Chronik
04.04.2018

Geschworene drückten sich vor Wiener Terrorprozess

Für Staatsanwalt ist Lorenz K. „bis in Zehenspitzen radikalisiert“, für Verteidiger sind Attentatspläne nur „Hirngespinste“.

Drei Justizwachebeamte – in kugelsicherer Weste, die Hand griffbereit an der Pistole – führten am Mittwoch im Wiener Landesgericht den 19-jährigen Lorenz K. aus der Einzelhaft zum Terrorprozess vor. Der laut Staatsanwalt „bis in die Zehenspitzen radikalisierte“ Angeklagte soll Mithäftlinge dazu gebracht haben, zum Islam zu konvertieren und Sympathien für den IS („Islamischer Staat“) zu entwickeln – so wie es seinerzeit ihm selbst ergangen ist. Auch fand man in seiner Zelle radikale Zeichnungen, zum Beispiel eine Moschee, hinter der ein Sprengsatz hochgeht.

Es war nicht leicht, für den Prozess genügend Geschworene zu finden. Im Vorfeld drückten sich massenhaft Laienrichter – offenbar nachdem sie die zur Debatte stehenden Paragrafen gegoogelt hatten – mit allerlei Entschuldigungen. Die Anklage wirft dem Wiener vor, einen zwölfjährigen Buben zu einem Selbstmordanschlag mit einer Nagelbombe auf einen Weihnachtsmarkt im deutschen Ludwigshafen angestiftet zu haben. Dieser schlug fehl.

Test-Bombe

Gemeinsam mit einem inzwischen 22-jährigen Deutschen und einer 16-Jährigen, mit der der Angeklagte nach islamischem Recht verheiratet ist, soll Lorenz K. auch selbst Anschlagspläne verfolgt haben. Die jungen Männer bastelten laut Anklage Bomben und testeten mit Erfolg einen Sprengsatz in einem Park in Nordrhein-Westfalen. Lorenz K. soll geplant haben, mit seiner Ehefrau einen Rohrbombenanschlag auf den Militärstützpunkt Ramstein in Deutschland durchzu führen.

Und schließlich soll er auch noch „eine Operation in Österreich“, nämlich ein Messer-Attentat, geplant haben. „Wir müssen dankbar sein, dass wir heute hier sitzen und den Prozess führen dürfen. Wäre es nämlich nach der Vorstellung des Angeklagten gegangen, hätten wir eine Vielzahl an Toten zu beklagen“, sagte der Staatsanwalt.

Im Gegensatz dazu stellte Verteidiger Wolfgang Blaschitz seinen Mandanten als fehlgeleitetes Opfer der IS-Propaganda dar. Ein „Strippenführer“ der Terrormiliz in Syrien habe den „gehirngewaschenen“ Lorenz K. „wie im Puppentheater geführt“. Die angeblich geplanten Attentate bezeichnete der Anwalt als „Hirngespinste eines damals 17-Jährigen“, der schon vor seiner Verhaftung „freiwillig“ davon Abstand genommen habe.

Der Angeklagte habe nicht einmal gewusst, dass man den Militärstützpunkt Ramstein mit nur einem „m“ und nicht wie die deutsche Rockband „ Rammstein“ schreibe: „Das ist einer der bestbewachten Plätze, da geht man nicht hin und sagt, ich hab eine Bombe im Taschl und spreng euch alle in die Luft“, sagte Blaschitz. Dass es überhaupt eine selbst angefertigte echte Bombe gegeben habe, streitet Lorenz K. ab. Man habe im Park nur einen Silvester-Knaller gezündet.

Was den Zwölfjährigen betrifft, habe nicht der Angeklagte den Buben angeleitet, sondern eher umgekehrt. „Vergessen Sie alle Vorstellungen, die Sie von einem Zwölfjährigen haben“, sagte der Verteidiger zu den Geschworenen: „Der ist kein heintje-artiger Sängerknabe, der Märchen wie Schneewittchen liest.“ Er habe sich in einer radikalen Gruppe namens „Muslim Task Force“ betätigt, in der Lorenz K. mäßigend aufgetreten sei.

Der IS im Trend

Der Angeklagte schilderte, dass er „mit Religion nichts am Hut“ und als Bub „keinen guten Umgang“ gehabt habe. Nach einem Raubüberfall habe man ihn in Wiener Neustadt als 15-Jährigen mit Erwachsenen in eine Zelle gesteckt. Er sei im Gefängnis zum Islam konvertiert und mit dem IS in Kontakt gekommen: „Der war voll im Trend.“

Am Donnerstag soll der inzwischen 14-jährige Deutsche via Video-Konferenz als Zeuge einvernommen werden.