Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Totes Baby bei Grenzstation: 31 Minuten, die viele Fragen offenlassen

Nach dem Tod eines Neugeborenen bei Nickelsdorf sind fünf Familienmitglieder angeklagt. Der KURIER kennt die Details.
Moderne Justizanstalt mit hohen Fassaden und Stacheldraht unter wolkigem Himmel.

Es ist eine erschütternde Chronologie über 31 Minuten: Am 17. Jänner ist – wie berichtet – nahe einer Tankstelle bei Nickelsdorf (Bezirk Neusiedl am See) ein neugeborenes Mädchen ums Leben gekommen. Laut Ermittlungen und gerichtsmedizinischem Gutachten weisen die Verletzungen des Kindes auf massive Gewalt gegen Hals und Kopf hin. Zu dem mutmaßlichen Verbrechen kam es in einem Kleinbus.

Die 17-jährige Mutter des Babys ist wegen des „Verbrechens der Tötung eines Kindes bei der Geburt“ angeklagt und sitzt auf Antrag der Staatsanwaltschaft Eisenstadt in Untersuchungshaft. Ebenso vier weitere Familienmitglieder, die im selben Fahrzeug unterwegs waren: ihre Mutter (35), ihre Schwester (21), ihr Bruder (19) und ihr Schwager (26), der erst vor kurzem festgenommen werden konnte. Gegen sie lautet der Vorwurf auf „Mord durch Beteiligung beziehungsweise Unterlassung“.

Aussagen beim Verhör

Der Schwager, zugleich Fahrer des Kleinbusses, will – wie die übrigen Angehörigen – nichts von Geburt und Tod des Babys bemerkt haben. Gegenüber Kriminalisten äußerte sich der Mann dennoch schwer belastend über die junge Frau: „Ich verurteile das sehr stark, dass diese Frau das Mädchen getötet hat. Viele wünschen sich ein Kind und sie hat es einfach getötet. Ich kann das nicht verstehen, die junge Frau ist der Teufel.“

Im Verhör behauptet der Rumäne, auf dem Parkplatz der A4 ausgestiegen zu sein, um eine Vignette zu kaufen. Nach seiner Rückkehr und dem Aufkleben der Vignette habe er das Fahrzeug mit allen Insassen ohne anzuhalten nach Deutschland gelenkt. Eine Routinefahrt ohne Vorkommnisse – so seine Darstellung. 

Überwachungskameras rund um die Tankstelle belegen laut Ermittlungen allerdings einen anderen Ablauf. Demnach sollen sämtliche Familienmitglieder in das Tatgeschehen involviert gewesen sein: teils durch das Beseitigen von Spuren oder Beistandsleistungen, teils durch Aufpasserdienste oder Abschirmungsmaßnahmen.

Chronologie der Fahrt

Ausgangspunkt der Autoreise war Rumänien. Dort war die Familie am 17. Jänner am Morgen losgefahren. Nach der Grenze bei Nickelsdorf parkte der Kleinbus um 21.54 Uhr im Bereich der Tankstelle. Um 22.06 Uhr ging die 17-Jährige mit einer Tragetasche und dem toten Baby zu einer Trafostation. Währenddessen führten Familienmitglieder laut Ermittlungen eine Reinigungsaktion im Fahrzeug durch. 

Eine Matratze, auf der Blutspuren festgestellt wurden, soll in einen nahen Müllcontainer geworfen worden sein. Um 22.10 Uhr kam die 17-Jährige mit leeren Händen zum Kleinbus zurück. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester ging sie um 22.15 Uhr in die Damentoilette der Tankstelle. Um 22.25 Uhr stiegen alle wieder in den Wagen und fuhren los.

Was genau in dem Kleinbus geschehen ist und wie das Neugeborene zu Tode kam, ist noch nicht restlos geklärt. Fakt ist jedoch, dass das Mädchen voll entwickelt war und laut Gerichtsmedizin mehrere Minuten gelebt hat.

Vor Kriminalisten bestätigte die 17-Jährige, dass die Familienmitglieder nichts von ihrer Schwangerschaft gewusst und auch nichts von der Entbindung im hinteren Teil des Kleinbusses mitbekommen hätten. Die Blutspuren habe sie als Folge einer starken Monatsblutung erklärt.

Die minderjährige Rumänin sei, so ihre Aussage, wegen starker Schmerzen während der Wehen von einer Totgeburt ausgegangen. Von Gewalt am Baby wisse sie nichts. Die Kopfverletzungen versuchte sie damit zu erklären, dass ihr das Kind auf dem Weg zum Ablageort aus der Hand gerutscht sei. Diese Darstellung erklärt laut Sachverständigengutachten allerdings nicht die schweren Verletzungen sowie das Schädel-Hirn-Trauma. Die Leiche wurde am 18. Jänner von Reisenden gefunden.

Es ist davon auszugehen, dass die Familie bis zum Prozess im Landesgericht in U-Haft bleiben muss. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Kommentare