Österreichs berühmteste Ungarn

Von Liszt über Lehár und Kálmán bis Paul Lendvai: Im Lauf der Jahrhunderte haben es hierzulande viele Magyaren zu Ruhm und Ansehen gebracht.
HALLO JANINE!

Der ungarische Schriftsteller Ferenc Molnár soll gesagt haben, ein Ungar sei einer, der hinter dir die Drehtür betritt, aber vor dir herauskommt. Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass seine Landsleute ebenso schnell wie gefinkelt seien.

Paul Lendvai, der aktuell wohl bekannteste Ungar in Österreich, ist nach der blutigen Niederschlagung der Revolution 1956 nach Wien geflüchtet. Heute fühlt sich der in Budapest geborene Journalist als „österreichischer Patriot mit ungarischem Akzent“, wie er sagt. Von Wien aus beobachtet er mit großer Sorge das durch Viktor Orbán „autokratisch entgleiste, nur noch formell demokratische System“ in seiner früheren Heimat.

Lehár als „Hungerleider“

Lendvai, der mit 96 Jahren voll im Berufsleben stehende Kommentator des Weltgeschehens, ist einer von vielen Magyaren, die es in Österreich zu Ruhm und Ansehen brachten.

Wie auch Emmerich Kálmán und Franz Lehár, die wichtigsten Vertreter der Silbernen Operette. Sein privates Glück hat Lehár hier aber nicht gefunden. Als junger Militärkapellmeister nach Wien gekommen, hat er 1903 um die Hand seiner großen Liebe Ferdinanda Weißenberger angehalten. Doch deren Tante, die legendäre Anna Sacher, untersagte ihr die Beziehung mit „dem Hungerleider“.

INTERVIEW MIT PAUL LENDVAI

„Österreichischer Patriot mit ungarischem Akzent“: Paul Lendvai.

„Der König der Pianisten“

Zwei Jahre nach der Ablehnung durch Anna Sacher war „der Hungerleider“ dank des Welterfolgs seiner Lustigen Witwe ein vielfacher Millionär – der das Sacher, als es in den Konkurs schlitterte, spielend hätte retten können.

Von Wien aus verhalf der 1811 im damaligen Ungarn geborene Komponist Franz Liszt der Klavierfabrik Bösendorfer zu ihrem Weltruf: Der „König der Pianisten“ hämmerte so stark in die Tasten, dass er pro Konzert zwei bis drei Flügel „verbrauchte“. Freunde rieten ihm zu einem Bösendorfer, der das temperamentvolle Spiel des Musikers als einziges Instrument „überlebte“. Die Bösendorfer-Klaviere wurden durch Franz Liszt über Nacht berühmt.

Budapest-Wien-Casablanca

Gebürtiger Ungar ist auch der 1956 mit seinen Eltern nach Wien geflüchtete Pianist und Komponist Bela Koreny, in dessen Broadway Pianobar in Wiens Innenstadt Weltstars wie Leonard Bernstein, Falco und Ute Lemper auftraten.

Michael Kertesz, der in Wien etliche Monumentalfilme inszenierte, folgte in den 1920er-Jahren dem Ruf nach Hollywood, wo er als Michael Curtiz sein Meisterwerk Casablanca schuf. Mit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in den Hauptrollen wurde der Kinoklassiker vom American Film Institute zum besten US-Liebesfilm aller Zeiten gekürt.

Auf der Flucht

Vor den Nazis nach Amerika geflüchtet ist die ungarische Sängerin Marta Eggerth, die mit ihrem (polnischen) Mann Jan Kiepura in Wien gelebt und etliche Filme gedreht hat. In die USA begleitet wurde das prominente Paar von Kiepuras Privatsekretär Marcel Prawy.

In rund 30 Hollywoodfilmen spielte Zsa Zsa Gabor, die 1917 in Budapest zur Welt gekommen und in Wien entdeckt worden war. Die Karriere begann mit einer Schönheitskonkurrenz in Wien, an der sie 17-jährig teilnahm. Als erster Preis winkte eine Nebenrolle in der Operette Der singende Traum im Theater an der Wien. Sie gewann, bekam die Rolle und weitere Engagements. Berühmt wurde sie aber eher infolge ihrer acht Ehen und zahlreichen Affären.

OBIT ZSA ZSA GABOR

Talentierter war da schon Marika Rökk (siehe Artikelbild), die 40 Jahre in Baden bei Wien lebte, ohne je ihren ungarischen Akzent abzulegen. In Budapest aufgewachsen, wurde sie mit ihren Filmen in Berlin zum größten Tanz- und Gesangsstar ihrer Zeit. Ihre Aufgabe war es, mit guter Laune und zündenden Musiknummern (Ich brauche keine Millionen) das Kinopublikum von den Verbrechen der Nazis abzulenken. Doch während sich andere Schauspieler nach 1945 von dem Regime distanzierten, erzählt Marika Rökk in ihren 1974 erschienenen Memoiren Paprika mit Herz nur Anekdotisches von Begegnungen mit Hitler und Goebbels. Sie starb 2004 in ihrer Villa in Baden.

Regisseur der Fledermaus-Verfilmung des Jahres 1962 mit Marika Rökk und Peter Alexander war der Ungar Géza von Cziffra, der vor allem durch seine Peter-Alexander-Filme den österreichischen Unterhaltungsfilm der 1950er- und 60er-Jahre prägte.

Die Urwiener aus Budapest

In Budapest geboren wurden, weil ihr Vater als Ingenieur am Bau der dortigen U-Bahn beschäftigt war, die „Urwiener“ Paul und Attila Hörbiger. Nach Wien kamen die Brüder, als sie acht bzw. sechs Jahre alt waren. „Attila und ich waren verzweifelt“, erinnerte sich Paul, „weil wir kein Wort Deutsch konnten“. Das haben sie dann so gut nachgeholt, dass sie am Burgtheater und in Filmen viele Glanzrollen verkörperten.

80 Jahre haben sie dann nur Deutsch miteinander gesprochen, doch als Attila seinen Bruder 1981 im Krankenhaus Lainz besuchte, unterhielten sie sich angesichts des nahen Todes in der Sprache ihrer Kindheit, auf Ungarisch. Es war ihr letztes Gespräch.

Attila Hörbiger und Paul Hörbiger

Österreich-Ungarn

Die Hörbiger-Brüder waren noch in der österreichisch-ungarischen Monarchie aufgewachsen, die mit dem „Ausgleich“ im Jahr 1867 das Kaisertum Österreich ablöste. Gemeinsam bemüht um Ungarns innenpolitische Unabhängigkeit waren Kaiserin Elisabeth und der ungarische Politiker Gyula Andrássy. Und so wollte in Österreich wie in Ungarn das Gerücht nicht verstummen, Sisi und der Graf hätten eine Affäre gehabt, mehr noch, Andrássy sei der Vater von Sisis Tochter Marie Valerie. Beweise dafür gibt es nicht.

Mit dem Buch Österreich auf der Couch analysierte der in Budapest geborene und 2010 in Wien verstorbene Psychiater Stephan Rudas die Seele der Österreicher. „Wenn ich wieder auf die Welt komme“, sagte er, „werde ich erstens wieder Psychiater und zweitens wieder in Wien.“

georg.markus

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