Bahncrash holt nach zehn Jahren die Politik ein

Die Bergung und Aufräumarbeiten nach dem Bahnunfall.
Pleiten und Pannen im Umgang mit einem der schwersten Bahnunfälle wird Fall fürs Parlament. Die Grünen nehmen das Ministerium ins Visier.

Es handelte sich um eines der schwersten Zugunglücke der jüngeren Geschichte. Die ÖBB war einen Tag lang bemüht, den Horrorcrash vom Semmering lapidar damit abzuhandeln, dass ein paar Waggons "aus den Schienen gesprungen“ waren.

Wohlwissend, dass ein 1.188 Tonnen schwerer "Geisterzug“ über einen Kilometer bergab rollte, bevor er mit einer entgegen kommenden Hilfslok kollidierte. 14 von 21 Güterwagen lagen kreuz und quer im Polleroswandtunnel verstreut. Die wichtigste Nord-Süd-Bahnverbindung des Landes war fast drei Wochen lang lahmlegt. Schaden: rund 4 Millionen Euro.

Zehn Jahre nach dem verheerenden Crash wird das Unglück noch einmal zum Politikum. Denn die Grünen orten grobe Pannen und Mängel, was die Ursachenermittlung und Aufarbeitung des Unglücks anbelangt. Man befürchtet, dass keine Lehren aus der Pannenserie gezogen wurden und ein solches Unglück "jederzeit wieder passieren kann“.

Waggons und Teile lagen im Tunnel verstreut

Waggons und Teile lagen im Tunnel verstreut

Systemversagen

Die Verkehrssprecherin der Grünen, Elisabeth Götze, hat deshalb eine parlamentarische Anfrage an SPÖ-Verkehrsminister Peter Hanke eingebracht. „Im Dezember jährte sich der schwere Güterzugunfall am Semmering zum 10. Mal. Besorgte Menschen aus der Region, die den Bahnverkehr aus der Nähe verfolgen, haben sich an uns gewendet mit der Befürchtung, dass so etwas auch heute wieder passieren könnte. Denn die damalige Unfalluntersuchung der skandalumwitterten Untersuchungsbehörde SUB hat einige Fragen offengelassen. Es muss auf den Tisch, welche Lehren die Behörden aus dem Unfall gezogen und welche Verbesserungsmaßnahmen sie umgesetzt haben“, erklärt Götze.

Elisabeth Götze, Verkehrssprecherin der Grünen

Elisabeth Götze, Verkehrssprecherin der Grünen

Strafprozess brachte Details ans Licht

Der Fall selbst und insbesondere der Strafprozess gegen den beschuldigten Lokführer hatte ein schweres Systemversagen im Bahnbetrieb ans Tageslicht gebracht. Auslöser des Unglücks war ein aus der Slowakei stammender Zug, der offenbar mit 200 Tonnen überladen war. Auf der steilen Strecke kam es zu einer Zugtrennung. Laut Untersuchung war beim dafür ursächlichen Wagen (der Türkischen Staatsbahnen) die Zugvorrichtung bereits zuvor geschädigt und unzulässigerweise geschweißt.

Für den nachfolgenden Güterzug am selben Gleis gab es kein Vorbeikommen. Deshalb wurde entschieden, den 588 Meter langen Güterzug mit einer angeforderten Hilfslok in den Bahnhof Breitenstein zwecks Gleiswechsels zurück zu schleppen. Weil er irrtümlich glaubte, dass die Hilfslok am anderen Zugende bereits angekoppelt habe, wurde eine Bremse gelöst.

Keine Rettung gerufen

Das 1.188 Tonnen schwere Gespann nahm rasant Fahrt auf und rollte mit 60 km/h bergab. Im Polleroswand-Tunnel kam es zur verheerenden Kollision mit der bergwärts fahrenden Hilfslok. Die Polizei erfuhr nicht durch die ÖBB, sondern durch Medienberichte von dem Crash. Obwohl der Fahrer der Abschlepp-Lok schwere Verletzungen erlitt, wurde nicht die Rettung gerufen. Stattdessen brachte ein ÖBB-Kollege den Mann in die Klinik.

Reste der demolierten Güterwaggons

Reste der demolierten Güterwaggons

2 Jahre untersucht

Die Grünen orten eine „höchst fragwürdige Untersuchung“ des Unfalles. Im November 2017, also zwei Jahre nach dem Crash, veröffentlichte die Untersuchungsstelle des Verkehrsministeriums (SUB) ihren Bericht. „Es wurden keinerlei Sicherheitsempfehlungen von der SUB ausgesprochen, was nur durch das Ausklammern diverser Vor- und Begleitfaktoren des Unfalls möglich war, aber dennoch erstaunlich bleibt“, so Götze. Die „Er- bzw. Übermüdung“ des Lokführers, der viel zu lange im Dienst war, habe nur im Strafprozess Niederschlag gefunden, nicht aber im Untersuchungsbericht.

Was hat sie Sicherheitsbehörde getan?

Durch ihre Anfrage an Verkehrsminister Hanke wollen die Grünen geklärt wissen, was und ob man seit dem Unglück etwas gegen die festgestellten "Funklöcher“ am Semmering getan hat. Im Untersuchungsbericht ist von "einer äußerst schwierig herzustellenden Kontaktaufnahme“ zwischen den Lokführern die Rede. Auf der Geisterfahrt soll der Führer des Güterzuges verzweifelt versucht haben, einen Kontakt zur bergauffahrenden Hilfslok herzustellen – vergeblich.

Die Grünen wollen wissen, welche konkreten Maßnahmen seitens der Eisenbahnsicherheitsbehörde gesetzt wurden, um die festgestellten Missstände Richtung Null zu reduzieren.

Kommentare