Chronik | Niederösterreich
01.12.2016

35-Jährige tötete in NÖ ihre Familie und sich selbst

© Bild: APA/HELMUT FOHRINGER

Die 35-jährige Mutter meldete ihre drei Kinder in der Schule ab und erschoss die gesamte Familie.

Hinter der Familientragödie von Böheimkirchen (NÖ) steckt vermutlich ein Tatplan der 35-jährigen Mutter. Es gibt Hinweise, dass Martina R. den Mord an ihren drei kleinen Kindern, ihrem Bruder sowie ihrer Mutter vorbereitet hat. Am Donnerstag hat die Polizei in einem ehemaligen Gasthaus in Schildberg bei Böheimkirchen (Bezirk St. Pölten-Land) eine in dieser Dimension außergewöhnliche Bluttat entdeckt. Im Haus lagen die Leichen von drei Erwachsenen und drei Kindern – alle sechs wiesen Schusswunden auf. Um den genauen Hergang des Dramas zu klären, wurden die Mord- und Tatortspezialisten des niederösterreichischen Landeskriminalamtes angefordert.

Legale Pistole

Ihren ersten Ermittlungen zur Folge dürfte die 35-jährige Frau ihre Mutter Mathilde, 59, ihren Bruder Peter, 41, und ihre eigenen drei Kinder – Michelle, 7, Fabian, 9, und Sebastian, 10, mit einer Pistole erschossen haben. Anschließend dürfte sich die Frau mit der Waffe selbst gerichtet haben. Davon gehen Ermittler anhand der sichergestellten Spuren aus. Bei der Tatwaffe handelt es sich um eine Pistole „Walter 765“, die die Mutter der mutmaßlichen Täterin legal besessen hat. Die genauen Hintergründe der Tat waren zunächst aber unklar. Die Familie war vor rund einem Jahr aus dem wenige Kilometer entfernten Kirchstetten zugezogen. Hannes Haiderer hat ihnen sein ehemaliges Wirtshaus in Schildberg verkauft. "Schrecklich ist das Ganze. Die Familie hat sehr zurückgezogen gelebt. Viel hat man nicht mitbekommen“, erklärt der ehemalige Gastwirt.

Mit Schulbus gefahren

Auch der Bürgermeister von Böheimkirchen, Johann Hell, kannte die Familie nur vom "Hörensagen“. Mehr weiß hingegen eine Nachbarin zu berichten. „Der Einzige mit Führerschein in der Familie war der Bruder. Die Mutter ist täglich mit ihren Kindern im Schulbus mitgefahren und dann zu Fuß wieder nach Hause gegangen.“ Sie wird, was ihre drei Kinder betrifft, als übervorsichtig beschrieben.

In Polizeikreisen vermutet man, dass die 35-Jährige ihren Tatplan schon vor einiger Zeit gefasst haben könnte. Vor einigen Tagen erschien sie jedenfalls in der Volksschule von Böheimkirchen, um ihre drei Kinder für die nächsten Tage vom Unterricht zu entschuldigen. Sie begründete das Fernbleiben damit, dass es ihrer Mutter gesundheitlich sehr schlecht gehen würde und sie mit der Pflege alle Hände voll zu tun habe. „Womöglich war das eine Ausrede, damit niemand Verdacht schöpft, wenn die Kinder plötzlich nicht mehr in der Schule auftauchen“, sagt ein Ermittler.

Nachbar rief Polizei

Stutzig wurde dennoch jemand. Ein Nachbar wunderte sich darüber, dass es seit Tagen im Umkreis des Hauses kein Lebenszeichen von den Kindern gab. Er rief die Polizei, die sich Donnerstagmittag Zutritt zu dem Haus verschaffte und schließlich die Leichen fand. Behördlich lag bisher nicht das Geringste gegen irgend ein Mitglied der Familie vor. Auch nicht was die Obsorge der Kinder betrifft, erklärt der zuständige Bezirkshauptmann Josef Kronister.
Für den Gerichtspsychiater, Reinhard Haller, ist die Bluttat der Frau ein Fall von „erweitertem Selbstmord“. „Sie sind oft depressiv und wollen ihre Liebsten in eine vermeintlich bessere Welt mitnehmen“, sagt Haller.

ABD0059_20161201 - BÖHEIMKIRCHEN - ÖSTERREICH: ZU APA0473 VOM 1.12.2016 - In einem Haus in Böheimkirchen (Bezirk St. Pölten) sin… © Bild: APA/HELMUT FOHRINGER



In den vergangenen Jahren sind in Österreich mehrfach unfassbar erscheinende Bluttaten mit Angehörigen als Opfer verübt worden. In der Regel sind die Täter männlich. Bereits 22 Jahre zurück liegt ein Fall in Niederösterreich, in dem ein 18-Jähriger seine Eltern, den jüngeren Bruder und eine Tante erschossen hat und Selbstmord beging.

