Über 100 Jahre später: Radetzky kehrt nach Wien zurück
Wenn man beim Neujahrskonzert den Radetzkymarsch als krönenden Abschluss hört, könnte man meinen, der berühmte Feldherr sei gebürtiger Wiener gewesen, so wienerisch klingt die zündende Melodie. Doch Josef Wenzel Graf Radetzky entstammt einem böhmischen Adelsgeschlecht, und es war daher naheliegend, dass er nicht nur auf der Wiener Ringstraße, sondern auch in der Prager Altstadt ein monumentales Denkmal erhielt.
Symbol für Habsburg
Als jedoch die kaiserlich-königliche Welt 1918 zusammenbrach, wurde auch in der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik vieles von dem beseitigt, das an die alte Monarchie erinnerte. Dazu gehörte auch das Radetzky-Denkmal in Prag, das als Symbol des Hauses Habsburg gesehen wurde. Anders als in Wien, wo „der alte Radetzky“ an seinem prominenten Standort am Stubenring verbleiben durfte, wurde das Prager Monument im Jahr 1919 abgetragen.
Verstecktes Denkmal
Doch es wurde nicht demoliert, sondern im Nationalmuseum der jungen Republik untergebracht, viele Tschechen sagen: versteckt.
Der Prager Architekt Jan Bárta kämpft seit fast 20 Jahren an der Spitze der Bürgerbewegung „Radetzky Praha“ dafür, dass „eine der schönsten öffentlichen Skulpturen“ der Stadt wieder an den Kleinseitner Ring (Malostranské náměstí) zurückkehrt. Laut Bárta hätte sich die Einstellung der Bevölkerung zu ihrer Geschichte im Lauf des letzten Jahrhunderts erheblich geändert: „Das Verständnis hat sich von den revolutionären Emotionen der Zeit nach 1918 weiterentwickelt“, meint er. „Radetzky ist als herausragender Heerführer und international geachtete militärische Führungspersönlichkeit Teil der tschechischen Geschichte.“
Jan Bártas Kampf hat sich gelohnt. Der Prager Gemeinderat hat sich kürzlich mit 41 zu 4 Stimmen für die Rückkehr des Denkmals ausgesprochen. Damit ist sichergestellt, dass Radetzky wieder an den Kleinseitner Ring kommt. Offen ist nur, ob es das Originaldenkmal sein wird oder eine neu zu schaffende Nachbildung. Denn bei der Frage hat auch das Kulturministerium ein Wörtchen mitzureden. Die Übersiedlung des Originals würde als die günstigere Variante umgerechnet zwischen 600.000 und 1,2 Millionen Euro kosten und wird auch aus diesem Grund von der Prager Stadtregierung bevorzugt.
Bedeutender Heerführer
Josef Wenzel Graf Radetzky von Radetz kam 1766 auf Schloss Třebnice in Nordböhmen zur Welt und wuchs nach dem frühen Tod seiner Eltern in Prag, Brünn und Wien auf, wo er das Theresianum absolvierte. Aufgrund seines schmächtigen Körperbaues wurde ihm die Aufnahme in den Militärdienst vorerst verwehrt, doch machte er, als er es beim zweiten Anlauf schaffte, eine glänzende Karriere. Radetzky nahm an 17 Feldzügen teil, spielte beim Sieg in der Völkerschlacht bei Leipzig eine entscheidende Rolle und gilt als einer der bedeutendsten Heerführer des 19. Jahrhunderts. Er hat der k. k. Armee 72 Jahre lang (!) u. a. als Generalstabschef gedient und entschied im Alter von 82 Jahren noch die Schlacht bei Novara für Österreich. 1857 trat er mit 90 Jahren in den Ruhestand.
Als Radetzky am 5. Jänner 1858 starb, wurden in Wien wie in Prag Stimmen laut, ihm zu Ehren würdige Monumente zu schaffen. Während das Prager Denkmal noch im Jahr seines Todes errichtet wurde, dauerte es in Wien 34 Jahre, ehe Kaiser Franz Joseph die vom berühmten Bildhauer Caspar Zumbusch angefertigte Reiterstatue Am Hof enthüllte. Und auch „unser“ Radetzky ist bereits ein Mal übersiedelt: 1912 von seinem Platz Am Hof vor das damals neu errichtete Kriegsministerium am Stubenring, wo er seither als eines der prominentesten Denkmäler der Stadt situiert ist.
Doch die Verehrung eines Kriegshelden wird in der heutigen Zeit natürlich anders gesehen. Und so erleidet das Radetzky-Denkmal in Prag eine Art „Lueger-Schicksal“ (auch wenn man die beiden Herren nicht miteinander vergleichen kann): Wie in Wien um das Denkmal des Bürgermeisters Lueger ist auch in Prag ein Streit um das Radetzky-Monument entbrannt.
Auch der „Wiener Radetzky“ ist schon ein Mal übersiedelt.
Nicht beim Parlament
Der tschechische Historiker Luboš Rokos erkennt zwar die historische Persönlichkeit Radetzkys an, ist aber gegen den vorgesehenen Standort des Denkmals nahe des tschechischen Parlaments. Der Platz sei „ungeeignet für einen Mann, der nicht an ein parlamentarisches Regierungssystem glaubte“. Doch durch die im Gemeinderat erzielte überwältigende Mehrheit für den Kleinseitner Ring wird es bei der Platzierung im historischen Zentrum der Stadt bleiben. Außer dass die Statue wegen der heutigen Straßenbahntrasse ein paar Meter von der einstigen Lage entfernt sein wird.
Der Radetzkymarsch
Michael Heres, stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Radetzky Praha“, rechnet damit, dass das Denkmal in zwei bis vier Jahren am Kleinseitner Ring aufgestellt wird.
Zurück zum Radetzkymarsch. Mit ihm hat Johann Strauss Vater dem Feldherrn wohl das allerschönste Denkmal geschaffen. Es klingt nicht nur in Prag und in Wien, sondern auf der ganzen Welt.
Kommentare