Chronik
17.06.2017

Ein Friedhof als Mahnmal

Im Rahmen des Viertelfestivals NÖ wurde der jüdische Begräbnisplatz erkundet.

Maria und Johann Ranzenhofer stehen vor dem Grab ihrer Vorfahren. Etliche Generationen ihrer Familie liegen am jüdischen Friedhof in Hollabrunn beerdigt. Während Maria Ranzenhofer einen Text ihrer Tochter über deren Ur-Großmutter vorliest, die im Konzentrationslager erschossen wurde, bricht ihre Stimme immer wieder, Tränen stehen in ihren Augen.

140 Menschen stehen rund um sie im Schatten der Ahornbäume und hören betroffen zu. Die meisten kommen aus der Gegend und wollen mehr über die jüdische Geschichte ihres Ortes erfahren. Der Friedhof ist der Ausgangspunkt dafür. Kulturvermittlerin Patrizia Mantler-Stockinger erzählt während einer Führung im Zuge des Viertelfestivals NÖ über die Geschichten der Gräber. "Die meisten haben ein Symbol oben am Grabstein – eine Blume, einen Davidstern, einen Levitenkrug oder Weintrauben. Darunter befinden sich hebräische und deutsche Inschriften", erklärt sie. Mit Kreide fährt sie über die Steine, um die verwitterten Inschriften besser erkennbar zu machen. Manche Steine sind wackelig oder gar umgefallen, um manche rankt sich Efeu. "Die meisten der 135 Gräber sind nach Osten, nach Jerusalem, ausgerichtet", fährt sie fort.

Während des Novemberpogroms wurde der Friedhof geschändet. Hollabrunn war der erste judenfreie Ort Österreichs in der NS-Zeit. "Das jüdische Leben hier hat 1938 abrupt geendet. Kurz nach dem Anschluss begannen Terrormaßnahmen, Boykotte und Zwangsverkäufe", sagt Alfred Fehringer, der ein Buch über die jüdische Geschichte Hollabrunns verfasst hat.

Rückkehr

Die ersten Aufzeichnungen über jüdische Gemeinden im Wein- und Waldviertel gibt es aus dem Mittelalter, danach waren sie bis zur Revolution 1848 wieder gänzlich verschwunden. "Vor dem Zweiten Weltkrieg befanden sich die größten jüdischen Gemeinden in Niederösterreich und im Burgenland, nicht wie jetzt in Wien", erklärt Martin Eck von der Israelitischen Kultusgemeinde.

Begräbnisse fanden in Hollabrunn von 1876 bis 1978 statt. Danach geriet der Friedhof in Vergessenheit. Seit 1997 besteht nun das Übereinkommen, dass die Stadtgemeinde Hollabrunn als Friedhofsaufseher im Auftrag der Israelitischen Kultusgemeinde fungiert. Eine solche Vereinbarung, dass sich die Gemeinde, um die Instandhaltung kümmert, gibt es mit den meisten in Niederösterreich.

Die wenigsten Juden sind nach dem Krieg nach Hollabrunn zurückgekehrt. Die Töchter der Ranzenhofers wollen es nun aber tun.