© Bühne Baden/Gregor Nesvadba

Chronik Geschichten mit Geschichte
07/02/2022

Wie der alte Kaiser ins „Weiße Rössl“ kam

In der Rolle des Franz Joseph treten seit je her Publikumslieblinge auf

von Georg Markus

Das Singspiel „Im weißen Rössl“ wurde am 8. November 1930 in Berlin uraufgeführt. Den 80-jährigen Kaiser spielte der damals 36-jährige Paul Hörbiger. Und er hat die Rolle für alle Zeiten geprägt. Hörbiger schreibt in seinen Memoiren, er hätte Franz Joseph laut Skript „als alten Trottel“ darstellen sollen. Er weigerte sich, das zu tun: „aus Respekt vor dem Kaiser und weil ich unter ihm (in der k. k. Armee, Anm.) gedient habe“.

Da sie Paul Hörbiger unbedingt für die Rolle haben wollten, blieb den Autoren nichts anderes übrig als den Text des Kaisers radikal zu ändern – und so ist die Figur bis heute „Im Weißen Rössl“ geblieben: ein gütiger, alter Herr, aber kein „Trottel“.

Das „Rössl“ freilich bleibt ein Anachronismus, denn die Handlung spielt in den 1920er-Jahren, obwohl der kaiserliche „Kurgast“ Franz Joseph schon 1916 verstorben ist. Die aktuelle Badener Inszenierung handelt sogar in den 1950er-Jahren.

Der Franz Joseph im „Weißen Rössl“ ist für jeden Darsteller eine besondere Herausforderung. Ihn spielten nach Hörbiger auch Publikumslieblinge wie Hans Holt, Rudolf Forster, Johannes Heesters und Harald Serafin. In Baden wird er von Kammersänger Heinz Zednik dargestellt: „Wenn ich als Franz Joseph auftrete“, sagt er, „spüre ich, dass die Sympathie im Publikum auch dem Kaiser gilt. Er ist immer noch ein Symbol des alten Österreich, das – mit allen Fehlern, die er begangen hat – die Monarchie zusammenhielt. Und man denkt an die unglaublichen Schicksalsschläge, die er erleiden musste. Letztlich bleibt er als integre Figur in Erinnerung.“ Auch „Im weißen Rössl“.

Applaus für den Kaiser

Hans Holt spielte den Kaiser in den 1930er-Jahren, als dieser noch vielen im Publikum präsent war. Kaum hatte Holt die Bühne betreten, wurde er mit stürmischen Ovationen begrüßt. Als er stolz nach dem ersten Auftrittsapplaus seines Lebens in die Garderobe zurückkehrte, holte ihn ein erfahrener Kollege in die Realität zurück: „Glaub nur ja nicht, dass der Applaus dir gegolten hat. Der war für’n Kaiser!“

Heute, Sonntag, um 20.15 Uhr ORF III live aus der Sommerarena Baden: „Im weißen Rössl“ nach dem Lustspiel von Oscar Blumenthal und Gustav Kadelburg. Musik: Ralph Benatzky, Robert Stolz, Bruno Granichstaedten, Robert Gilbert. Mit Verena Scheitz (Rössl-Wirtin), Boris Pfeifer (Leopold), Oliver Baier (Sigismund), Heinz Zednik (Kaiser) u. v. a. Regie: Isabella Gregor.

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