Die Feuerwehr Mödling stattet ihre Fahrzeuge  mit Kameras aus, die den „toten Winkel“ auf dem Bildschirm abbilden, erklärt Kommandant Lichtenöcker.

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Sicherheit
10/17/2019

Abbiegeassistent auch bei Blaulicht

Feuerwehren testen erstmals solche Assistenzsysteme. Doch Notwendigkeit und Nutzen sind umstritten

von Katharina Zach

Sobald die Türen geschlossen sind, schaltet sich der Bildschirm ein. Eine kleine Kamera über der Beifahrertür behält die rechte Seite des Feuerwehrautos „im Auge“. Bei der Ausfahrt aus der Garage ertönt ein akustisches Signal. Ebenso, wenn sich ein Kind oder Fahrradfahrer im toten Winkel befindet.

Seit wenigen Wochen rüstet die Freiwillige Feuerwehr Mödling zehn ihrer Einsatzfahrzeuge ab 5,5 Tonnen Gewicht mit Abbiegeassistenzsystemen nach. Freiwillig. „Um sicher am Einsatzort anzukommen“, erklärt Kommandant Peter Lichtenöcker. Sicher für Fußgänger oder Radfahrer, die sich im toten Winkel befinden könnten. Aber auch sicher für die ehrenamtlichen Mitglieder, die die Verantwortung tragen. „Unsere Leute sind ja keine Berufskraftfahrer“, sagt Lichtenöcker. Viele hätten sich am Steuer unwohl gefühlt, wird erzählt.

Nach mehreren tödlichen Unfällen beschäftigt die Diskussion um verpflichtende Lkw-Abbiegeassistenten nicht nur Städte und Gemeinden, die ihre Fuhrparks nachrüsten, sondern auch die Feuerwehren. Doch ob diese künftig verpflichtend – spätestens mit der EU-Vorgabe für neue Lkw ab 2022 – mit den Systemen ausgestattet werden müssen, ist ebenso unklar wie die Frage, ob diese für sie überhaupt mehr Sicherheit bringen.

Kameraden skeptisch

In Linz jedenfalls ist von der im Gemeinderat beschlossenen Nachrüstung auch die Berufsfeuerwehr betroffen. „Wir haben das System derzeit in zwei Fahrzeugen eingebaut“, sagt Albert Riedl, Leiter der Abteilung Feuerwehrtechnik. Dieses gebe optische und akustische Signale ab, sobald sich jemand – oder etwas – im toten Winkel befinde.

30 Fahrzeuge sollen umgerüstet werden – was sich mit 30.000 bis 40.000 Euro zu Buche schlagen wird. Die Kollegen seien aber noch skeptisch, sie würden befürchten, im Falle eines Unfalls stärker zur Verantwortung gezogen zu werden. Zudem sei das System sehr sensibel eingestellt und melde sich oft unbegründet. „Aber es ist ein zusätzliches Sicherheitsfeature“, meint Riedl.

Feuerwehren von Verordnung ausgenommen?

In Wien wiederum, wo derzeit eine Verordnung in Vorbereitung ist, die ab 2021 ein Rechtsabbiegeverbot für Lkw mit mehr als 7,5 Tonnen Gewicht ohne Abbiegeassistenten vorsieht, ist die Vorgangsweise noch nicht ganz geklärt. Da Feuerwehrfahrzeuge als Spezialkraftfahrzeuge zugelassen sind, dürfte die Berufsfeuerwehr von der Regelung ausgenommen sein, meint der Leiter der zuständigen MA 46 (Verkehrsorganisation), Markus Raab. „Das ist noch ein Punkt, der geklärt werden muss“. Eine andere Ansicht vertritt man auf Anfrage im Büro von Vizebürgermeisterin und Verkehrsstadträtin Birgit Hebein. Betroffen wären rund 100 Fahrzeuge.

Feuerwehren warten erste Erfahrungen ab

„Ein Feuerwehrfahrzeug, das im Einsatz ist, ist von einem Frächter zu unterscheiden“, meint auch Michael Miggitsch vom Bundesfeuerwehrverband. Sie seien mit Blaulicht unterwegs; man gehe davon aus, dass andere Verkehrsteilnehmer hier Rücksicht walten ließen. Generell sei bei 90 Prozent aller Fahrten der Lenker nicht allein im Fahrzeug. Am Beifahrerplatz sitze der Fahrzeugkommandant, der den Lenker unterstütze und auf den Verkehr achte, erklärt der Experte.

Zudem bestehe das Risiko, dass bei einer ohnehin schon stressigen Einsatzfahrt mit Blaulicht und eingeschaltetem Funk ein weiteres akustisches Signal den Fahrer zusätzlich belaste. „Deshalb sind die Erfahrungswerte aus Linz und Mödling so wertvoll“, betont Miggitsch.

In Mödling ist man mit den ersten Erfahrungen zufrieden. Denn trotz Beifahrer – letztendlich trage der Lenker die Verantwortung.

Tödliche Unfälle

Ihren  Ausgangspunkt fand die Debatte rund um Abbiegeassistenten im Februar 2019, als ein Neunjähriger auf dem Schulweg von einem abbiegenden Lkw getötet wurde. Besorgte Eltern starteten wenige Tage später eine Petition, die vom Vater des Getöteten unterstützt wurde. Zehntausende Menschen machten bei der Unterschriften-Aktion mit.  

Folgen

Die Debatte erreichte deshalb schnell die Politik, woraufhin der damalige Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) zu einem Sondergipfel in Sachen Lkw-Sicherheit einlud. Das Ergebnis dieser Diskussion war für viele nicht befriedigend: Vorerst wurde keine Verpflichtung für Abbiegeassistenten bei Lkw eingeführt. Andere Sicherheitsvorkehrungen wie Spiegelsysteme sollten zunächst Abhilfe schaffen.  Dass  mit der Verpflichtung noch abgewartet wurde,  hatte mehrere Gründe: Erstens schreibt die EU die Systeme ab 2022 ohnehin vor, zweitens sind die Um- und Einbauarbeiten mit hohen Kosten verbunden und drittens ist vorerst nicht klar, welches System für welche Zwecke am besten geeignet  ist.

Wien prescht vor

In Wien testen die MA48
(Abfallwirtschaft)  und die MA 28 (Straßenverwaltung)  gleich mehrere Systeme. In einer ersten Bilanz nach mehreren Wochen zeigten sich die Wehwehchen. Im Fall der Müllabfuhr schlugen viele Systeme  oftmals  vorschnell an. Dass jedes Mal der Alarm ausgelöst wird, wenn ein Mitarbeiter der MA48 mit einer Mülltonne vorbeigeht, ist natürlich nicht sinnvoll.  
Dennoch ist man mit den ersten Ergebnissen zufrieden. Getestet werden zwei Systeme – eines, das mit Radar arbeitet sowie eines mit Ultraschall. Laut Ansicht von MA46-Leiter Markus Raab eigne sich Ersteres besser.