Brieftauben: Luftflotte des kleinen Mannes

Brieftauben hängen Autos ab und finden ohne Navi heim: Die 400 Schönsten Österreichs posieren derzeit in St. Pölten.

Mit dem Auto hast da ka Chance. Eh klar: Die Viecherl halt ka rote Ampel auf und beim Wirten müssen‘ s auch ka Pause einlegen wie wir.“ Franz Marchat, Präsident des Österreichischen Brieftaubenzüchter-Verbandes schwärmt über Vogerln, die mit den hassgeliebten Straßentauben so wenig gemein haben, wie ein Ferrari mit eimem müden Basisgolf. „Das sind Stars, die Elite. “ Bis 120 Stundenkilometer schnell und imstande, über internationale Entfernungen im Schnitt Tempo 100 durch zu halten.

Statt roter Ampeln kann die Flitzer nur dies aufhalten: Raubvögel, deretwegen die Brieftauben große Waldgebiete umfliegen und Handymasten, die mit ihrer Strahlungswolke den auf Magnetismus beruhenden Orientierungssinn der Tiere stören. „Da fliegen‘ s lang im Kreis, bevor sie wieder raus finden“ weiß Marchat. Im Jahresschnitt kämen 20 Prozent der Tiere nicht mehr heim in den „Schlag“.

Der Taubenpräsident, im Zivilberuf Spritbaron („Tankstopp“) und ehemals FPÖ-Grande in NÖ, ist in seinem Element. Die bundesweit 400 schönsten Brieftauben posieren bei der 57. Verbandsausstellung des Österreichischen Züchterverbandes bis Sonntagmittag im ÖGB-Saal St. Pölten. Eine Art Schönheitskonkurrenz. (Preis-)Richter in weißen Mänteln beurteilen Gesamteindruck, Kopfform, Knochenbau, Muskulatur und Gefiedergüte.

Nebst Urkunden geht es um die Ehr‘. So wie bei den Wettflügen der knapp 800 Züchter Österreichs. „Da geht‘s um zehn Euro“ berichtet Marchat. Ein Lercherl im Vergleich zu China, wo sich eine Million Züchter um ebenso hohe Summen rittern. „Bei 13 Wettflügen im Jahr legen die Tiere 4500 Kilometer zurück“ weiß Preisrichterchef Karl Rinder. Üblich seien „Auflasspunkte“ nahe Köln oder Frankfurt, wo die Tauberl heimwärts starten. „Wir haben aber auch schon Flüge von Barcelona oder London gemacht.“ Übers Meer „zwitschern‘s drüber wie nix.“

Ass-Vogel

Schönheitskonkurrenz zwischen Käfigreihen im Saal: Die Stars sind mucksmäuschenstill, die Richter amtieren in weißen Mänteln
© Bild: Franz Hagl

Brieftauben tragen stolze Namen wie Marchats „Carmen“ und „Torrero“. Wer ständig Sieger wird, ist ein „Ass-Vogel“. Jugend-Nationalmeister Dominik Hergheligou,15, der 120 Vögel hat: „Es ist eine Freude, wenn man in den Himmel schaut und sieht, wie sich die Taube wie eine Rakete zusammenpackt.“

Vier bis fünf Jahre alt seien die Brieftauben am leistungsfähigsten, heißt es. Wer weder schön noch schnell, sondern schlicht „überzählig“ im Taubenschlag ist, sorgt vielfach für gastronomische Freude. „In an Gulasch ist das ganz was Feines“verrät Marchat. Auch als „Supperl“ empfehle sich allenfalls das Federtier.

 

( Kurier ) Erstellt am 11.12.2011