Frau entdeckt 5.000 Dick-Pics im archivierten WhatsApp-Chat
Lena* bekam tausende Dick-Pics per WhatsApp zugeschickt.
Eigentlich wollte Lena nur mehr Speicherplatz auf ihrem Handy schaffen. Die 38-Jährige stand im Frühjahr 2025 kurz vor einer Geschäftsreise und wollte die Wartezeit sinnvoll überbrücken.
Sie ist in die archivierten Chats auf Whatsapp gegangen – heißt: Sie hatte diese Nachrichten bis dahin nie gelesen. „Da hat mich fast der Schlag getroffen, weil ich Tausende von Dick-Pics und Videos von einer Nummer hatte, die mir offensichtlich bekannt war. Sonst hätte ich sie nicht archiviert“, erzählt Lena.
Es dauerte nicht lange, bis ihr klar war, von wem die Fotos stammten: einem ehemaligen Kommilitonen. „Die Nachrichten haben im August 2024 angefangen, im Februar 2025 habe ich es gemerkt. Ich habe nie geantwortet, aber er hat trotzdem immer weitergemacht“, sagt Lena.
"Ich fühlte mich nicht ernst genommen"
Die 38-Jährige entschied sich, den Vorfall zu melden. In einer Wiener Polizeiinspektion zeigte Lena einem Beamten die Bilder und ergänzte, dass sie ziemlich sicher wisse, wer der Mann sei. Ernst genommen wurde sie dort aber nicht. „Ich bin gefragt worden, ob ich mit dem mal geflirtet habe oder ob ich ihm irgendwelche Anzeichen gegeben habe. Ich habe dann geantwortet, dass das nichts zur Sache tue und sie ja sehen könnten, dass ich die vergangenen fünf oder sechs Jahre keinen Kontakt mit dem Mann hatte.“
Die Polizisten sowie der Anwalt Philipp Springer, den die 38-Jährige später konsultierte, wiesen sie darauf hin, dass das Verhalten des Mannes nicht strafbar sei. Zumindest zu dem Zeitpunkt noch nicht. Erst seit 1. September 2025 ist das „unaufgeforderte Versenden von Genitalbildern“ als spezielle Form der sexuellen Belästigung strafbar.
Bilder auch von zweiter Telefonnummer empfangen
Inzwischen bekam Lena auch über eine zweite Nummer des Verdächtigen Bilder und Videos geschickt, zusätzlich erhielt sie auch welche über den Messaging-Dienst „Signal“. „Ich habe mich entschieden, bis September durchzuhalten. Aber es ist eigentlich nicht meine Aufgabe als Frau, mich vor einem Täter wie ihm zu schützen. Das ist die Aufgabe des Staates“, betont Lena.
Im September 2025, dem Monat, in dem das Verschicken von Dick-Pics strafbar wurde, gab es 282 Anzeigen wegen sexueller Belästigung.
Mittlerweile hat die 38-Jährige so viele Bilder erhalten, dass sie 15 Minuten braucht, um zur ersten Nachricht des Mannes zu gelangen – es sind rund 5.000 Fotos. Erneut ging die 38-Jährige zur Polizei und erstattete Anzeige. Dieses Mal leitete die Polizei Ermittlungen ein.
- Seit 1. September 2025 ist es strafbar, ungefragt Genitalbilder zu verschicken. Die gesetzliche Regelung umfasst dabei jegliche Form der elektronischen Kommunikation, also per SMS, Messenger, eMail, Posting, Bluetooth und Fax.
- Das Dick-Pic-Verbot ist in den Paragrafen 218, sexuelle Belästigung, eingebettet. Darauf stehen bis zu sechs Monate Haft bzw. eine Geldstrafe. Wer seinem Opfer wiederholt Genitalbilder schickt, kann auch in den Stalking-Paragrafen (107a) fallen, dort ist das Strafmaß doppelt so hoch.
Im Zuge dessen erfuhr Lena, dass es auch ein zweites Opfer gibt. Auch dieser Frau soll der Mann Fotos geschickt haben. „Ich habe erfahren, dass die Polizei zu der Adresse in Niederösterreich gefahren ist, an der er gemeldet ist. Dort hat man nur die Mutter angetroffen, die gesagt hat, dass ihr Sohn schon seit über einem Jahr in Deutschland lebt, aber sie sagt nicht, wo genau“, sagt Lena.
Ein zweites Opfer
Im März erhielt die 38-Jährige ein Schreiben von der Staatsanwaltschaft Korneuburg, bei der der Fall liegt: Das Ermittlungsverfahren könne derzeit nicht fortgesetzt werden, weil der Beschuldigte flüchtig oder abwesend sei. „Anhaltspunkte für weitere Nachforschungen sind nicht vorhanden. Bis zur künftigen Entdeckung oder Auffindung des Beschuldigten wird das Verfahren abgebrochen“, heißt es in dem Schreiben.
Nachdem Lena den Brief erhalten hatte, habe sie ihn zurück in den Briefkasten gestopft. „Wie kann es sein, dass man so im Stich gelassen wird, wenn man nicht nur eindeutige Beweise hat, sondern sogar den Namen der Person hat und weiß, dass die in einer Firma in Skandinavien arbeitet? Wie soll der Fall gelöst werden, wenn keine weiteren Nachforschungen angestellt werden?“
- Auf Anfrage beim Justizministerium hieß es, dass es nur möglich sei, das Delikt „Sexuelle Belästigung“ zu erheben, nicht aber nach einzelnen Ziffern oder Tatbegehungsformen.
- Beim Blick in die Statistik zeigt sich, dass es nach September 2025 keinen sprunghaften Anstieg an Anzeigen gegeben hat. Auch wenn die Zahl im September mit 282 Anzeigen hoch war, gab es im Juli vergangenen Jahres fast 300 Anzeigen – der höchste Wert des gesamten Vorjahres.
- Interessant ist dabei auch, inwieweit die Anzeigen rechtlich weiterverfolgt wurden. Von den im September des Vorjahres 282 angezeigten Fällen wurden insgesamt 132 eingestellt, 15 Verfahren endeten mit einer Diversion. Verurteilungen gab es lediglich in 13 Fällen. Der September ist dabei keine Ausnahme, die Zahl der Verurteilungen schwankte im Vorjahr zwischen 11 und 24.
Fahndung nach dem Mann
Auf KURIER-Anfrage heißt es bei der Staatsanwaltschaft Korneuburg, dass „die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen nicht greifbare Beschuldigte abzubrechen hat.“ Es werde aber nach dem Mann gefahndet. Außerdem müsse „zum Schutze der Parteienrechte auf die Nichtöffentlichkeit des Verfahrens“ hingewiesen werden.
Philipp Springer, Anwalt: Für uns ist unverständlich, warum man sich nicht von den schwedischen Behörden helfen lässt.“
Anwalt Philipp Springer betonte auf Anfrage, dass das grundsätzliche Engagement der Staatsanwaltschaft lobenswert sei. „Für uns ist nur unverständlich, warum man kein Amtshilfeersuchen an die Staatsanwaltschaft Göteborg übermittelt und sich von den schwedischen Behörden helfen lässt“, so der Jurist.
Lena fühlt sich im Stich gelassen. „Das Recht sollte doch für uns alle gleich gelten. Wie kann es sein, dass man als Frau 5.000 Dick-Pics bekommt, dann damit zur Polizei geht und einfach nichts passiert? Wenn man mit so einer Sache durchkommt, kommt man wahrscheinlich mit ganz anderen Sachen durch.“
*Name von der Redaktion geändert
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