Chronik
05.02.2018

Gedanken von unten

Aus dem Leben eines Wiener Theatersessels. Ein innerer Monolog.

Was wetzt sie so auf mir herum? Das Theater läuft gerade mal 25 Minuten.

Anna-Maria Bauer | aus Sicht eines Theatersessel

Ja, was wetzt sie denn so auf mir herum? Das Theater läuft doch gerade einmal 25 Minuten. Kann sie nicht einmal eine halbe Stunde lang still sitzen? Dabei ist das Stück doch eh so packend, dass man alles andere vergisst. Aber was macht meine Besetzerin – kramt auch noch in ihrer Tasche herum. Ach herrjemine, wie das knistert. Aber es ist ihr wohl eh unangenehm, sie blickt sich unsicher um. Und wofür das Ganze: für eine Trinkflasche. Tatsächlich? Sie kann also nicht nur keine halbe Stunde ruhig sitzen, sie kann ebenso wenig eine halbe Stunde nichts trinken. Ja, natürlich ist es hier warm und stickig. Aber das war es immer schon und früher haben sich die Leute darüber auch nicht beschwert. Aber sie ist ja nicht die einzige. Der Herr zwei Plätze weiter hat sich gerade mit den Armen an den Lehnen abgestützt und in die Höhe gehoben, um seine Knie zu strecken.

Naja, wir sind halt schon mit äußerst geringem Abstand platziert worden. Sind die Menschen früher entspannter gesessen, weil sie kleiner waren? Vielleicht hatten sie auch einfach nur mehr Sitzfleisch.

Jetzt tut sie mir aber fast ein wenig Leid, meine Besetzerin, wie sie so den Kopf reckt, einmal links, einmal rechts an der Vorderfrau vorbei. Das habe ich sowieso noch nie verstanden. Wieso sie uns so blöd genau hintereinander aufgebaut haben. Wenn wir alle ein wenig versetzt wären, könnte man immer durch den Spalt zwischen den Vordersitzen hindurchsehen. Problem gelöst.

Aber vielleicht werden wir sowieso einmal alle ausgetauscht. Gegen moderne Versionen wie sie in den Kinosälen stehen, die man zurückkippen kann. Sogar ich muss zugeben, dass die bequem sind. Vielleicht würden dann auch die Zwiderwurzn sitzen bleiben, die so gerne mitten im Stück aufstehen und gehen. Oder die Ungusteln, die zur Garderobe laufen, während sich die SchauspielerInnen noch verbeugen. So respektlos! Da ist mir meine Rumjucklerin doch lieber.