FILE PHOTO: U.S. President Kennedy signs a proclamation at the White House in Washington

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Chronik Geschichten mit Geschichte
04/13/2020

Geheime Leiden: Wie große Politiker zu Patienten wurden

Zahlreiche Staatsmänner und -frauen mussten sich wie der britische Premier Boris Johnson in Spitalbehandlung begeben. Die meisten von ihnen hielten ihre Leiden geheim.

von Georg Markus

Boris Johnson lag im Spital, zeitweise sogar auf der Intensivstation. Der britische Premierminister ist nicht der erste Politiker, der – zumindest vorübergehend – vom Krankenbett aus seine Amtsgeschäfte führte. Aber er ist einer der wenigen, die damit an die Öffentlichkeit gingen. Kranke Politiker früherer Generationen spielten der Bevölkerung oft vor, gesund zu sein. So auch Johnsons Vorbild, der legendäre britische Premier Winston Churchill, aber auch John F. Kennedy, Bruno Kreisky, Thomas Klestil oder Alois Mock.

Stress, zu wenig Schlaf

Churchill litt während seiner Amtszeit unter Bluthochdruck, einer typischen Politikerkrankheit, die durch Stress, psychische Anspannung und zu wenig Schlaf entstehen kann. Auch Kreisky, Franz Josef Strauß, Bismarck, Tito, Lenin, Stalin und Hitler hatten diese Krankheit. Beim amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt führte der Bluthochdruck im Spätstadium zu Arterienverkalkung, die Einfluss auf seine politische Arbeit hatte. In diesem Fall sogar auf den Verlauf der Weltgeschichte: Roosevelt, der überdies nach einer Kinderlähmung im Rollstuhl saß, reiste im Februar 1945 nach Jalta, um über die Aufteilung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg zu verhandeln. In Jalta wurde der Osten Europas der Sowjetunion zugesprochen, zumal Stalin die Ermüdungszustände und die immer wiederkehrende geistige Abwesenheit des amerikanischen Präsidenten beinhart ausnützte. Roosevelt starb nur wenige Wochen später.

Churchill hatte zeitweise auch Alkoholprobleme und seine ungesunde Lebensweise – die er mit „No sports!“ definierte – trug dazu bei, dass er in seiner Amtszeit zwei Schlaganfälle erlitt, die er vertuschte und die erst nach seinem Tod bekannt gegeben wurden.

Viele der kranken Politiker schleppten sich von Termin zu Termin und verschwiegen ihr Leiden – oft, um nur ja nicht von der Macht gedrängt zu werden.

Kaum ein Staatsmann hatte ein so strahlendes Image wie John F. Kennedy. Dabei war gerade er ein schwerkranker Mann. Antikörper im Blut zerstörten die Nebennieren, was dazu führte, dass er an Depressionen, Schwindelanfällen, Übelkeit und Kreislaufstörungen litt. Körperlich beeinträchtigt war er überdies infolge einer angeborenen Deformation der Wirbelsäule. „JFK“ bewegte sich unter starken Schmerzen auf Krücken, die er meist nur ablegte, wenn Kameras in der Nähe waren.

Dialysepatient

Bruno Kreisky war in seinen späten Jahren Dialysepatient. Seine Krankheit blieb aber lange geheim, schließlich wollte er sich mit 72 Jahren noch einmal seinen Wählern stellen. Doch die Österreicher erkannten, dass der „Sonnenkönig“ angeschlagen war und versagten ihm 1983 erstmals nach zwölf Jahren die absolute Mehrheit.

Auch Thomas Klestil blieb als Bundespräsident im Amt, nachdem er im Herbst 1996 eine Lungenembolie hatte, von der er sich nie ganz erholen sollte. Statt sich zu schonen, versuchte er seine Aufgaben voll auszufüllen, bis er zwei Herzinfarkte erlitt, an deren Folgen er – zwei Tage vor dem Ende seiner Amtszeit – am 6. Juli 2004 im Alter von 71 Jahren starb.

Zwei Schlaganfälle

Drei seiner Vorgänger behielten ihre Gesundheitsprobleme für sich – und starben im Amt: Bundespräsident Theodor Körner erlitt 1956 einen Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte. Er lernte mit der linken Hand zu schreiben, um weiter tätig sein zu können. Kurz nach Körners Tod hatte auch Bundeskanzler Julius Raab einen Schlaganfall, worauf die beiden wichtigsten Positionen im Staat monatelang vakant waren.

Schärf und Jonas

Auch die Bundespräsidenten Adolf Schärf und Franz Jonas erkrankten im Amt: Schärf holte 1965 trotz einer schweren Verkühlung den Schah von Persien vom Flughafen Schwechat ab. Als Folge der übergangenen Grippe trat eine Verschlimmerung seines Leberschadens auf, dem Adolf Schärf 74-jährig erlag.

Dramatisch auch die letzten Monate von Franz Jonas, der die Bevölkerung über sein Krebsleiden nicht informieren wollte – eine Maßnahme, die in der heutigen Medienwelt undenkbar wäre. Sein Zustand verschlechterte sich dermaßen, dass Kanzler Kreisky zu seinen Mitarbeitern sagte, „dass eine Unterredung mit Jonas schwierig geworden ist, da sein Gedächtnis zeitweise aussetzt, aber plötzlich wieder da ist und er dann den Gesprächsfaden ganz woanders aufnimmt“. Franz Jonas starb am 24. April 1974 in seinem 75. Lebensjahr.

Parkinsonkrankheit

Bei Außenminister Alois Mock war die Parkinsonkrankheit längst erkennbar, als er im März 1994 in Brüssel Österreichs EU-Beitrittsverhandlungen abschloss – dennoch blieb er noch ein Jahr Minister und vier weitere Jahre Nationalratsabgeordneter. Das Leiden wurde von seiner Umgebung als „Überarbeitung“ bezeichnet.

Die Konsequenzen nach einer Lungenembolie zog hingegen Vizekanzler Josef Pröll, der im April 2011 von allen politischen Ämtern zurücktrat. Offen zu ihren Krebserkrankungen standen Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser. Beide arbeiteten bis zu ihrem Tod.

Trotz Behinderungen als Folge politischer Attentate blieben der heutige deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und der Wiener Bürgermeister Helmut Zilk im Amt.

Medikamente halfen

Angela Merkel erlitt im Vorjahr mehrere Zitteranfälle, die die deutsche Bevölkerung beunruhigten. Fachärzte vermuteten, dass es sich bei der Kanzlerin um einem orthostatischen Tremor handelte – eine seltene, aber harmlose neurologische Erkrankung, die durch Stress verstärkt wird. Nach dem Sommer 2019 traten die Symptome bei Merkel nicht mehr auf. Man nimmt an, dass ihr die Ärzte durch wirkungsvolle Medikamente helfen konnten.

Fest steht, dass kaum jemand anderer ein so ungesundes Leben führt wie das bei Politikern der Fall ist.