Chronik | Niederösterreich
18.06.2018

Autismus: Späte Diagnose und wenig Hilfe

48.500 Kinder leiden daran. Für junge Patienten gibt es nur ein Therapie-Zentrum.

Der Dreijährige schaufelt Sand. Er baut keine Burg, er gräbt keine Grube. Er sitzt einfach nur in der Sandkiste und schaufelt, von einer Seite auf die andere und wieder zurück. Ansprechbar ist er dabei kaum. Manchmal wiederholt der Bub sinnlose Sätze. Immer wieder. Er ist Autist.

Die Ausprägungen dieser Entwicklungsstörung des Gehirns können aber weit drastischer ausfallen: Kinder beißen sich selbst blutig oder schlagen den Kopf minutenlang mit aller Kraft gegen die Wand. Viele Eltern fühlen sich in der Situation allein gelassen. Oft zu recht, die Betreuungsmöglichkeiten sind dürftig. In Österreich leiden rund 48.500 Kinder an Autismus. Trotzdem gibt es nur ein einziges Autismus-Zentrum für Kinder und deren Familien. Dementsprechend ausgelastet ist das „Ambulatorium Sonnenschein“, das seit drei Jahren in der nö. Landeshauptstadt St. Pölten besteht. „Der Bedarf ist so groß, dass manche Familien nur deshalb nach St. Pölten übersiedeln“, erzählt die ärztliche Leiterin Sonja Gobara.

Finanziert wird die Einrichtung je zur Hälfte vom Land und von der Gebietskrankenkasse mit insgesamt 960.000 Euro. Jetzt wurde das Projekt mit Bestnoten evaluiert, die Arbeiten für einen Neubau des Zentrums starten im Sommer. „Das Leben mit einem autistischen Kind ist herausfordernd, aber auch sehr bereichernd“, sagt Gobara: „Wir bieten professionelle Hilfe für Familien, gebündelt unter einem Dach.“

Jahrelange Therapie

Für eine optimale Behandlung werden die Kinder und deren Familien über zwei bis drei Jahre, zwei bis drei Mal wöchentlich zu Hause und ambulant im Autismus-Zentrum betreut und therapiert. Dafür steht ein Team aus Ärzten, Psychologen, Logopäden, Ergo- und Musiktherapeuten sowie Sonderheilpädagogen parat.

Seit dem Projektstart vor drei Jahren wurden 112 Kinder individuell therapiert. Die Behandlung ist kostenlos. Die Anmeldung erfolgt nach ärztlicher Zuweisung. „Oft recht spät“, sagt Gobara. Das Durchschnittsalter der jungen Patienten liegt bei fünf Jahren. Viele hätten früher Behandlung gebraucht.

Martin Eichtinger, als nö. Landesrat zuständig, sieht im Zentrum ein Leuchtturmprojekt. Er hofft, „dass das auch in anderen Bundesländern Schule macht“. Für NÖGKK-Direktor Jan Pazourek ist das Ambulatorium Sonnenschein ein Beweis dafür, „welche qualitätsvollen Projekte regionale Kooperationen hervorbringen können“.

Definition

Autismus ist eine tief greifende angeborene und unheilbare Entwicklungsstörung des Gehirns, die sich in den ersten Lebensjahren zeigt. Sie äußert sich vor allem durch eine Beeinträchtigung der Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeiten. Als Begleiterscheinungen treten oftmals motorische, affektive und kognitive Störungen auf.