht ohnehin gerechnet habe. Ein kleines technisches Problem gab es bei meiner Aufstiegsklemme, die das Seil nicht so mitgenommen hat, wie das der Fall sein sollte – das ist dann etwas mehr auf die Substanz gegangen.

Worauf freuen Sie sich jetzt?

Darauf, dass der Patient vielleicht schon am Donnerstag einer sinnvollen Diagnose zugeführt werden kann. Außerdem auf meine Familie – und auf meine nächste Höhlentaucher-Expedition, die ist schon fix eingeplant.

Die Bergung des verletzten Höhlenforschers Johann Westhauser (52) im Untersberg in Bayern geht rasch voran. Der Trupp erreichte Dienstagfrüh Biwak 2 in 500 Metern Tiefe in der Riesending-Schachthöhle. Nach wenigen Stunden Rast ging es schon weiter Richtung Biwak 1.

Dort passieren sie einen geschwungenen Canyon und einen Wasserfall, sagt Andreas Langer von der Salzburger Höhlenrettung: "Durch den Canyon kommt man nur im Spreizgang, dazwischen geht es etwa zehn Meter in die Tiefe. Das erfordert viel Kraft und ist riskant. Es könnten weitere Sicherungseinbauten nötig werden."

Im 60-köpfigen Rettungsteam kümmern sich drei Ärzte um den Patienten. Der Zustand des 52-Jährigen ist unverändert stabil, die Stimmung wird dafür immer besser, sagt Langer. "Sein Zustand war am Anfang sehr schlecht. Jetzt, wo etwas weitergeht und er den Fortschritt seiner Rettung merkt, geht es ihm immer besser. Das ist auch eine Kopfsache."

Von Biwak 1, den der Bergetrupp bereits heute erreichen könnte, bleibt nur noch ein etwa 180 Meter langer, senkrechten Schacht bis zum Einstieg. Hier soll der Verletzte in seiner Trage hochgezogen werden. Läuft weiter alles nach Plan, könnte Westhauser am Donnerstag oder Freitag wieder Tageslicht sehen.

Am 8. Juni erlitt er bei einem Steinschlag in 1000 Metern Tiefe ein Schädel-Hirn-Trauma. Seither sind Rettunsgkräfte aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und Slowenien im Einsatz, seit Montag auch aus Kroatien.

Kommentare