Traiskirchen: Die Flucht zurück in den Alltag

Bloggerin Madeleine Alizadeh (dariadaria)
Bloggerin Madeleine Alizadeh über Grenzerfahrungen im Erstaufnahmezentrum.

Mittlerweile fährt Madeleine Alizadeh nicht mehr nach Traiskirchen. Sie hilft trotzdem noch, bei der Caritas in Wien. Das sei leichter zu koordinieren, Alizadeh kann gezielt helfen und danach wieder nach Hause gehen – und sich besser abgrenzen. Weil es irgendwann einfach zuviel war. Die 26-Jährige löste im Sommer 2015 eine Welle der Solidarität aus, indem sie über die Missstände im Flüchtlings-Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen (Niederösterreich) berichtete. Hauptberuflich bloggt sie unter dem Pseudonym dariadaria über vegane Mode, Reisen und aktuelle Trends.

Traiskirchen: Die Flucht zurück in den Alltag
Bloggerin Madeleine Alizadeh (dariadaria)
Heute, etwa ein halbes Jahr nach ihrem bedingungslosen Einsatz in Traiskirchen, blickt sie zurück. Und muss sich eingestehen, dass die damals vorherrschende Hilfsbereitschaft mittlerweile von Verdruss, Ohnmacht und Überforderung überschattet wird. Von vielen Seiten wird vermutet, dass das mit Vorfällen zu tun hat, bei denen sich Flüchtlinge falsch verhalten. “Es gibt Leute, die verstehen nicht, dass das Menschen wie wir sind. Viele haben den Anspruch an geflüchtete Menschen, dass das dankbare Roboter sind, die alles perfekt machen und sich vom ersten Tag an super integrieren.”

Traiskirchen, Sommer 2015

Traiskirchen: Die Flucht zurück in den Alltag
The sleeping room of asylum seekers is seen in a processing centre in Traiskirchen, Austria October 29, 2015. REUTERS/Leonhard Foeger
An einem Ort, der eigentlich höchstens 1.700 Hilfesuchenden Platz bietet, wurden bis zu 4.500 Menschen untergebracht, und das bei Höchsttemperaturen von 38 Grad. Chaos, Verzweiflung und Missstände herrschten im Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge in Traiskirchen.

Ein paar Wochen zuvor hört Alizadeh immer öfter von Hilfesuchenden in Traiskirchen, und dass dringend Spenden gebraucht werden: “Ich habe mich zu Beginn nicht wirklich damit auseinandergesetzt. Anfang Juli habe ich ein paar Spenden zusammengepackt und beim Eingang abgegeben”. Aber die Bilder gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Kurze Zeit später nimmt eine Bekannte sie nochmal dorthin mit, die beiden bleiben den ganzen Tag dort, sie helfen mit und sprechen mit den Menschen. Von diesem Tag an verbringt Alizadeh immer mehr Zeit in der Erstaufnahmestelle und lernt einige Flüchtlinge und deren Geschichten kennen.

Der Beginn einer Freundschaft

Traiskirchen: Die Flucht zurück in den Alltag
Bloggerin Madeleine Alizadeh (dariadaria)
Unter anderem trifft sie eine Familie, die aus dem Irak geflohen ist: ein Vater, eine schwangere Mutter und ein Kind. “Sie standen so abseits, als mir andere die Spenden quasi aus der Hand rissen. Dann ging ich zu ihnen und habe gefragt, ob sie etwas brauchen. Sie waren total schüchtern. So hat die Freundschaft zwischen uns angefangen”, erinnert sich Alizadeh.

Die Verbindung zu den Menschen in Traiskirchen wird enger, zeitweise fährt die junge Frau vier Mal pro Woche in das Erstaufnahmezentrum. Sie sieht täglich mit eigenen Augen, welche Missstände dort herrschen. Um darauf aufmerksam zu machen, berichtet “dariadaria” darüber – auf ihrem Blog, über Facebook, Twitter oder Instagram.

Ein Zeichen setzen

Traiskirchen: Die Flucht zurück in den Alltag
ABD0196_20150709 - TRAISKIRCHEN - ÖSTERREICH: Security und Asylwerber aufgenommen am Donnerstag, 9. Juli 2015, anlässlich eines Rundganges im Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen. - FOTO: APA/HELMUT FOHRINGER
Die Schicksale der Menschen, die mittlerweile zu ihren Freunden geworden sind, und die unter menschenunwürdigen Umständen leben, bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf. Sie veröffentlicht einVideo, in dem sie ihre Gedanken und Gefühle in Worte fasst. Damit wird Alizadeh zum Sprachrohr der Flüchtlinge in Traiskirchen.

