Ernst Kienesberger ist ein weltweit gefragter Spiegelschleifer. Der Handwerker wendet historisches Wissen an, um Kunstwerke zu bauen.

© Jürgen Zahrl

Handwerk
04/26/2014

Vom Schulabbrecher zum Magier

Ein 52-jähriger Waldviertler ist der letzte Österreicher, der noch selber Spiegel "zaubert".

von Jürgen Zahrl

Ich hab’ früher einige Fünfer kassiert, weil mich die Schule nie interessiert hat", erzählt Ernst Kienesberger ohne Scheu. Obwohl er nach fast 600 Fehlstunden rausgeschmissen wurde, kann der heute 52-Jährige über seine schulischen "Glanzleistungen" herzhaft lachen. Was folgte, war die Suche nach einer Ausbildungsstelle. "Der einzige Lehrherr, der mich damals genommen hat, war ein Bleikristallschleifer", erinnert sich der inzwischen vierfache Vater aus Burgschleinitz, Bezirk Horn, an seine beruflichen Anfänge. Rund drei Jahrzehnte später ist Ernst Kienesberger nicht nur Bleikristallschleifer, Glasermeister, Spiegelbeleger und Hohlglasveredler, sondern auch der letzte Spiegelmacher Österreichs, dessen Fähigkeiten, historische Spiegel originalgetreu zu restaurieren, ihn weltweit zu einem gefragten Experten macht.

Auch wenn das Spiegelmachen nie sein Wunschberuf gewesen sei, weil dieser vor allem "laut, nass und kalt ist", gehört Kienesberger wohl zu den besten "Magiern" seiner Zunft. Unverwechselbar macht ihn, dass er auf einem alten Waldviertler Bauernhof mit alten Maschinen und einem alten Belagsrezept aus dem Jahr 1870 handwerkliche Unikate zaubert.

Da er auch mehr als 1000 Schleifsteine – von Stecknadelgröße bis zur 1,5 Tonnen schweren Steinwalze – besitzt, hat er ein breites Spektrum an Möglichkeiten, um Spiegel beispielsweise nach altböhmischen oder altfranzösischen Vorbildern zu formen. Pro Jahr fertigt der gebürtige Oberösterreicher zirka 20 Meisterwerke, die vorwiegend in den Besitz von Burgherren und Schlossbesitzern gehen. Für ein prachtvolles, sieben Meter hohes Exemplar kann die Arbeit schon mehrere Monate Zeit in Anspruch nehmen. Käufer müssen dann auch mit einem Preis von mehreren Tausend Euro rechnen.

Ausbildung

Vor 30 Jahren war Kienesberger der letzte Handwerker, der in der Glasfachschule in Kramsach (Tirol) die Meisterprüfung im Spiegelbelegen gemacht hat. Damit aus Fensterglas ein spiegelndes Kunstwerk wird, benötigt er drei chemische Lösungen. In einer rund drei mal drei Meter großen Kippwanne wird das Glasmaterial mit Reinsilber, Reinzucker und Ammoniak behandelt. "Diese Arbeit ist anstrengend. Man muss konzentriert sein und Fingerspitzengefühl mitbringen", erklärt Kienesberger.

In den vergangenen Jahren hat der 52-Jährige bereits mehrere prominente Aufträge an Land gezogen. Eine Ehre war es für ihn, die kostbaren Spiegelvitrinen im weltbekannten "Dresdner Zwinger" in Deutschland zu restaurieren. Wenn er in seiner Werkstatt steht, gehört auch das Reparieren von beschädigten und erblindeten Spiegel zu seinen Aufgaben.

Altes Spezialrezept für neue Spiegel

Damit auf seinen Spiegeln reliefartige Formen zu sehen sind, werden diamantgeschnittene und gravierte Glasteile mit Reinsilber verspiegelt. Für das sogenannte Holzwannenverfahren nützt Ernst Kienesberger ein mehr als 100 Jahre altes Belagsrezept, das er in der Nationalbibliothek in Wien entdeckt hat. Abschließend versiegelt er seine Spiegel mit Harz, um die Kunstwerke vor dem „Erblinden“ zu schützen. Um ausgefallene Unikate entstehen zu lassen, setzt Ernst Kienesberger einzelne Glasteile um die Spiegelmitte auf selbst gefertigten Massivholzwänden zusammen.

Infos: www.ernstkienesberger.at

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