Chronik
17.05.2017

Mordprozess nach Messerstecherei: War es Notwehr?

Der Angeklagte beteuert, "unglaubliche Angst" gehabt zu haben. Er plädiert auf Notwehr, obwohl er das Messer zuerst zückte.

Nach einer tödlichen Messerstecherei in Wien-Favoriten hat sich am Mittwoch ein Kosovare wegen Mordes und Mordversuchs am Landesgericht verantworten müssen. Der 34-Jährige Arbeiter hatte am 8. Dezember 2016 in einer Bar in der Quellenstraße auf zwei Polen eingestochen. Obwohl er sein Messer gezückt hatte, ohne dass er angegriffen worden wäre, plädierte er auf Notwehr.

Der 34-Jährige Pole, dem sieben Mal in den Oberkörper gestochen wurde, starb noch an Ort und Stelle. Sein 37 Jahre alter Landsmann kassierte Stiche in den Rücken und in den rechten Unterarm und wurde lebensgefährlich verletzt. Der Angeklagte behauptete, er habe aus Angst vor seinen Kontrahenten, mit denen es bis dahin allerdings zu keinem offenen Streit gekommen war, zum Messer gegriffen. Die Aufgabe der Geschworenen, die die Schuldfrage klären müssen, wurde insofern erleichtert, als das gesamte Geschehen von einer Überwachungskamera aufgezeichnet wurde. Das Video wurde im Großen Schwurgerichtssaal vorgeführt.

Hohe Alkoholwerte

Beide Polen hatten an diesem Abend sehr viel getrunken. Der später Getötete wies fast 2,5 Promille, sein Freund sogar vier Promille auf. Beide verhielten sich aggressiv, wie auf dem Film zu sehen war. Der 34-Jährige soll gegenüber der Kellnerin sinngemäß geäußert haben, er würde den Kosovaren, mit dem sie ein Verhältnis hatte, umbringen. Die Frau versuchte des öfteren, den Mann zu beruhigen.

Als das Duo offensichtlich das Lokal verlassen wollte, stand der Angeklagte auf, klappte sein Messer auf und forderte die Polen zum Gehen auf. Sofort entwickelte sich eine wüste Schlägerei, die verhängnisvoll endete.

Verteidiger Mirsad Musliu (Kanzlei Nikolaus Rast) forderte die Geschworenen auf, das Video wieder und wieder anzuschauen: "Wer schaut wen wann wie an? Das ist die Relevanz in diesem Verfahren. Welcher Mörder wartet? Welcher Mörder versucht, vorher zu kalmieren, sagt geh, geh raus? Das ist kein Mord, das ist Notwehr."

"Letzte Sekunde meines Lebens"

Der Angeklagte meinte, er habe bemerkt, dass die beiden Männer immer aggressiver wurden, vor allem der Kellnerin gegenüber: "Die beiden hätten sicher mitgekriegt, dass wir eine Beziehung haben." Er hätte unglaubliche Angst bekommen. "Ich hab ihr Gesicht gesehen, da war auch nur Angst, und dann hat sie angefangen zu weinen." Er hätte nur zeigen wollen, dass er ein Messer hatte. "Ich bekam sofort einen Faustschlag, mir war schwindlig, einer sagte 'Totmachen'. Ich dachte, das ist die letzte Sekunde meines Lebens."

Richter Stefan Apostol während der Videovorführung: "Man sieht, dass die beiden eigentlich im Begriff waren, zu gehen. Warum sind Sie nicht einfach sitzen geblieben?" "Angst. Angst auch um Veronika. Ich wollte die nur draußen haben", erwiderte der Angeklagte. Die Kellnerin wiederum meinte bei ihrer Aussage, sie habe um sich selbst keine Angst gehabt.

Getränk in Sicherheit gebracht

Der überlebende Pole konnte sich - angesichts vier Promille Blutalkohol - im Zeugenstand nur an wenig erinnern. Eingeprägt hatte sich ihm lediglich, wie sein Freund seinen Oberkörper mit beiden Armen umfasste und "Hilf mir" sagte. Die Wahrnehmung zweier weiterer Gäste differierte, hauptsächlich da beide kein Polnisch verstehen. Ein ältere Dame beschrieb die Polen als sehr aggressiv und hatte das Gefühl, "dass es Notwehr war". Ein gestandener Favoritner wiederum interpretierte das Geschehen als eine Diskussion um die Zeche. "Die haben nicht lauter geredet, als wir beide jetzt", meinte er zum Richter. Als die Rauferei begann, "hab' ich mich zur Palme verdrückt" - nicht, ohne auch sein Getränk mit in Sicherheit zu bringen.