Erich Wirl: Der Mann, der eine Million Autogramme sammelte

Von Hans Moser über Grace Kelly bis Plácido Domingo: Der Wiener Erich Wirl suchte den Kontakt zu Prominenten in aller Welt. Viele schickten ihm Fotos samt Widmung, andere traf er persönlich.
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Ich habe Erich Wirl als peniblen, hochgebildeten und immer freundlichen Korrektor in diversen Zeitungen gekannt, und ich erinnere mich, wie er über seine Begegnungen mit Stars wie Oskar Werner, Paula Wessely oder Karajan sprach. Herr Wirl hat im Lauf seines Lebens nicht nur Österreichs größte, sondern eine der weltweit größten Sammlungen von Prominentenfotos, Autogrammen und Autographen aufgebaut. 

Nun kommt ein Teil seines einzigartigen, aus rund einer Million Objekten (!) bestehenden Nachlasses im Wiener Dorotheum unter den Hammer.

Das erste Autogramm

„Sein erstes Autogramm hat mein Mann 1959 als 15-Jähriger von Hans Moser bekommen, von da an sammelte er wie besessen bis zu seinem Tod im vorigen Jahr“, erzählt seine Witwe Barbara Wirl. Bald suchte er den Kontakt mit Stars wie Romy Schneider, Karlheinz Böhm, Senta Berger und Helmut Qualtinger. Und es wurden im Lauf der Jahrzehnte immer mehr.

„Meinem Mann ging es nie darum, die eine oder andere Unterschrift zu erhalten, sondern darum, die Karriere eines Künstlers anhand signierter Fotografien zu dokumentieren, in all seinen Rollen, von der Jugend an bis ins hohe Alter.“

Eine besondere Liebe entwickelte Herr Wirl zur Oper, er traf Maria Callas, Giuseppe Di Stefano, Luciano Pavarotti und immer wieder Plácido Domingo, der im Wirl-Archiv mit zehn prall gefüllten Ordnern samt Fotos, Briefen und Autogrammen vertreten ist. Domingo zeigte großes Verständnis für seinen eifrigsten Fan: „Einmal hat er meinem Mann in der Portierloge der Staatsoper 100 Fotos auf einmal signiert“. In der Oper war Erich Wirl fast zu Hause, weil er sein Leben lang nebenberuflich als Statist tätig war, wodurch er auch an die Weltstars herankam.

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Seine Tätigkeit ging weit über die eines Autogrammjägers hinaus. Fotos aus Wirls Sammlung wurden in Büchern und Programmheften publiziert, sie füllen Ausstellungen wie jene über Edita Gruberová derzeit im Wiener Haus Hofmannsthal, die ausschließlich mit Wirl-Material bestückt ist.

Es war nicht immer leicht, an die verehrten Künstler heranzukommen. Zu den Schwierigen zählte Herbert von Karajan, „der das Autogrammeschreiben als Zeitverschwendung empfand“, erzählt Barbara Wirl. „Karajan ließ sich von seinem Chauffeur meist so nahe an die Staatsoper führen, dass die Fans chancenlos blieben. Auch in der Oper gab’s kaum Möglichkeiten, sich ihm zu nähern.“ Erich Wirl passte den Maestro daher vor dem Hotel Imperial ab, wo der ihm nicht auskam und gnädig ein paar Unterschriften leistete. Unglücklicherweise hatte Herr Wirl ein ganzes Album voll mit Karajan-Fotos auf das Dach der Limousine des Dirigenten platziert, wodurch die gesammelten Schätze, als der Chauffeur losfuhr, in hohem Bogen zu Boden fielen. Mit großer Mühe ist es gelungen, alles wieder aufzusammeln.

Highlight Thomas Bernhard

Eine Herausforderung stellte auch Thomas Bernhard dar, der zwar seine Bücher, aber prinzipiell keine Fotos signierte. Derartige Erschwernisse ließen Herrn Wirl zu Höchstform auflaufen. Er nützte eine Bernhard-Premiere, um vor dem Akademietheater auf das Erscheinen des Meisters zu warten. Der war so überrascht, dass er Wirl gleich zwei Autogramme gab. Eines davon gelangt jetzt zur Versteigerung. „Es ist ob der Seltenheit signierter Fotografien von Thomas Bernhard ein besonderes Highlight der Auktion“, sagt Dorotheum-Experte Andreas Löbbecke. Der Rufpreis von 300 € wird wohl um ein Vielfaches überboten werden.

Die meisten Stars schätzten Herrn Wirl sehr und signierten geduldig die von ihm vorgelegten Rollen- und Porträtfotos, einige wurden zu Freunden, weil sie spürten, dass er an ihrer Arbeit ehrliches Interesse zeigte. So war er ein gern gesehener Gast im Hause Hörbiger-Wessely, bei Christa Ludwig oder O. W. Fischer. Manche Künstler zeigten Erich Wirl ihre Bühnenfotos, um zu erfahren, um welche Rollen es sich da handelte, weil er oft besser darüber Bescheid wusste als sie selbst. Und Otto Schenk lud ihn mit dem Ruf „Wirl, komm zu mir, wir müssen Fotos ordnen“ in seine Wiener Wohnung und in sein Haus am Irrsee ein.

Tausende Briefe

Zu Wirls Sammlung gehören auch Tausende Briefe, die von Oskar Werner, Grace Kelly oder Audrey Hepburn stammen. Er selbst verschickte seine Autogrammwünsche per Post mit frankierten Rückkuverts, andere Schauspieler erwartete er vor Bühnentürln oder am Filmset. Und er reiste um die halbe Welt, um dafür mit persönlichen Widmungen belohnt zu werden. So flog er, meist in Begleitung seiner Frau, nach New York, London, Paris, Rom, Neapel und Mailand. Leisten konnte er sich das durch Tausch, Kauf und Verkauf der immer wertvoller werdenden Bühnen- und Filmfotos, zu denen im Lauf der Jahrzehnte auch historische Schätze, von einer gerahmten Johann-Strauss-Signatur über Giacomo Puccini, Richard Strauss und Franz Lehár bis Caruso kamen.

Autogramme besaß Wirl auch von Hedy Lamarr, noch aus der Zeit, als sie als Hedy Kiesler in Wien lebte. Als er sie – längst ein Hollywoodstar – um aktuellere Bilder bat, wurde er von ihrem Sekretariat mit der gedruckten Antwort überrascht, dass Miss Lamarr „keine Autogramme mehr“ gab.

Der Nachlass von Erich Wirl

In Erich Wirls Wohnung ist ein großes Zimmer von oben bis unten mit seinen Schätzen gefüllt, die in Tausenden Ordnern lagern. „Natürlich hat mein Mann sich Gedanken gemacht, was einmal aus seiner Sammlung werden soll, wenn es ihn nicht mehr gibt“, sagt Barbara Wirl. „Ich selbst bin keine Sammlerin, und es wäre schade, wenn das alles bei mir verstauben würde.“ Sie setzte daher den Autographen-Experten Friedrich Gabriel, einen engen Sammlerfreund ihres Mannes, als Nachlassverwalter ein, der jetzt als ersten Schritt dem Dorotheum 300 Unikate überließ.

Erich Wirl starb am 16. Juni 2025 im Alter von 80 Jahren. In der Gewissheit, dass sein Lebenswerk einmal in die richtigen Hände gelangen wird.

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