Chronik | Niederösterreich
12.06.2018

Asylheim-Schließung: "Nehmt uns unser Zuhause nicht weg"

Bei der Schließung des Flüchtlingsheims St. Gabriel droht auch 30 Mitarbeitern die Kündigung.

Seit Freitag kann die 28-Jährige nicht mehr aufhören zu weinen. „Wenn sie mir diesen Ort wegnehmen, weiß ich nicht mehr wohin“, sagt sie voller Panik. Die junge Kurdin erzählt, dass sie vom IS versklavt worden sei, ihr Trauma hat sie noch nicht überwunden. Die 28-Jährige braucht intensive psychologische Betreuung, sie ist selbstmordgefährdet und leidet unter chronischen Schmerzen. In St. Gabriel (NÖ) habe sie sich erstmals wieder sicher gefühlt. „Hier weiß ich, dass ich beschützt werde. Wenn ich schlafe, weiß ich, dass mir hier niemand weh tun wird. Wenn ich umziehen muss, wer wird mich dann beschützen? Ich habe meine Hoffung verloren.“

Seit der zuständige Landesrat Gottfried Waldhäusl (FPÖ) vergangene Woche angekündigt hat, sämtliche Bewohner verlegen zu wollen, herrscht Ausnahmezustand in der Caritas-Unterkunft in Maria Enzersdorf. Nicht nur die Flüchtlinge, auch 30 Mitarbeiter sorgen sich um ihre Zukunft. Sie stehen nun vor der Kündigung. Der Politiker hatte nach der Bluttat, bei der der 25-jährige Terry A. am 3. Mai einen Mitbewohner getötet haben soll, argumentiert, dies sei aus Sicherheitsgründen notwendig. Die Angestellten fühlen sich vor den Kopf gestoßen, sehen ihre langjährige Arbeit durch die Politik diskreditiert. Dabei hat sich die vor gar nicht allzu langer Zeit noch mit St. Gabriel geschmückt. „Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner hat als Innenministerin unsere Einrichtung vor drei Jahren als Best-practice-Beispiel einer tschechischen EU-Kommissarin gezeigt“, erinnert sich Leiter Martin Schelm. Von ihr erwarten sich die Mitarbeiter nun eine Stellungnahme, Betriebsrätin Gabriele Wurzer hat an sie und Landesrat Waldhäusl ein Schreiben gerichtet.

Unterkunft für Kranke

St. Gabriel ist nicht einfach eine Flüchtlingsunterkunft. In dem Haus finden Menschen Platz, die aufgrund von Krankheit einen besonderen Betreuungsbedarf haben. Menschen im Rollstuhl, Krebspatienten, Pflegefälle und auch Traumatisierte und psychisch Kranke. 37 Betroffene leben mit ihren 47 Angehörigen derzeit dort. Dazu kommen 24 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF). In St. Gabriel fand aber jeder einen Platz – als letztes Auffangnetz. „Wir haben Leute aus der Psychiatrie oder der Haft übernommen. Leute, die sonst nirgendwo untergekommen wären“, sagt Schelm. Nicht nur einmal habe das Land deswegen angefragt. Immer wieder seien auch Asylwerber von anderen Einrichtungen geschickt worden, weil man sie dort nicht ausreichend versorgen konnte. Auch aus jenen privaten Flüchtlingsunterkünften, in die die Bewohner nun unter anderem ab 18. Juni verlegt werden sollen. Mit dem 2. Juli sollen alle Bewohner umgezogen sein.

Zuschüsse bei der Finanzierung

Populistisch sei die Vorgangsweise, unmenschlich und unverantwortlich, sind sich die Mitarbeiter einig. Sie rücken nun auch aus, um ihre Einrichtung und Arbeit zu verteidigen. Dass Waldhäusl erklärt hatte, die Bewohner in Heime zu verlegen, in denen eine 24-Stunden-Betreuung garantiert sei, klinge so, als ob es das in St. Gabriel nicht gebe. Dabei seien in der Nacht stets zwei oder sogar drei Mitarbeiter im Dienst gewesen, betonen Schelm und der Leiter der UMF-Einrichtung, Johannes Fitz. Zudem seien stets Psychologen im Dienst, ein Hausarzt besuche die Bewohner regelmäßig in der Einrichtung und alle zwei Wochen sei auch eine Psychiaterin auf Visite, berichten die Mitarbeiter. Standards, von denen sie annehmen, dass sie in privaten Unterkünften nicht geboten werden. Immerhin schieße die Caritas seit Jahren Geld für die Finanzierung von St. Gabriel zu.

Bei den Jugendlichen lege man Wert darauf, dass sie die Schule oder Kurse besuchen. So mache ein Asylwerber gerade eine Lehre in einen Vier-Sterne-Hotel, andere besuchen die HTL als Regelschüler. Wir sind gut vernetzt mit den Bildungseinrichtungen, sind teilweise sogar zu den Elternabenden gegangen", sagt Betreuer Søren Appel.