1. Dezember 2016: In einem Haus in Böheimkirchen (Bezirk St. Pölten) werden sechs Leichen gefunden. Nach vorläufigen Informationen hat eine Frau ihre drei Kinder im Alter von sieben bis zehn Jahren, ihre Mutter und ihren Bruder erschossen und Selbstmord verübt.

2. Oktober 2016: Ein Polizist erschießt in Wien seine schwangere Freundin und erwürgt am nächsten Tag seinen 21 Monate alten Sohn. Der 23-Jährige täuscht erst eine Abgängigkeit der jungen Frau und des Kindes vor. Der Fall wird nach mehreren Tagen geklärt, der Polizist legt ein Geständnis ab. Da der Fall noch nicht gerichtlich aufgearbeitet ist, gilt für ihn die Unschuldsvermutung.

27. März 2013: In Marchegg (Bezirk Gänserndorf) tötet ein Mann seine Frau und seine Tochter mit einer Schusswaffe. Dann bringt sich der 48-Jährige um. Das Einsatzkommando Cobra wird wegen einer angeblichen Geiselnahme angefordert. Als das Verhandlungsteam aber keinen Kontakt zu dem angeblich in einem Einfamilienhaus verschanzten Mann herstellen kann, verschaffen sich die Beamten Zutritt und entdecken die Leichen.

12. November 2012: Im Tiroler Bezirk Kufstein ersticht ein 51-jähriger Mann seine beiden 13 und 23 Jahre alten Söhne mit einem Küchenmesser und tötet sich danach selbst. Die heftige Gegenwehr der Opfer bleibt wirkungslos. Über das Motiv herrscht Rätselraten.

25. Mai 2012: Ein 37-jähriger Mann kommt in der Früh in eine St. Pöltner Volksschule und holt seinen achtjährigen Sohn und dessen siebenjährige Schwester aus den Klasse. Dem Buben schießt der Mann in den Kopf. Danach flüchtet der Täter und begeht Selbstmord. Der Bub erliegt zwei Tage später seinen Verletzungen. Auslöser der Tat ist möglicherweise der Umstand, dass seine Frau wegen Gewalt in der Familie die Scheidung eingereicht hat.

1. Juli 2008: Ein 66-Jähriger erschießt in Straßhof (Bezirk Gänserndorf) wegen Streitereien um eine Wohnung seine Schwester und seinen Bruder sowie deren Ehepartner und ergreift die Flucht. Rund eineinhalb Monate später wird er festgenommen und schließlich zu 20 Jahren Haft verurteilt.

13. Mai 2008: Ein 39-jähriger PR-Berater tötet mit einer Axt in Wien seine 42-jährige Frau und die gemeinsame siebenjährige Tochter. Dann fährt er nach Oberösterreich und bringt im Einfamilienhaus seiner Eltern in Ansfelden seine 69-jährige Mutter um, als ihm diese die Tür öffnet. Seinen im Fernsehsessel im ersten Stock des Gebäudes schlafenden Vater tötet er ebenso. Schließlich erscheint der Täter noch bei seinem Schwiegervater in Linz und bringt den 80-Jährigen ebenfalls mit der Axt um. Das Motiv des Mannes, der sich in der darauffolgenden Nacht der Polizei stellt: Er hat seinen Angehörigen die Schmach seines finanziellen Ruins ersparen wollen.

9. Jänner 2006: Ein niederösterreichischer Frühpensionist tötet nach einem Streit mit seiner Frau in Mauerbach bei Wien beinahe seine gesamte Familie. Die älteste Tochter findet ihre vier Geschwister im Alter von sieben bis zehn Jahren erdrosselt bzw. mit durchgeschnittener Kehle. Der 50-Jährige hat zuvor seine Ehefrau krankenhausreif geprügelt und begeht nach der Tat Selbstmord.

12. Oktober 1994: Ein 18 Jahre alter HTL-Schüler erschießt im Bezirk Amstetten mit einer Pump-Gun seine Eltern, seinen vier Jahre jüngeren Bruder und eine Tante. Dann begeht er Selbstmord, indem er mit einem Auto gegen eine Hausmauer rast. Der Bursch dürfte sich gegenüber dem Bruder benachteiligt gefühlt haben, was tiefen Hass in ihm auslöste.