Karikaturen vom Kaiser gab’s nur im Ausland, hier in einer französischen Zeitung, 1913

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Geschichten mit Geschichte
02/07/2021

„Majestät, ich heiß auch Prohaska!“

Humor zu Kaisers Zeiten. Eine strenge Zensur wachte darüber, dass nur genehme Witze und Anekdoten erzählt wurden

von Georg Markus

Katharina Schratt war stets bemüht, den nur mäßig humorbegabten Kaiser etwas aufzumuntern. Aus diesem Grund lud sie ihn einmal gemeinsam mit dem für seinen Wiener Schmäh bekannten Volksschauspieler Alexander Girardi zu Kaffee und Kuchen ein. Girardi saß da und sagte kein Wort. „Was ist denn mit Ihnen los, Girardi?“, fragte der Kaiser. „Sie sollen doch der amüsanteste Mann von Wien sein.“

Da seufzte der Schauspieler: „Schon, schon, Majestät. Aber jausnen Sie einmal mit an Kaiser.“

Österreichischer Humor

Man kann dem Österreicher so manches nachsagen, nur eines nicht: humorlos zu sein. Das Lachen ist hierzulande von geradezu existenzieller Bedeutung und die Heiterkeit mit der anderer Völker nicht vergleichbar.

Vor ein paar Wochen erhielt ich den Anruf der ORF-III-Redaktion, die eine Sendung über den Humor zu Kaisers Zeiten plante. Ob ich da mitmachen würde und ein paar Schmankerln aus der Monarchie erzählen würde. Natürlich sagte ich zu und machte mir gleichzeitig für meine heutige KURIER-Seite Gedanken, worüber Franz Joseph und seine Zeitgenossen lachen konnten.

Nestroy und Raimund

Nun, den Humor in der Form, wie wir ihn heute kennen, gibt es – beginnend mit Nestroy und Raimund – seit knapp 200 Jahren. Was davor war, ist schwer mit unserem Heiterkeitsverständnis zu vereinbaren, das waren meist billige Zoten, die heute keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken würden. Jedoch eine Nestroy-Pointe wie diese würde jedem modernen Kabarettprogramm ebensolche Lacher bescheren wie in alten Zeiten:

Armut ist ohne Zweifel das Schrecklichste. Mir dürft einer zehn Millionen herlegen und sagen, ich soll arm sein dafür – i nehmet’s net.

Und dieses Zitat ist nur eines von Hunderten, die Nestroy uns hinterlassen hat.

Strenge Zensurbehörden wachten darüber, dass über den Kaiser weder Karikaturen noch Witze in Umlauf waren. Die einzigen Karikaturen, die es über Franz Joseph gibt, sind in ausländischen Zeitungen erschienen. Dennoch wurden gerade über ihn mehr Witze verbreitet als über irgendeine andere Person:

Veteranentreffen

Da der Monarch gerne und viel spazieren ging, wurde er im Volksmund Prohaska genannt – was im Tschechischen so viel wie Spaziergang bedeutet. Eines Tages besuchte der Kaiser ein Treffen pensionierter Soldaten. Die Veteranen traten an, der Kaiser unterhielt sich leutselig mit ihnen, stellte die üblichen Fragen: „Wie heißen Sie?“ – „Wo haben Sie gedient?“

Plötzlich will einer seinen Namen nicht nennen.

„Wie ist Ihr Name?“, fragt der Kaiser noch einmal.

Der Veteran bleibt stumm.

„Aber ich bitt Sie, so sagen Sie’s doch!“

Der Veteran würgt an der Antwort. Endlich kommt’s heraus: „Majestät, ich heiß auch Prohaska!“

Graf-Bobby-Witze

Gerne machte man sich auch über das Militär und den Adel lustig. Als Vorbild für die Figur des Grafen Bobby soll ein Graf Salm gedient haben, wer seine nicht minder blöden Freunde Rudi und Mucki waren, bleibt unbekannt, in ihnen dürfte eine Mischung aus tatsächlich existenten Aristokraten zusammengefasst worden sein, wie sie in den Kaffeehäusern, feudalen Klubs und Offizierscasinos der alten Donaumonarchie anzutreffen waren:

Graf Bobby betritt einen Friseurladen, um sich die Haare scheren zu lassen. „Wünschen Herr Graf die Haare kurz oder lang geschnitten?“, fragt der Friseur.

„Nur kurz“, erwidert Graf Bobby, „ich hab heut keine Zeit!“

Der Wiener Simpl ist das einzige heute noch existierende Kabarett, das es – gegründet 1912 – bereits in der Monarchie gab. Humor mit Geist verbreiteten auch Peter Altenberg, Egon Friedell, Alfred Polgar und Karl Kraus, von dem der Satz stammt: Der Wiener wird nie untergeh’n, sondern im Gegenteil, immer hinaufgeh’n und sich’s richten.

Der Arzt des Kaisers

Ich möchte nicht verabsäumen, hier auch meine Lieblingsanekdote aus Kaisers Zeiten zu erzählen:

Franz Joseph erhielt täglich den Besuch seines Leibarztes Dr. Kerzl, während dem sich die beiden Herren in angeregter Atmosphäre unterhielten. Meist über harmlose Themen, denn der Kaiser erfreute sich in den 86 Jahren seines Lebens fast immer bester Gesundheit. Nebenbei fragte der Mediziner bei seinen Visiten nach dem Befinden Seiner Majestät.

Als Dr. Kerzl eines Morgens aber wie immer zum Kaiser will, wird er von Kammerdiener mit den Worten zurückgehalten: „Majestät bedauern lebhaft, den Herrn Doktor heute nicht empfangen zu können. Majestät fühlen sich nämlich nicht ganz wohl und bitten daher erst morgen wieder zu ihm zu kommen.“

Von nun an wird gesiegt

Als der alte Kaiser dann gestorben war, bestieg Karl I. den Habsburger-Thron – und das mitten im Krieg. Gleich am ersten Tag rief der junge Monarch seinen Kriegsminister zu sich: „Exzellenz“, befahl Kaiser Karl, „teilen Sie Ihren Generälen mit, dass die Schlamperei ab sofort aufzuhören hat. Von nun an wird gesiegt!“

Leider nur ein Witz

Da es leider nur ein Witz war, wurde auch weiterhin nicht gesiegt. Und so brachte das Jahr 1918 dem einst so stolzen Reich die folgenschwerste Veränderung seiner Geschichte. Ein Krieg ging verloren, eine Dynastie musste nach 600-jähriger Regentschaft abdanken, das Land wurde zerschlagen. Und Staatskanzler Karl Renner gestand in dieser Situation: „Also, eines muss ich schon sagen: Wenn der alte Kaiser noch gelebt hätt, hätten wir uns das nicht getraut.“

georg.markus

TV Tipp Dienstag, 20.15 Uhr, ORF III: „Humor zur Kaiserzeit – worüber Franz Joseph lachte“. Mit Maschek, Michael Niavarani, Christoph Wagner-Trenkwitz, Georg Markus u. a. Regie: Stefan Gavac, Buch: Andreas und Carola Augustin.

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