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Ein heißer Sommer-Sonntag, den niemand vergessen kann

Am 1. August 1976 stürzte die Wiener Reichsbrücke ein. Und Niki Lauda zog sich am Nürburgring schwerste Verletzungen zu.
Die eingestürzte Reichsbrücke, vorne der Bus, dessen Fahrer leicht verletzt überlebte.

Es war ein Tag, der Österreich erschütterte. Am 1. August 1976 meldeten die Morgennachrichten im Radio, dass die Wiener Reichsbrücke eingestürzt sei. Und am Nachmittag erfuhr man, dass Österreichs Nationalidol Niki Lauda bei einem Formel‑1‑Unfall am Nürburgring verunglückt sei. Mit beiden Fällen hatte ich am Rande zu tun. 

Das mit der Reichsbrücke wollte man einfach nicht glauben. Wird halt irgendein Pfeiler einen Sprung haben, und die Kollegen vom ORF bauschen das zu einer Sensationsstory auf. Doch mein achtjähriger Neffe überredete mich, mit ihm zu der Brücke zu fahren, die es  angeblich nicht mehr gibt. Und da lag Wiens wichtigste Verkehrsverbindung über die Donau tatsächlich in den Fluten. Ebenso gut hätte das Riesenrad umfallen oder das Burgtheater einstürzen können. Wien war nicht mehr Wien.

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Vorgängerin: Die Kronprinz-Rudolf-Reichsbrücke.

Im Lauf des Tages wurden immer mehr Details bekannt. Das Drama hatte sich frühmorgens um 4.40 Uhr ereignet. Der 22‑jährige Techniker Karl Kretschmer wollte die Brücke mit seinem Pkw genau in diesem Augenblick überqueren und kam dabei ums Leben.
Gleichzeitig stürzte der 49‑jährige Chauffeur Emmerich Volcamsek mit seinem städtischen Autobus der Linie 26 A in die Donau, kam aber mit leichten Verletzungen davon. Jahre später befragte ich ihn zu diesem Ereignis. „Es war der schrecklichste Tag meines Lebens“, sagte er, „und das, obwohl ich im Krieg in meinem Wohnhaus einen Bombenanschlag miterlebt habe. Aber gegen den Schock, als ich auf der einstürzenden Reichsbrücke durch den Bus geschleudert wurde, hab ich sogar die Bomben in harmloser Erinnerung.“


Das „Glück“ an der Katastrophe dieses heißen Hochsommer-Sonntags war die Tageszeit: Stunden später hätten Hunderte Wiener die Brücke überquert, um ins Gänsehäufel oder ein anderes Strandbad zu gelangen. Die meisten von ihnen wären chancenlos gewesen.
Kaum war der erste Schreck überwunden, „fahndete“ Wiens damaliger Bürgermeister Leopold Gratz fieberhaft nach dem zuständigen Brückenstadtrat Fritz Hofmann. Doch der war auf ausgedehnter Wanderung durch die Schweizer Alpen und nicht  erreichbar. Als er fünf Tage später endlich in Wien eintraf, zog er die politischen Konsequenzen und trat zurück (um denselben Posten Jahre später wieder anzutreten).

SCHWIMMEN FÜR EINE DONAU OHNE MIKROPLASTIK

Die nach dem Einsturz errichtete heutige Reichsbrücke.

Im Gegensatz zum Einsturz der Morandi-Brücke am 14. August 2018 in Genua, bei dem 43 Menschen ums Leben kamen und als dessen Folge am Donnerstag 32 Manager und Ingenieure zu bis zu 12 Jahren Haft verurteilt wurden, gab es nach dem Reichsbrückenunglück kein Gerichtsverfahren. Allerdings hatte hier eine unabhängige Experten-Kommission festgestellt, dass das Wiener Brückendrama „weder vorhersehbar noch auf schuldhaftes bzw. fahrlässiges Verhalten zurückzuführen“ gewesen sei. „Auch eine eingehende Prüfung der Reichsbrücke hätte den Einsturz nicht verhindern können“, eine Untersuchung der schadhaften Betonteile hätte „nur durch vorherige Zerstörung des gesamten Bauwerks durchgeführt werden können.“ Als Ursache wurde ein Konstruktionsfehler der 1934 bis 1937 errichteten Reichsbrücke genannt. In Wien wurde somit niemand zur Verantwortung gezogen. 
 

Die so unglücklich in die Donau gestürzte Brücke war nicht die erste Flussüberführung an dieser Stelle. Ihre Vorgängerin war 1876 als Kronprinz‑Rudolf‑Reichsbrücke gebaut worden. Deren Zustand war schon in der Ersten Republik so desolat, dass die Passagiere der überquerenden Straßenbahnzüge aussteigen mussten, um die Tragfähigkeit der Brücke nicht zu gefährden. Zuletzt durfte sie überhaupt nur noch von Fußgängern benützt werden.

Formel 1 1976 - Unfall von Niki Lauda auf dem Nürburgring

Das brennende Auto, aus dem Lauda gerettet wurde.

Es war also höchste Zeit, eine neue Brücke zu bauen: Es wurde eine „Kettenbrücke“, die als sicherste Konstruktion ihrer Zeit galt (bis sie 1976 zusammenbrach).
Am 10. Oktober 1937  feierlich eröffnet, wurde die zweite Reichsbrücke im Krieg heiß umkämpft und schwer beschädigt. 1945 von den sowjetischen Besatzern zur „Brücke der Roten Armee“ erklärt, hat sie auch das überstanden, ja sogar die Belastung von 50.000 Autos an starken Bade-Sonntagen. 


Bis sie am 1. August 1976 ohne jede Vorwarnung in die Donau stürzte. Danach wurde um 900 Millionen Schilling eine neue - die dritte und heutige - Reichsbrücke errichtet.
Das Aufsehen, das der Einsturz der Reichsbrücke erregte, überschattete zunächst den Niki-Lauda-Unfall. Während man nämlich bei der Brücke das Ausmaß des Unglücks sofort erkannte, lag „Niki Nationale“ im Klinikum Mannheim, ohne dass seine Fans den Grad seiner Verletzungen sehen konnten.


Auch hier wurde ich zum Zeitzeugen, da Lauda vier Wochen nach dem Unglück im Salzburger Schloss Fuschl eine Pressekonferenz gab, in der  Journalisten zum ersten Mal seine schweren Verletzungen sahen - einer von ihnen war ich. Niki Lauda erklärte dort, weiterhin Rennen fahren zu wollen und kommentierte seine Brandwunden fast emotionslos: „Wie ich ausschau, ist mir wurscht, ich lebe vom rechten Fuß und nicht vom Gesicht ... ich bin ja kein Dressman.“ Sieben Wochen nach dem Unfall saß er wieder am Steuer seines Ferrari, um zwei weitere Male (1977, 1984) Weltmeister in der Formel 1 zu werden.

Formula 1- Niki Lauda after his accident 1976

Niki Lauda  bei der Pressekonferenz nach dem Unfall.

Niki Lauda starb am 20. September 2019 mit 70 Jahren nach einer Lungentransplantation, die vermutlich als Spätfolge des Unfalls nötig war, da seine Lunge durch Rauchgas und giftige Dämpfe schwer geschädigt wurde.
Der 1. August 1976 war ein Tag, den wohl niemand, der ihn erlebt hat, je vergessen kann.

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