Zudem sei die Zahl der von Waldhäusl angesprochenen Polizeieinsätze seit der Schließung des Notquartiers am Höhepunkt der Flüchtlingswelle zurückgegangen. "2018 gab es fünf Einsätze, bei denen es um strafrechtliche Delikte ging", sagt Schelm

Zuletzt hatte die Caritas mit dem Land um mehr finanzielle Mittel verhandelt, um besonders schwere Fälle  – zu denen auch Terry A. gehörte – besser versorgen zu können. Schon 2016 war man damit an den damals zuständigen SPÖ-Landesrat herangetreten. Denn in St. Gabriel hatten die Mitarbeiter bemerkt, dass es stets drei bis sechs psychisch Kranke Personen gab, die sehr intensive Betreuung benötigen, um die Selbst- und Fremdgefährdung zu reduzieren.

Die Caritas entwickelte daraufhin ein Konzept, das zehn Plätze für solche Personen vorsah, sagt Schelm. Für diese Menschen hätte es einen zusätzlichen Tag- und Nachtdienst benötigt. "Wir haben uns dafür ein Beispeil an WGs für psychisch kranke Menschen genommen", erklärt die Psychologin Eva Kocvera. Doch letztendlich war das dem Land zu teuer. Der Tagsatz hätte die 44 Euro, die derzeit für Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf pro Tag und Person gezahlt werden, weit überschritten. Noch am 29. März habe man dem Land mitgeteilt, dass man unter den derzeitigen Bedingungen nicht ausschließen könne, dass etwas passiere, betont Schelm.

„Wir sind nicht schuld“

Für die Bewohner bricht eine Welt zusammen.  Sie verlieren zum zweiten Mal nach ihrer Flucht ihr Zuhause. „Wir wissen nicht, was uns erwartet. Wir sind doch hier wie eine große Familie. Wir möchten nicht weg von hier“, sagt die Tschetschenin Rosa. Betroffen sind auch sechs Familien mit 17 Schul- und Kindergartenkindern, die nun aus ihrem sozialen Umfeld gerissen werden. Vor allem die Frauen sind deshalb aufgebracht. "Das ist für alle ein großer Stress", berichtet Fatima, deren 14-jährige Tochter die Neue Mittelschule in Brunn/Gebirge besucht. Es habe gedauert, bis die Kinder sich gut eingefunden haben, ihnen das nun wegzunehmen sei schrecklich.

Viele Kranke haben ihre Ärzte in der Region oder Therapien in Wien, sie fürchten nun, diese nicht mehr wahrnehmen zu können. Wie die 23-jährige Milana, die erst vor kurzem von ihrer Mama Luiza eine Niere gespendet bekommen hat und nun häufig ins Wiener AKH zur Untersuchung muss.

"Mein Mann hat das erste Mal das Gefühl gehabt, angekommen zu sein", ergänzt Isita. Nun sorgt sich die Familie um den krebskranken Mann. "Ich habe Angst", sagt Duhaje. Der Frau aus dem Kosovo steht im Juli eine Operation bevor. Die Frage, wo sie dann wohnen wird, beschäftigt sie sehr. Ihren ehrenamtlichen Job - sie arbeitet seit kurzem in einer Behindertenunterkunft - wird sie dann wohl verlieren. Auch bei den Jugendlichen gibt es derzeit kein anderes Thema, meint der 17-jährige Afghane Mahdi. "Ich finde die Entscheidung zu schließen sehr schade."

Warum sie nun für die Bluttat eines anderen bestraft werden, verstehen die Bewohner nicht. „Wir sind doch nicht schuld an dem gewaltsamen Tod“, schüttelt Aslan den Kopf.

Einige Menschen wohnen seit vielen Jahren in St. Gabriel, weil es für sie aufgrund ihrer Krankheit keinen anderen Platz gibt. Etwa der besachwaltete Hassan oder der 77-jährige russische Künstler Valeriy, der jeden Tag auf dem – gespendeten – Klavier spielt. „Bitte nehmen Sie uns unser Heim nicht weg“, appelliert Luiza unter Tränen.

Nachbarschaft

Betroffen von der Schließung von St. Gabriel sind auch bis zu 50 Freiwillige, manche sind bereits seit zehn Jahren ehrenamtlich tätig. Widerstand regt sich. So rufen die Grünen in Maria Enzersdorf am 12. Juni zu einem Protest-Flashmob auf. Und auch die Steyler Missionare, denen das Kloster, in dem sich die Unterkunft befindet, gehört, sprechen sich für den Verbleib der Flüchtlinge aus.

Gröbere Probleme in der Nachbarschaft scheint es mit den Flüchtlingen nicht gegeben zu haben. Bei einem KURIER-Lokalaugenschein kann niemand von Vorfällen berichten. Dass Terry A. nach der Bluttat auf einem nahen Spielplatz Kinder angegriffen haben soll, war ein absoluter Einzelfall, berichten Bewohner einer nahen Siedlung. Manche Anrainer sprechen zwar von einem mulmigen Gefühl, wenn sie einer Gruppe Männer begegnen. Allerdings, wird eingeräumt, hätten diese sich immer korrekt verhalten. Die Schließung wird differenziert gesehen. Friedrich B. etwa beruhigt sie. "Man hat ja gar nicht gewusst, was da für arge Fälle betreut werden", sagt er. Viktoria Sommer wiederum - deren Sohn eines der Kinder am Spielplatz war - findet den Schritt "absurd". Das Land hätte es nicht geschafft, die psychisch Kranken gut zu versorgen. "Warum müssen jetzt alle umziehen?"