Chronik
04.03.2018

Der verlorene Pflegebruder

Die Geschichte eines Wiederfindens über Kontinente hinweg nach 38 Jahren.

Vor 38 Jahren wurde ein Baby, das im Krankenhaus verlassen wurde, in ein Waisenhaus auf den Philippinen gebracht. Mit sechs Monaten wurde der kleine Bub zu österreichischen Pflegeeltern gegeben. Die Familie – der Vater arbeitete damals für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der Hauptstadt Manila – kümmerte sich ein Jahr lang um ihn. Insgesamt drei Pflegekinder nahmen die Eltern, die selbst vier Kinder hatten, während ihrer Zeit auf den Philippinen bei sich auf. Als der kleine Bub 18 Monate alt war, wurde er adoptiert. Nie wieder hörten sie etwas voneinander.

Bis jetzt. Sean C. (der zuvor Timmy genannt wurde) wurde von einer US-amerikanischen Familie adoptiert. Vergangenes Jahr starb sein Adoptivvater. "Als meine Mutter nun in Pension ging und umzog, hat sie alte Dokumente angesehen und beschlossen, sie mir zu geben", erzählt Sean. Darin befanden sich auch die Unterlagen über seine Pflegefamilie. Mit ihnen begab sich Sean auf die Suche nach seinen damaligen Eltern, musste jedoch feststellen, dass beide bereits verstorben waren. Durch einen Zufall konnte er aber seine Pflegeschwester finden. Seither sind sie in engem Kontakt und versuchen, ein Wiedersehen zu arrangieren.

Foto in Album gefunden

"Ich konnte es zuerst nicht glauben, als ich in mein Facebook-Postfach geschaut habe. Ich dachte, es ist eine neue Form des Betrugs", erzählt die Pflegeschwester Annie K. In einem alten Album fand sie jedoch ein Foto. "Da wurde Sean an seine neuen Adoptiveltern übergeben. Meine Mutter hat es hinten beschriftet, so war alles klar", sagt Annie weiter.

"Die Zufälle, die da zusammengespielt haben, dass wir uns wirklich gefunden haben, sind unglaublich", fährt die Wienerin fort. Nur die Namen der Pflegeeltern standen in Seans Unterlagen geschrieben. In monatlichen Protokollen hielt die Pflegemutter aber seine Fortschritte fest, die er machte. "Dabei hat sie einmal angemerkt, dass er noch nichts spricht. Nur ,Ja‘ und meinen Namen konnte er sagen", erzählt sie. "So wusste er den Namen von seiner Pflegeschwester, von mir."

Als Annies Mutter vor drei Jahren verstarb, machte Annie eine Online-Sterbeanzeige, weil ihre Familie verstreut über die ganze Welt lebt. "Ich habe überlegt, ob ich die Anzeige unbefristet schalten soll und mich dann eigentlich nur unbewusst dafür entschieden", erklärt sie. Auf diese Anzeige ist auch Sean bei seinen Nachforschungen gestoßen und hat so Annies heutigen Familiennamen herausgefunden. "Es war dann eigentlich ein letzter verzweifelter Versuch: Ich habe ihren Namen einfach bei Facebook eingegeben. Und sie war tatsächlich die einzige mit dem Namen. Und dann hab ich ihr einfach geschrieben", sagt Sean noch immer fassungslos.

"Jetzt kommen all die Erinnerungen wieder hoch", meint Annie. Zehn Jahre alt war sie, als Sean zu ihrer Familie kam. Ging es nach den Eltern, hätte Sean adoptiert werden sollen. Bei der Behörde mussten sie dann aber feststellen, dass bereits eine andere Familie die Papiere unterzeichnet hatte.

Heute lebt Sean in den USA. Mithilfe einer Online-Plattform möchte er nun Geld sammeln, um Annie mit seiner Familie in Wien besuchen zu können. gofundme.com/meet-foster-sister-from-37-yrs-ago