Symbolbild

© Magdalena Vachova

Geschichten mit Geschichte
02/27/2020

Vor 100 Jahren: "Ein Gulasch kostete eine halbe Million"

Georg Markus wirft einen Blick zurück in die große Inflationszeit.

von Georg Markus

Die Inflation ist heuer im Jänner auf 2 Prozent gestiegen, entnehme ich dem Wirtschaftsteil des KURIER. Das ist relativ viel, aber doch sehr wenig, wenn man hundert Jahre zurückblickt: in die Zeit der 1920er-Jahre, in der die Geldentwertung unvorstellbare Ausmaße angenommen hatte.

Ist eine Wiener Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern 1919 noch mit 2500 Kronen pro Woche für den Einkauf der dringendsten Lebensmittel ausgekommen, so musste sie im Sommer 1920 für die gleiche Menge das Doppelte zahlen. Und im Jänner 1921 das Vierfache. Dann ging’s rapide weiter: Ende des Jahres 1921 kosteten die gleichen Lebensmittel 75.000 Kronen und im Juli 1922 nahezu 300.000.

Heizen mit Banknoten

In der satirischen Zeitschrift Kikeriki durfte über die Inflation gelacht werden: „Die Nachahmung der Banknoten wird nicht mehr als Fälschung bestraft. Weil sie ohnehin keinen Wert mehr aufweisen.“

Ein anderes Bonmot zum Thema fanden die Humoristischen Blätter: „Mit was wer’n ma heuer im Winter heizen?“

„Na, mit die Banknoten!“

Und auch der Kurzdialog zweier Wiener Kaufleute wurde zitiert:

„Servus, was treibst du?“

„Preise!“

Der Historiker Walter Rauscher rechnet in seinem Buch „Charleston, Jazz & Billionen, Europa in den verrückten Zwanzigerjahren“ vor, dass ein Staatsbeamter, der vor dem Ersten Weltkrieg 193 Kronen erhielt, im September 1922 rund 1,3 Millionen verdiente. „Dies entsprach einer Steigerung um das 6735-Fache. Der Vorkriegspreis von einem Kilo Butter hatte zwei Kronen und 40 Heller betragen, lag mittlerweile aber bei 56.000 Kronen... Brot verteuerte sich um das 17.200-Fache, Zucker um das 15.600-Fache...“

Ein halber Erdapfel

Der Kabarettist Karl Farkas erinnerte sich viel später an die Tage der Inflation: „Bald haben wir in Billionen und Trillionen gerechnet, ein Gulasch kostete eine halbe Million Kronen. Meine Gage an der Neuen Wiener Bühne betrug 6800 Kronen – also ein halber Erdapfel. Meine Gage wurde mit jedem Tag größer – und doch kleiner! Als sie bei fünf Millionen hielt, musste ich etwas tun, um nicht zu verhungern.“

Diesem Umstand war es zu danken, dass Karl Farkas – vorerst nebenberuflich – Kabarettist wurde.

Erleichterung brachte die von Bundeskanzler Ignaz Seipel in Genf ausgehandelte Völkerbundanleihe in Höhe von 650 Millionen Goldkronen an die Republik Österreich. Wirklich gestoppt wurde die Hyperinflation erst am 1. Jänner 1925, als der Schilling die Krone als Zahlungsmittel ablöste, Die Kehrseite der Medaille: Das Ende der Geldentwertung führte zum Erliegen des Wirtschaftswachstums und zum Ansteigen der Arbeitslosenzahlen.