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Chronik Geschichten mit Geschichte
04/18/2022

"Wenn der Steffl wieder wird so wie er war“

Wiens Wahrzeichen. Vor 70 Jahren wurde der im Krieg zerstörte Stephansdom feierlich wiedereröffnet.

von Georg Markus

Seit sieben Wochen sehen wir Tag für Tag wie Menschen getötet und Gebäude zerstört werden. Doch wir können nicht erahnen, wie es wirklich ist, das Dach über dem eigenen Kopf einstürzen und im Nebenhaus Sprengkörper explodieren zu sehen. Unsere Eltern und Großeltern kannten das, sie haben miterlebt wie im Zweiten Weltkrieg Österreichs Städte in Trümmern lagen. Damals, als auch das Wahrzeichen des Landes in einem Flammenmeer unterging. Umso größer war die Freude, als der neu aufgebaute Stephansdom vor 70 Jahren feierlich wiedereröffnet wurde.

Zehntausende Menschen

In der Wiener Innenstadt versammelten sich an diesem 26. April 1952 Zehntausende Menschen, die dabei sein wollten, wenn Kardinal Innitzer das „Nationalheiligtum“, wie er sagte, weihte. Wer die Ruine in den Nachkriegstagen gesehen hatte, konnte sich nicht vorstellen, dass es möglich sein würde, das damals mehr als 800 Jahre alte Gotteshaus wieder aufzubauen. Zu viele Schäden waren entstanden.

Hans Moser hat nach dem Krieg gesungen „Wenn der Steffl wieder wird so wie er war, so übers Jahr ...“ Freilich „übers Jahr“ ging es dann doch nicht, der Wiederaufbau dauerte sieben Jahre und kostete die unvorstellbare Summe von 27 Millionen Schilling, wobei ein großer Teil durch Spenden der Bevölkerung aufgebracht wurde.

„Gewaltige Leistung“

Dass der Steffl in seiner ganzen gotischen Pracht wieder dastand, hat man sogar im Vatikan zur Kenntnis genommen. Papst Pius XII. war beim Festgottesdienst am Sonntag nach der Wiedereröffnung via Funk zugeschaltet und würdigte auf Deutsch, dass die Österreicher „eine gewaltige Leistung vollbracht“ hätten. An der Messe nahmen Bundespräsident Theodor Körner, alle Bischöfe des Landes und die Bundesregierung teil.

Heute wie damals blickt man zurück zu den Anfängen des Doms: Wien war, als 1137 mit dem Bau begonnen wurde, eine mittelalterliche Stadt, die mit nur 10.000 Einwohnern knapp davorstand, von den Babenbergern zur Residenz erhoben zu werden. Um die ursprünglich spätromanische Basilika wurde Wiens größter Friedhof angelegt, der erst in der Zeit Maria Theresias vollständig abgetragen wurde. Kulturhistorisch einzigartig ist der Dom auch wegen seiner Bauzeit von 400 Jahren. Zur Mitte des 13. Jahrhunderts entstand das prunkvolle Riesentor, 100 Jahre später der 137 Meter hohe Südturm und das spätgotische Langhaus.

Mehrere Katastrophen

Im Lauf seiner Geschichte wurde der Steffl von mehreren Katastrophen heimgesucht. Der erste Großbrand am 7. August 1258 zerstörte weite Teile der Kirche, ein Erdbeben im 16. Jahrhundert brachte sie ein weiteres Mal in Gefahr. Doch der schlimmste Schaden entstand im April 1945, als der Dom drei Tage lang brannte. Es waren keine Bomben, die ihn zerstörten, sondern Plünderer, die benachbarte Geschäftslokale ausraubten und dann anzündeten, um ihre Spuren zu verwischen.

Funken sprangen auf den Dom über, demolierten den hölzernen Dachstuhl, das südliche Seitenschiff, Teile des Mittelschiffs, wertvolle Denkmäler, Glasfenster, die 22 Tonnen schwere Pummerin ... Es ist zwei Männern zu danken, dass der Dom nicht noch mehr oder gar völlig zerstört wurde: Als Wien durch die Alliierten befreit war, erhielt die abziehende deutsche Wehrmacht von Hitler den Befehl, „den Dom in Schutt und Asche zu legen“.

Befehlsverweigerung

SS-Stadtkommandant Sepp Dietrich leitete die Anordnung an Hauptmann Gerhard Klinkicht (1915-2000) weiter, doch der empfand die Vernichtung des Doms als „Wahnsinnstat“ und befolgte den Befehl nicht, womit er die Todesstrafe riskierte. 1997 enthüllte Kardinal Schönborn im Südturm der Kirche eine Tafel, die an den „Retter des Stephansdoms“ erinnert.

Der zweite Held in diesen Tagen des Schreckens war der Domkurat Lothar Kodeischka (1905-1994), der die Kirche „notfalls bis zum Tod“, wie er sagte, verteidigte. Er entdeckte immer neue Brandherde, die er mit primitiven Mitteln, oft nur mit Wasser gefüllten Kübeln, zu löschen versuchte, da effiziente Feuerwehreinsätze während der „Schlacht um Wien“ nicht mehr möglich waren. Als das mächtige Gewölbe über ihren Köpfen einstürzte, entgingen der Domkurat und eine Helferin knapp dem Tod.

180 Arbeiter

Als Kardinal Theodor Innitzer das volle Ausmaß der Zerstörung des Doms sah, war er gleich vom scheinbar Unmöglichen überzeugt: „Wir werden ihn eben wieder aufbauen“. Und die Wiener packten an, entfernten aus der verwüsteten Kirche schon in den ersten Monaten mit einer gewaltigen Kraftanstrengung 4.500 Kubikmeter Schutt, der vorerst vor dem Erzbischöflichen Palais gelagert wurde. Am Wiederaufbau des Doms waren dann 180 Arbeiter ständig beschäftigt. Bei der feierlichen Wiedereröffnung 1952 war der Steffl zwar einigermaßen wiederhergestellt, aber noch lange nicht vollständig, die allerletzten Kriegsschäden wurden erst 1983 behoben.

Sturz in den Tod

Der Dom steht im Mittelpunkt mehrerer Legenden, die berühmteste ist wohl die vom Dombaumeister Hans Puchsbaum (um 1390-1454), der während der Bauarbeiten in schwindelnder Höhe, auf dem Kirchengerüst stehend, am Stephansplatz seine Braut sah und ihr „Maria“ zurief. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte in den Tod.

Der bis heute populärste Dombaumeister ist Anton Pilgram (um 1460-1515), schon wegen seines als „Fenstergucker“ bekannten Selbstporträts, das er am Fuße der spätgotischen Kanzel geschaffen hat. Der „Fenstergucker“ ist immer noch im Originalzustand vorhanden.

Bis heute unvollendet

Der Nordturm aber ist – wenn auch aus ganz anderem Grund – bis heute unvollendet geblieben: Als Wien nämlich am Beginn des 16. Jahrhunderts wegen der drohenden Türkeninvasion das Geld ausging, wurden die Bauarbeiten zum Dom abgebrochen. Der Turm ist nur halb so hoch, wie ihn Meister Puchsbaum einst geplant hatte. So bleibt es dem Südturm allein vorbehalten, die ganze Stadt zu überragen.

 

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