Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Armut in NÖ: „Oft wissen wir gar nicht, wenn jemand betroffen ist“

Über 11.600 Menschen in Niederösterreich sind auf Sozialhilfe angewiesen, so die Caritas. Wer sie sind, was sie brauchen und wie ihnen geholfen wird.
Münzen

Bald wird Drazenka Meissl wieder an zahlreiche Türen in ihrer Heimatgemeinde klopfen. Damit ist die Pfarrsekretärin aus Langenlois (Bezirk Krems-Land) nicht allein: Rund 3.000 Freiwillige engagieren sich heuer von Juni bis Mitte Juli an der Caritas Haussammlung. Zunächst unterstützte Meissl die Organisation, seit zwei Jahren geht sie selbst von Haus zu Haus. „Man will halt etwas tun dafür, weil es wichtig ist“, erzählt sie bei einer Pressekonferenz zum Auftakt der Initiative in St. Pölten.

Die Haussammlung habe in den 76 Jahren seit ihrer Gründung nicht an Bedeutung verloren, sagt Hannes Ziselsberger. „Denn Armut ist Realität“, so der Caritasdirektor. Zwar trage das soziale System vieles, aber nicht alles. Hier biete die Caritas rasche, unbürokratische Hilfe. Im Vorjahr konnten rund 700.000 Euro gesammelt werden – Geld, das direkt an Menschen in Not, aber auch in Sozialmärkte, das Mutter-Kind-Haus und die Sozialberatung fließt.

Letztere verzeichnete im Vorjahr rund 12.000 Kontakte, wie Tamara Majnek, Fachbereichsleiterin der Inlandshilfe, schildert. Armutsgefährdete Menschen, die in den Beratungsstellen der Caritas Unterstützung suchen, seien häufig mehrfach belastet – etwa durch Jobverlust, gesundheitliche, psychische oder familiäre Probleme.

Verzerrtes Bild

Wer seinen Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft sichern kann, über keine Rücklagen, kein ausreichendes Einkommen oder Vermögen verfügt, hat einen Anspruch auf Sozialhilfe. Viele Betroffene würden jedoch aus Angst, Scham oder Überforderung keinen Antrag stellen oder notwendige Unterlagen nicht fristgerecht einbringen, so Majnek. Es brauche daher einen klaren, aber auch bewältigbaren Rahmen.

xx

Ziselsberger, Majnek und Riedl bei der Pressekonferenz zum Start der 76. Haussammlung.

Das öffentliche Bild von Armut unterscheide sich stark von der Realität, sagt Christoph Riedl, Generalsekretär der Caritas. Einzelfälle würden den Diskurs dominieren, das Bild von der Sozialhilfe als „Hängematte“ bemüht. „Es gibt wenig Themen, bei denen die gefühlte Wahrheit der Menschen in Österreich so meilenweit entfernt ist von den Tatsachen, wie bei diesem“, so Riedl.

Sozialhilfe in Zahlen

In Niederösterreich beziehen rund 11.600 Menschen Sozialhilfe. Die dafür notwendigen jährlichen Ausgaben liegen bei etwa 60 Millionen Euro – weniger als ein Prozent des Landesbudgets. Im Schnitt erhalten Betroffene monatlich 786 Euro und nehmen die Unterstützung rund acht Monate lang in Anspruch. Die Mehrheit müsse von der Sozialhilfe leben, weil sie keine andere Möglichkeit habe. Mit rund 50 Prozent seien Kinder unter 15 Jahren die größte Gruppe der Bezieherinnen und Bezieher. Darauf folgen Personen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten können und Menschen in Pension.

Aktuelle Entwicklungen - wie die Erhöhung des Versicherungsbeitrags von Arbeitslosen mit Niedrigeinkommen, die ausgesetzte Anpassung von Familienleistungen oder die Anrechnung des Partnereinkommens bei der Notstandshilfe, sieht Ziselsberger kritisch. „Wenn dann etwas passiert, eine Waschmaschine kaputt wird oder eine Stromrechnung überdurchschnittlich hoch ausfällt, dann können sich Menschen diese zusätzlichen Ausgaben oft nicht mehr leisten“, so der Caritasdirektor.

Die Zahl der Sozialhilfebeziehenden sei zwar nicht riesig, dahinter würden jedoch einzelne Schicksale stecken. Oft wisse man gar nicht, wenn jemand im eigenen Umfeld von Armut betroffen sei, gibt Ziselsberger zu bedenken. „Oft ist es gar nicht so spürbar und sichtbar“, so der Caritasdirektor. Eines sei Armut jedoch ebenfalls oft: überwindbar.

Kommentare