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Chronik Geschichten mit Geschichte
06/06/2020

Sacher: Wieder im Separee

Wiens berühmtestes Hotel nimmt seine alte Tradition der Separees wieder auf. Da werden Erinnerungen an pikante Geschichten wach

von Georg Markus

In schweren Zeiten darf man sich’s nicht leicht machen. Das erkannte die Geschäftsführung des Sacher und griff auf ihre populärste Legende zurück. Bis Ende Juni gibt’s in Wiens berühmtestem Hotel wieder Separees. So stehen die coronabedingt derzeit schwer vermietbaren Zimmer und Suiten der Nobelherberge für Frühstück, Mittag- oder Abendessen kostenfrei zur Verfügung – zu bezahlen sind nur die Speisen und Getränke. Auf diese Weise will man statt der sonst so zahlreich ins Sacher strömenden ausländischen Klientel österreichisches Publikum anlocken.

Mit einem süßen Mädel

Die Sacher-Separees erzählen eine pikante Geschichte. Nicht nur Schnitzlers Anatol soll in solch einem diskreten Extrazimmer mit seinem „süßen Mädel“ soupiert haben, sondern auch leibhaftige Staatsmänner, Aristokraten und Industrielle.

Insgesamt gab es im ersten Stock des Sacher zwölf solcher Separees, die ursprünglich für ganz harmlose Zwecke errichtet worden waren. Hier sollten, unbemerkt von den übrigen Restaurantgästen, politische und geschäftliche Gespräche stattfinden. Und sie fanden auch wirklich statt. In einem der Räume wurden historische Verträge zwischen der österreichischen und der ungarischen Reichshälfte abgeschlossen, in einem anderen hatte Ministerpräsident Stephan Graf Tisza eine politische Unterredung – wenige Tage bevor er im Oktober 1918 einem Attentat zum Opfer fiel.

Ballettmädchen der Oper

Doch nur aufgrund solch hochseriöser Verhandlungen und Geschäftsessen wären die Separees nicht so berühmt geworden. „Soupieren geht über Regieren“, lautete die Devise, der bald Grafen, Fürsten und Erzherzöge huldigten, um die verschwiegenen Räumlichkeiten des Sacher für ihre Rendezvous mit den Ballettmädeln der gegenüberliegenden Hofoper zu beziehen.

Bequeme Plüschsofas

„Die Separees waren mit roter Seide tapeziert“, beschreibt Leo Mazakarini die exklusiven Extrazimmer in seinem Buch Das Hotel Sacher zu Wien. „Samtvorhänge lieferten entsprechend diskrete Atmosphäre. An der Decke hingen Kronleuchter, an den Wänden Kristallspiegel; neben einem Esstisch standen da bequeme Plüschsofas.“ In dieser Stimmung ließ es sich nach einem famosen Diner und bei einer Flasche Champagner zärtlich zur Sache kommen.

Die Aufsicht über die für delikate Abenteuer vermieteten Separees des 1876 erbauten Hotels hatte der Oberkellner Wagner, der 50 Jahre lang in Sachers Diensten stand. Sein einziger Kommentar, nach dem Geschehen in den Separees befragt, lautete: „Die das alles erlebt haben, wissen es. Und die das alles nicht kennen, was kann die das interessieren?“ Was tatsächlich hinter den schweren Eichentüren der Separees geschah, das hat der Ober Wagner bis an sein Lebensende für sich behalten. Die Trinkgelder waren wohl entsprechend.

Angeblich hat sogar die legendäre Hotelchefin Anna Sacher nicht gewusst, was sich in ihren sagenumwobenen Separees abspielte, vermutete die Historikerin Ann Tizia Leitich: „Was nebenbei in den später so berühmten – oder wenn man will, berüchtigten – Chambre Separees vorging, wer dorthin dicht verschleiert zum Rendezvous kam, um drinnen in der Zweisamkeit der vier Wände vor eisgekühltem Champagner und silberblinkend gedecktem Tisch mit heißen Handküssen empfangen zu werden, das entzog sich auch den immer wachen Augen der Frau Sacher.“

Was vor sich ging

Ich glaube, hier wurden die immer wachen Augen der Frau Sacher etwas unterschätzt – die clevere Prinzipalin wusste natürlich sehr genau, was in ihren Separees vor sich ging.

Die bekannteste Anekdote über die Separees gibt es in mehreren Versionen, eine davon lautet: Erzherzog Otto – genannt „der schöne Otto“ und seinerseits Vater des späteren letzten Kaisers Karl – champagnisierte mit einer Balletteuse im Sacher-Separee. Als Kaiser Franz Joseph vom skandalösen Aufenthaltsort seines Neffen erfuhr, schickte er einen Boten mit dem Befehl, der Erzherzog möge augenblicklich in die Hofburg kommen: „Und zwar so wie er grade ist!“ – Daraufhin sei ein groß gewachsener Herr über die Ringstraße marschiert, der mit nichts anderem bekleidet war als mit weißen Handschuhen, Reitstiefeln und seiner Uniformkappe.

Der damalige Ruf

Die Geschichte ist garantiert erfunden, aber man kann sich ausmalen, welchen Ruf das Sacher damals hatte.

Fest steht somit, dass die Sachertorte nicht die einzige Sünde ist, die man hier genießen konnte.

georg.markus

History-Experte
Georg Markus schreibt seit 2003 für den KURIER „Geschichten mit Geschichte“ und versteht es, diese ebenso spannend wie unterhaltsam aufzubereiten

Die Story
Die Legende Anna Sacher und ihre exklusiven Separees

Buchautor
Der KURIER-Kolumnist hat viele Bücher, meist über österreichische Geschichte, verfasst, die Bestseller sind und in viele Sprachen übersetzt wurden