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Chronik Geschichten mit Geschichte
12/12/2021

Unsere großen Ärzte

Österreichs Mediziner erfreuen sich nicht erst seit Beginn der Pandemie großen Ansehens. Wien brachte im Lauf der Jahrhunderte eine ganze Reihe bedeutender Ärzte hervor

von Georg Markus

Das berüchtigte Pferdeentwurmungsmittel zur Heilung von Covid-19 ist zwar ein „Medikament“ unserer Tage, aber Kurpfuscher hat es auch früher schon gegeben. Sie verschrieben Rote Rüben gegen die Spanische Grippe, Quecksilber gegen Syphilis und Tabak gegen die Cholera. Doch glücklicherweise gab es auch bedeutende Ärzte, die dieser und anderer Krankheiten durch ernsthafte Forschung tatsächlich Herr wurden. In Österreich waren das vor allem die Vertreter der Wiener Medizinischen Schule.

Komplizierte Geburt

Der jüngeren Schwester der Kaiserin Maria Theresia stand eine schwierige Geburt bevor. Da sprach sich bis an den Wiener Hof herum, dass es in Holland einen fortschrittlichen Arzt namens Gerard van Swieten gab. Er wurde an das Wochenbett der Erzherzogin Maria Anna geholt – und konnte ihr nicht mehr helfen. Doch der junge Mediziner hatte einen derart kompetenten Eindruck hinterlassen, dass er als Leibarzt der Kaiserin und als oberster Medizinverwalter nach Wien berufen wurde. Das war die Geburtsstunde der berühmten Ersten Wiener Medizinischen Schule.

Van Swieten erkannte, dass Österreichs Heilkunde im Mittelalter stecken geblieben war und reorganisierte alle Sparten der Wissenschaft. So führte er die tägliche Fiebermessung von Patienten ein und eruierte durch jahrelange Vergleiche die mittlere Körpertemperatur. Diese Anwendung trat von Wien aus ihren Siegeszug um die Welt an.

Am Obduktionstisch

Während das Sezieren bis dahin verpönt war und von der katholischen Kirche als Leichenschändung bezeichnet wurde, schuf van Swieten die Voraussetzungen zur Obduktion aller in Krankenhäusern verstorbenen Patienten. Am Obduktionstisch zogen die Mediziner dann die Lehren zur Heilung vieler Krankheiten.

Nach van Swietens Tod im Jahr 1772 verlor Österreichs Ärzteschaft wieder an Bedeutung. Paris lief Wien den Rang als „Mekka der Medizin“ ab. Doch zur Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten österreichische Ärzte wieder ungeheuren Ehrgeiz, der zu neuen Höchstleistungen führte, womit die Zweite Wiener Medizinische Schule begründet war.

Sie fand ihre Heimstätte in dem von Kaiser Joseph II. geschaffenen Allgemeinen Krankenhaus, das in aller Welt Aufsehen erregte, weil hier jeder Patient – im Gegensatz zu anderen Spitälern – über ein eigenes Bett verfügte. Hier wurden wichtige Instrumente erfunden wie der Kehlkopfspiegel, das Gastroskop oder der Blutdruckmesser. In Wien errichtete man auch die erste Augenklinik der Welt.

Kindbettfieber

Einer der bedeutendsten Mediziner dieser Zeit war Ignaz Semmelweis, dem es gelang, das tödliche Kindbettfieber zu besiegen. Zunächst stieß er bei seinen Kollegen nur auf Ablehnung, da er dem Ärztestand die Schuld am Tod vieler Mütter gab. „Wir sind Mörder“, sagte er bewusst provokant, „ich selbst wage nicht daran zu denken, wie viele Gräber ich mit meinen untersuchenden Händen geschaufelt habe.“

Fast ein Viertel der schwangeren Frauen war damals einer geheimnisvollen Krankheit erlegen, der Semmelweis auf den Grund ging: Ärzte und Studenten, die in der Prosektur gearbeitet hatten, übertrugen das tödliche Leichengift auf Schwangere, worauf diese am Kindbettfieber starben. Semmelweis erkannte die Notwendigkeit der Desinfektion der ärztlichen Hände und wurde damit zum „Retter der Mütter“. Doch er sollte die Folgen seiner beispiellosen Entdeckung nicht erleben. Er starb, nur 46 Jahre alt, in geistiger Umnachtung.

Theodor Billroth ging als der bedeutendste Chirurg in die Geschichte der Medizinischen Schule ein. Der auf der deutschen Insel Rügen geborene Arzt – nebenbei auch ein begnadeter Musiker aus dem Kreis um Johannes Brahms – entwickelte in Wien völlig neue Operationstechniken, er entfernte zum ersten Mal Teile des Magens und rettete damit vielen an Krebs erkrankten Patienten das Leben. Billroth verbesserte die Operationsmethoden an Leber, Milz, Harnblase, Gebärmutter und den Eierstöcken. Seine Techniken gehören heute noch als „Billroth I, II, III“ usw. zum Standardrepertoire jedes Chirurgen.

Millionen Menschen verdanken dem aus Baden bei Wien stammenden Arzt Karl Landsteiner ihr Leben. Durch die Entdeckung der Blutgruppen (A, B, AB, 0) wurden am Beginn des 20. Jahrhunderts die Grundlagen der modernen Medizin geschaffen, als er im Alter von 33 Jahren in seinem Labor erkannte, dass Blut nicht gleich Blut ist. Ein Großteil der Patienten war bis dahin mit dem „ausgetauschten Blut“ auf rätselhafte Weise verstorben, jetzt erst konnten lebensrettende Bluttransfusionen durchgeführt werden.

Nobelpreis für Medizin

Ohne Landsteiner, der 1930 mit dem Medizinnobelpreis ausgezeichnet wurde, wären Herzoperationen und andere Eingriffe mit hohem Blutverlust ebenso undenkbar wie die Behandlung bösartiger Tumore und die Rettung vieler Unfallopfer.

Die Liste großer Ärzte, die in Österreich forschten, ist viel länger; sie reicht vom Pathologen Carl von Rokitansky über die Neurologen Julius Wagner-Jauregg und Sigmund Freud bis zum Unfallchirurgen Lorenz Böhler. Die Liste wäre noch länger, hätten die Nationalsozialisten nicht einige der besten Mediziner aus ihrer Heimat vertrieben.

Impfstoff gegen Zecken

Auch in der Virologie, um die sich seit zwei Jahren alles dreht, hat Österreich eine Koryphäe hervorgebracht. Er lebte, da die Virologie ein relativ junges Fachgebiet der Medizin ist, viel später als die Ärzte der legendären Wiener Medizinischen Schule. Der aus Linz stammende Christian Kunz beschäftigte sich in den frühen 1970er-Jahren mit der Erforschung eines Impfstoffs gegen Zecken. Dabei wagte er einen lebensgefährlichen Selbstversuch, indem er sich FSME-Viren injizierte. Als er deren gute Verträglichkeit feststellte, war die Zeckenimpfung geschaffen, die seither Millionen Menschen in aller Welt gerettet hat.

Christian Kunz gründete und leitete das coronabedingt in unseren Tagen fast täglich zitierte Wiener Institut für Virologie und gilt als Österreichs „Vater der Virologie“.

Er starb 2020 in seinem 93. Lebensjahr.

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