Anschlag in Villach: Der Horror dauerte 84 Sekunden
Das Gebäude durfte nur von außen fotografiert werden
Um 15.51 Uhr marschierte der 23-Jährige auf Männer zu, die an diesem Samstagnachmittag durch die Villacher Innenstadt bummelten.
Eine Minute und 24 Sekunden später war ein 14-Jähriger tot. Fünf Menschen hatten lebensgefährliche Verletzungen.
IS-Horror in Kärnten
Und der Mann, der am 15. Februar 2025 mit einem Taschenmesser zugestochen hat? "Er hat nur gegrinst", erinnert sich eine Polizistin, obwohl sie mit der Dienstwaffe auf ihn gezielt hatte.
Und zeigte einen für das Terrorregime des IS typischen Gruß und ließ sich festnehmen. "Er hat den Horror in Kärnten, in Villach, Realität werden lassen", sagt die Staatsanwältin zu den Geschworenen. Ein Horror, der noch schlimmer hätte enden können, hätte nicht ein Lieferant den Angreifer mit dem Wagen gerammt.
Am Mittwoch beginnt der Prozess gegen den Angreifer im Straflandesgericht Klagenfurt, unter Sicherheitsmaßnahmen, die eine Gratwanderung darstellen: Der Syrer sitzt hinter Panzerglas, es sind vor Prozessbeginn keine Aufnahmen erlaubt, nur das Gerichtsgebäude von außen darf gefilmt oder fotografiert werden.
Journalisten ohne Laptop und Handy
Akkreditierte Journalistinnen und Journalisten müssen jedes elektronische Gerät beim Eingang abgeben, beobachten das Verfahren also ohne Handy, ohne Laptop. Das sei keine Schikane, versichert der Richter, der den Vorsitz in diesem Schwurgerichtsprozess hat, sondern diene dem "Schutz aller Verfahrensbeteiligten". Dass Journalisten dann regelmäßig aufstehen und hinausgehen, um zu berichten, nervt den Richter aber dann doch. Jedenfalls "ein klein wenig", wie er es ausdrückt.
Neu sind solche Einschränkungen bei brisanten Prozessen allerdings nicht, Ähnliches gab es bereits 2018 bei Verfahren in Graz, gegen Staatsverweigerer oder die rechtsextremen Identitären: Handys durften dort zwar mit in den Saal genommen, mussten aber ausgeschaltet werden, die Nutzung war ausdrücklich untersagt. Gerichtspraktikanten waren abgestellt, das zu kontrollieren.
Angeklagter hinter Panzerglas
Ein Angeklagter in einem Panzerglaskobel ist aber Neuland für die österreichische Gerichtsbarkeit, das kannte man bisher aus Russland oder den USA. Im Landesgericht Klagenfurt argumentierte man diese Maßnahme im Vorfeld mit der Gefährlichkeit, die trotz Hand- und Fußfesseln und Bewachung durch Justizwachebeamte von dem Angeklagten ausgehe.
Am Mittwoch sitzt er, mit heller Hose und weißem Hemd, regungslos im Gerichtssaal. Die Handschellen, mit einem Gurt am Oberkörper befestigt, werden die gesamte Zeit über nicht abgenommen. Auf Fragen des Richters antwortet er nicht: "Ich habe schon alles gesagt."
Etwa, dass er zwei Tage vor dem Anschlag dem IS die Treue geschworen habe und "traurig" sei, dass er nicht von der Polizei erschossen wurde. Empfinde er Reue? "Nur dass ich nicht gestorben bin."
Berichten ist eine Gratwanderung
Die Protokolle der Einvernahmen, aus denen der Richter zitiert, sind verstörend, ihre Wiedergabe ist ebenfalls eine Gratwanderung: Zehn Menschen habe er töten wollen, aber keinen "Zugang zu einem Sprengstoffgürtel" gehabt. Als der Richter fragt, ob er so eine Tat erneut begehen würde, gibt der Angeklagte nonverbal Antwort – er nickt.
Keine Einsicht, weiter radikalisiert
Das passt zur Einschätzung des Verfassungsschutzes, der den mittlerweile 24-Jährigen vier Mal befragt hat: Der Syrer sei zwar stets geständig, aber nicht einsichtig gewesen – und jederzeit bereit, erneut einen Anschlag zu verüben.
Strafdrohung: lebenslang
Während der U-Haft hätten die radikalen Ansichten sogar noch zugenommen. Seit 2020 lebte der Mann mit seinem Bruder in Österreich, straffällig war er bis zum 15. Februar nie. Erst kurz vor der Tat habe sich der Mann zurückgezogen, beschreibt die Staatsanwältin. Sie spricht von einer „Blitzradikalisierung“ durch IS-Prediger und islamistische Propaganda auf Tiktok. Sie klagt Mord, mehrfachen Mordversuch und Terrorismus an. Strafdrohung: lebenslang.
Die Fortsetzung ist für Donnerstag geplant.
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