Das Video wird mehr als 60.000 Mal angesehen und unzählige Male geteilt. Das Gleiche passiert mit einem offenen Brief an das Bundesministerium für Inneres, in dem Alizadeh ihrem Ärger Luft macht – über die Hürden, die ihr in den Weg gestellt werden, wenn sie helfen will. Denn längst hat sie jemanden gefunden, der die irakische Familie aufnehmen würde. “Den einzigen Widerstand auf den ich stoße sind Sie, liebes Bundesministerium für Inneres. (...) ich bin verzweifelt. Weil ich helfen möchte und Sie mich nicht lassen.”

Endlich geschafft

“Ich war in der Situation psychisch an einem Punkt, an dem ich einfach nicht mehr weiter gewusst habe, und wo ich durch den Blog ein Ventil hatte. Dass das dann wirklich die Lösung des Problems wird, hätte ich nicht gedacht.” Alizadeh erreicht, was noch kurz vorher praktisch unmöglich erschien. Durch ihren bedingungslosen Einsatz, durch den Druck, den die sozialen Medien manchmal entwickeln, und durch die Hilfe einflussreicher Unterstützer erhöht sich der Druck auf das Innenministerium. Die irakische Familie bekommt die sogenannte weiße Karte. Diese bestätigt die Zulassung zu einem Asylverfahren und ermöglicht den Betroffenen, sich frei in Österreich zu bewegen.

Traiskirchen: Die Flucht zurück in den Alltag
Omar, a 27-year-old cook originally from Deraa, the cradle of the Syrian uprising against Bashar Al-Assad, shows the back of his Austrian migrant card in Traiskirchen, Austria, October 13, 2015. After fleeing civil war, surviving a perilous sea crossing and trudging through several countries, Syrian refugees think they will receive basic food, shelter and fair treatment when they reach Austria. Most are right, but some tell a different tale. Omar says he didn't know he was supposed to board a bus to Gabcikovo. And missing it left him homeless, penniless and without medical insurance. From Turkey, Omar tried 11 times before he succeeded in crossing the Aegean to Greece. Several attempts failed because inflatable boats supplied by people smugglers were in danger of sinking and on one occasion, the engine ran out of fuel. The words on the card reads, "Serves to establish the identity and legitimacy of days stayed in the federal territory". Picture taken October 13, 2015. REUTERS/Leonhard Foeger
Die Bloggerin ist heute noch beeindruckt darüber, was sie erreichen konnte: “Sowas ist natürlich überwältigend, etwas, das innerhalb kürzester Zeit solche Ausmaße annimmt. Es ist ein Adrenalinrush, das Handy läutet die ganze Zeit und es passieren so viele Dinge auf einmal...” Mittlerweile lebt die Familie in Krems, wo sie eine eigene Wohnung bezogen hat und unabhängiger leben kann. Der Kontakt zwischen Madeleine Alizadeh und den Irakern besteht weiterhin, wenn auch nicht mehr in der gleichen Intensität wie vor einem halben Jahr. Die junge Frau hat geholfen, als ihre Hilfe gebraucht wurde.

Am Ende ihrer Kräfte

Im Vorjahr hat sie gesehen, wie viel sie durch ihren bedingungslosen Einsatz erreichen kann. Trotzdem stellt sich Alizadeh seitdem immer öfter die Frage: “Bis wohin ist es meine Verantwortung, mich komplett selbst für eine Sache aufzugeben? Man merkt irgendwann, dass es zu viel werden kann und dass man an seine Grenzen stößt.” Sie hat gelernt, im übertragenen Sinn, die Tür auch wieder zuzumachen und sich in ihrem eigenen Leben wiederzufinden. Auch die mediale Präsenz, die plakative Darstellung ihrer Person als Modebloggerin, die zur Flüchtlingsretterin wird, hat sie dazu gebracht, sich aus der Medienöffentlichkeit wieder zurückzuziehen. “Es hat mich gestört, dass es irgendwann gar nicht mehr um das Thema an sich ging, sondern nur um mich”, denn das war nicht das, was die 26-Jährige erreichen wollte.

Und nun?

Traiskirchen: Die Flucht zurück in den Alltag
Bloggerin Madeleine Alizadeh (dariadaria)
Die Bloggerin hofft, dass das Engagement für Flüchtlinge in Österreich wieder zunimmt, gleichzeitig spürt sie den Verdruss der Menschen – über das Thema, über die Ohnmacht, mit der sich die Helfer konfrontiert sehen. “Egal was ich mach, es hilft eh nicht”, hört sie andere oft sagen. Das sieht die 26-Jährige nicht so. Sie will sich weiter engagieren, und zwar nicht nur physisch mit anpacken, sondern auch als mediales Sprachrohr, sagt sie. “Wir können das Internet für so viele tolle Dinge nutzen. Mir hat es gezeigt, wie erfüllend es sein kann, die Stimme, die man hat, in solchen Situationen zu nutzen. Das habe ich vorher schon gemacht und werde ich auch weiterhin machen.”

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