Mattersburg: Innenstadt im parteipolitischen Kreuzfeuer
Zusammenfassung
- In Mattersburg schließen immer mehr Geschäfte, was zu politischen Debatten über Ursachen und Lösungen führt.
- Die Stadtführung verweist auf laufende Maßnahmen und Initiativen wie den "Mattersburger 10er", während die Opposition eine langfristige Strategie fordert.
- Auch Oberpullendorf kämpft mit Leerständen im Ortskern, bedingt durch Konkurrenz am Stadtrand und im Internet.
„Zu vermieten“, „zu verkaufen“, „Danke für Ihre Treue“ – diese Worte trifft man bei einem Spaziergang durch den Ortskern von Mattersburg oft an. Ab heute „schmückt“ ein weiteres dieser Schilder die Innenstadt: Die Vinothek „Terroir“ schließt.
Die Grünen, ÖVP und FPÖ kritisieren die SPÖ-Stadtführung und sprechen von einer „Vogel-Strauß-Taktik“. Die Kronen-Zeitung bezeichnete Mattersburg zuletzt in einem Artikel sogar als „Geisterstadt“.
Doch hinter den Schlagworten steht mehr als nur eine Momentaufnahme leerer Schaufenster. Seit Wochen liefern sich die Mattersburger Parteien eine politische Auseinandersetzung darüber, wie es so weit kommen konnte – und wer Verantwortung trägt. Während die Opposition strukturelle Versäumnisse ortet, verweist die Stadtführung auf den allgemeinen Wandel im Handel und auf die laufenden Maßnahmen zur Belebung der Innenstadt.
Noch nie so leer
ÖVP-Stadtrat Thomas Haffer sieht jedenfalls dringenden Handlungsbedarf. „Es waren nie alle Geschäftslokale voll, aber an so viele Leerstände wie jetzt erinnere ich mich nicht“, sagt er. Wirtshäuser seien verschwunden, Fachgeschäfte weniger geworden, Filialen hätten zugesperrt. „Leider stirbt unsere Stadt schleichend aus“, so Haffer.
Bürgermeisterin Claudia Schlager (SPÖ) weist die Kritik zurück. Aktuell würden 84 Unternehmen die Mattersburger Innenstadt beleben, ihnen stünden nur rund 20 leer stehende Objekte gegenüber. Auch den Vorwurf, raumordnerische Entscheidungen hätten die Entwicklung begünstigt, lässt Schlager nicht gelten. „Raumordnerische Entscheidungen früherer Jahrzehnte müssen stets im damaligen zeitlichen und wirtschaftlichen Kontext betrachtet werden“, erklärt sie.
Mattersburger 10er soll retten
Während Schlager mit der Neuauflage der „Mattersburger 10er“ kurzfristig Impulse setzen will – das Modell „Kauf 10, zahl 9“ soll Kaufkraft gezielt in der Innenstadt halten – spricht Haffer von Aktionen, die „ad hoc“ und nicht langfristig durchdacht seien. Es brauche eine strategische Gesamtlinie statt punktueller Maßnahmen.
Gleichzeitig räumt Haffer ein, dass zugespitzte Berichte auch eine Wirkung entfalten. Polarisierende Schlagzeilen wie jene über eine „Geisterstadt“ sehe er nicht ausschließlich negativ. „Wenn darüber berichtet wird, dann bewegt sich zumindest etwas und die SPÖ-Stadtführung wird endlich zum Handeln bewegt“, sagt er. Das Thema sei dadurch stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Man müsse die Diskussion aber nutzen, um nachhaltige Lösungen zu entwickeln – nicht nur, um kurzfristig zu reagieren.
Konkret werden soll der Austausch beim sogenannten Unternehmerstammtisch am 25. Februar. Die Stadt lädt Betriebe der Innenstadt ins Rathaus ein, um Anliegen direkt zu besprechen. Haffer begrüßt grundsätzlich den Dialog, fordert aber eine verlässliche Schnittstelle zwischen Gemeinde, Eigentümern und Wirtschaftstreibenden. Gespräche dürften nicht nur dann stattfinden, wenn öffentlicher Druck entstehe.
Innenstadt-Darlehen
Neben wirtschaftspolitischen Fragen rückt auch die Gestaltung der Innenstadt in den Fokus der Debatte. Bürgermeisterin Schlager verweist auf Schritte zur Steigerung der Aufenthaltsqualität – etwa den Jubiläumspark als „grüne Achse“ sowie geplante Begrünungs- und Möblierungskonzepte. Verbesserungsbedarf sieht sie insbesondere bei der Aktivierung privater Eigentümer und bei neuen Nutzungsideen für leer stehende Flächen.
Haffer hingegen vermisst eine klar erkennbare Gesamtlinie. Trotz eines vor rund zwei Jahren aufgenommenen Darlehens für die Innenstadtgestaltung fehle es aus seiner Sicht an spürbaren Signalen. „Es ist schon fast März und die Weihnachtsdekoration hängt immer noch – das beeinflusst natürlich die Aufenthaltsqualität.“
Kein unattraktiver Standort
Gleichzeitig betont er aber, dass die Lage nicht ausschließlich negativ sei. „So unattraktiv kann der Standort nicht sein.“ Neben den Leerständen hätte ein Unternehmen sogar ausgebaut, andere hielten sich seit Jahren erfolgreich. Derzeit sorgen besonders die zahlreichen Ärzte sowie Bankfilialen für Frequenz in der Stadt. „Wenn das und einige engagierte Unternehmer nicht wären, dann würden wir irgendwann alleine dastehen“, sagt Haffer.
Die entscheidende Frage für Haffer sei daher nicht nur, wie man Leerstände verwalte, sondern warum sich neue Betriebe bewusst für Mattersburg entscheiden sollten. Genau hier müsse angesetzt werden – mit klarer Strategie, verlässlichen Rahmenbedingungen und einem sichtbaren Bekenntnis zur Innenstadt. Dass das Thema nun parteiübergreifend diskutiert werde, könne als Signal gewertet werden: Die Zukunft des Ortskerns ist Priorität auf der politischen Agenda.
Ein weiteres Stadtzentrum mit Problemen
2024 hat im „Businesspark Mittelburgenland“ vor den Toren von Oberpullendorf ein großer Supermarkt und ein Fast-Food-Lokal eröffnet. Im Zentrum der Bezirkshauptstadt hingegen droht die Schließung des letzten Nahversorgers.
Wie der ORF vergangene Woche berichtete, soll die „Billa“-Filiale in der Augasse geschlossen werden. Versuche der Gemeinde, den Standort zu erhalten, hätten nicht gefruchtet, sagte Bürgermeister Johann Heisz (ÖVP) – man könne einem Konzern nicht vorschreiben, wie er seine Geschäfte zu führen hat.
Oberpullendorf mit seinen 3.300 Einwohnern kämpft mit ähnlichen Problemen wie Mattersburg – Geschäfte-Schwund im Ortskern, aufgrund der Konkurrenz am Stadtrand, beziehungsweise im Internet. „Die Einkaufsstadt, die alles hat“ (so ein alter Slogan der Stadt) zählt derzeit 20 Leerstände. Lichtblick: In den kommenden Monaten sind laut Stadtchef Heisz auch wieder vier Neueröffnungen geplant.
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