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Chronik Niederösterreich
08/07/2019

Bereitschaftsdienste: Ärzte im Wochenend-Streik

Mediziner stoßen an ihre Belastungsgrenze, in Amstetten bleiben alle Ordinationen zu.

von Jürgen Zahrl

Seit die Bereitschaftspflicht für Hausärzte an den Wochenenden per 1. Juli gefallen ist, waren laut Ärztekammer rund 30 der mehr als 130 Sprengel in Niederösterreich unbesetzt. Dieser Wert sei für die Patienten natürlich nicht zufriedenstellend, aber trotzdem nicht schlecht, erklärt ein Ärztevertreter, weil man aufgrund der Urlaubszeit mit noch mehr zugesperrten Ordinationen gerechnet habe. In der Stadt Amstetten halten sogar alle Allgemeinmediziner ihre Praxen an den Wochenenden geschlossen, weil sie die neue Freiwilligkeit zum Anlass nehmen, um auf die „schlechten Arbeitsbedingungen“ hinzuweisen.

Zur Vorgeschichte: Wie berichtet, hat der Verwaltungsgerichtshof im Februar die verpflichtenden Bereitschaftsdienste für Hausärzte am Wochenende mangels bestehender Rechtsgrundlage – nach einer Klage steirischer Mediziner – aufgehoben. Daher musste auch in Niederösterreich rasch eine neue Lösung her. Seit 1. Juli dürfen sich die Ärzte freiwillig für die Wochenenddienste melden. Landesweit gelten seither neue Öffnungszeiten: Wer will, sperrt am Samstag und Sonntag von 9 bis 11 Uhr auf. Ab 8 Uhr Früh und bis 14 Uhr sind Ärzte auf Visite.

Prekäre Lage

Gleich sechs Allgemeinmediziner in Amstetten weigern sich, am Wochenende aufzusperren, um „streikähnlich“, wie sie betonen, auf die prekäre Lage in der medizinischen Versorgung aufmerksam zu machen: Die Belastung in der Ordination werde immer schlimmer. Man müsse inzwischen Patienten wegschicken, weil man sie aus Kapazitätsgründen nicht mehr betreuen könne, erklärt der Amstettner Allgemeinmediziner Gerhard Walter. Oft seien mehr als 200 Patienten pro Tag zu behandeln. Viele unbesetzte Ordinationen – aktuell sind es in Niederösterreich mehr als 20 – würden die Situation noch zusätzlich verschärfen. Hinzu komme, dass der aktuelle Honorarkatalog längst veraltet sei. Bei einem „aufwendigen Verbandwechsel muss man für die Assistenz einer Ordinationshilfe mehr bezahlen, als man von der Krankenkasse bekommt“, schildert Walter. Sein Kollege Manfred Thomanek aus Amstetten kritisiert zudem, dass viel zu wenige Ärzte ausgebildet werden, und fordert endlich ein Handeln der Politik.

Honorarkatalog

Oliver Rückert, Hausarzt in Wiener Neustadt und Gründer der Plattform „Freiwilligkeit“, freut sich zwar, dass die Bereitschaftspflicht gefallen ist, will aber trotzdem keinen Wochenenddienst absolvieren. „Die nachjustierten Honorare sind noch immer nicht angemessen. Mit der Pauschale kann ich gerade meine Assistentin bezahlen. Da bleibt aber für mich noch nichts übrig“, sagt Rückert. Er versteht, dass die Kollegen in Amstetten da nicht mehr mitspielen wollen. „Die Behandlung der Patienten leidet, weil man sich kaum noch Zeit für den Einzelnen nehmen kann. Das hat nichts mehr mit Medizin zu tun“, betont Rückert.

Anders als er sperrt Claudia Ertl, Hausärztin in Schwadorf im Bezirk Bruck an der Leitha, am Wochenende auf: „Die Patienten bedanken sich dafür. Das hab ich in den vergangenen 20 Jahren nicht gehört“, erzählt sie. Auch sie ist davon überzeugt, dass sich so bald wie möglich einiges ändern muss, um die medizinische Versorgung in der bewährten Qualität aufrecht erhalten zu können.

Hilferuf

Die Ärztekammer Niederösterreich wertet den Streik in Amstetten als Hilferuf und sieht das Problem nicht alleine bei den Honoraren, sondern vor allem bei der überbordenden Bürokratie. „Registrierkassa, eCard und Elga sind keine Helfer-, sondern Hinderlein. Wenn die eMedikation wegen eines EDV-Fehlers stundenlang nicht funktioniert, ist das amateurhaft“, sagt Dietmar Baumgartner, Vizepräsident der Ärztekammer Niederösterreich. Man müsse „endlich an den Rädern drehen, um die Arbeitsbedingungen wieder menschlicher zu machen“, fordert er. Immerhin stehe man erst am Anfang einer drohenden Pensionswelle. Der Ärztemangel werde sich noch deutlich verschärfen, sagt Baumgartner.