Chronik | Österreich
14.01.2016

Semmering: Fataler Irrtum soll Zugunglück ausgelöst haben

Südbahn war zwei Wochen gesperrt. Der Schaden beträgt fünf Millionen Euro.

Einen Tag lang hat die ÖBB versucht, den Unfall herunter zu spielen. Vielleicht auch deswegen, weil das verheerende Zugunglück am Semmering anscheinend auf menschliches Versagen zurückzuführen ist. Wie aus dem Zwischenbericht hervorgeht, hat der Lokführer den Güterzug führerlos einen Kilometer talwärts rollen lassen. Er hat fälschlicherweise angenommen, dass auf der anderen Seite des Zugs bereits die Hilfslok zum Abschleppen angedockt hat.

Wie Erich Habitzl von der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt bestätigt, lauft gegen den knapp 30-jährigen Steirer ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung unter besonders gefährlichen Umständen. Er ist bis auf Weiteres vom Dienst freigestellt.

Wegen eines zuvor hängen gebliebenen Zugs musste der Güterzug "43601" am Vormittag des 1. Dezember bergwärts fahrend auf der niederösterreichischen Seite des Semmerings anhalten. Eine Lok wurde angefordert, die den 21 Waggon langen Zug in den Bahnhof Breitenstein zurück ziehen sollte.

Der steirische Lokführer soll die Garnitur daraufhin für das Abschleppen vorbereitet haben. Zu diesem Zweck sollen laut Zwischenbericht die Bremsen entlüftet worden sein. Der Lokführer dürfte eine leichte Ruckbewegung des Zugs falsch gedeutet haben und davon ausgegangen sein, dass auf der anderen Seite die Hilfslok angekoppelt hat. Er habe die Bremsen gelöst, und der Güterzug setzte sich rückwärts in Bewegung.

60 km/h ungebremst

Wegen des starken Gefälles der Semmering-Strecke beschleunigte der führerlose Zug auf 60 km/h. "Das hätte der Lokführer merken und den Zug sofort einbremsen müssen. Abgeschleppt wird nämlich mit 20 km/h", erklärt ein Bahn-Insider.

Im Polleroswand-Tunnel kam es zur Kollision mit der bergwärts fahrenden Hilfslok. Was danach geschah, machte vor allem die Exekutive stutzig. Die Polizei erfuhr erst aus Medienberichten von dem Unfall. Obwohl der Fahrer der Abschlepp-Lok schwere Verletzungen erlitt, wurde die Rettung nicht gerufen. Stattdessen brachte ein ÖBB-Kollege den Mann ins Spital. Als die Polizei später an der Unglücksstelle eintraf, war der Lokführer des Güterzuges ebenfalls schon weggebracht. Der Beschuldigte verweigerte später die Aussage vor der Polizei, stattdessen gibt es lediglich eine schriftliche Stellungnahme eines Anwalts.

Die Staatsanwaltschaft wartet noch auf das endgültige Gutachten des Sachverständigen für das Eisenbahnwesen. Danach wird über ein Verfahren entschieden. Parallel untersucht die Sicherheits-Untersuchungsstelle des Bundes das Unglück.