Chronik | Burgenland
02.11.2018

Ludwig Stössel: Von Lockenhaus nach Hollywood

Der jüdische Schauspieler musste Österreich 1938 verlassen – in Amerika machte er Karriere.

Fast ein Jahrhundert lang, von 1850 bis 1938 haben jüdische und nichtjüdische Einwohner in der mittelburgenländischen Gemeinde Lockenhaus miteinander gelebt. Einer von ihnen war Ludwig Stössel.

Obwohl er in Lockenhaus heute nur wenigen bekannt ist, hat der 1883 in Léka –, wie das damals zu Ungarn gehörige Lockenhaus hieß – geborene Sohn einer jüdischen Familie Karriere gemacht: Stössel spielte nicht nur bei den Salzburger Festspielen (1935–1937) unter der Regie von Max Reinhardt den Teufel in „Jedermann“, er schaffte es sogar bis nach Hollywood: Im Filmklassiker „Casablanca“ war er in der Rolle des „Mr. Leuchtag“ zu sehen.

In einer nicht ganz einminütigen Szene spielte er einen älteren Emigranten, der mit seiner Ehefrau (gespielt von Ilka Grüning, Anm.) dem Oberkellner Carl (Szöke Szakall) seine Englischkenntnisse zum Besten gibt.

Thomas Ziegler, Lehrer für Geschichte und Latein am Gymnasium Oberschützen, hat seine Diplomarbeit dem Lockenhauser gewidmet. „Bisher war nur wenig über Ludwig Stössel bekannt“, sagt Ziegler. Er hat sich unter anderem im Filmarchiv Austria auf Spurensuche gemacht.„Ludwig Stössels Karriere steht sinnbildlich für viele jüdische und politische andersdenkende Filmschaffende, die im Zuge der braunen Machtergreifung im Verlauf des Jahres 1933 größten Schikanen ausgesetzt waren und ihre Berufe nicht mehr ausüben konnten“, schreibt Ziegler.

13 Notizbücher

Obwohl Stössel schon im Kindesalter mit seiner Familie nach Graz gezogen war, habe er sich „als Burgenländer gefühlt“, wie Ziegler aufgrund von alten Zeitungsinterviews herausgefunden hat. Diese Interviews hatte Stössel in Notizbüchern, sogenannten Scrap-Books, aufbewahrt.

„Über den Umweg eines privaten Verkäufers kam dieser Nachlass in das Filmarchiv Austria, wo diese dreizehn schwarzen Notizbücher in zwei Kartonschachteln aufbewahrt werden“, ist in der Diplomarbeit zu lesen. In diesen Notizbüchern hatte Stössel neben Theater- und Filmprogrammen auch Zeitungsausschnitte zu Film- und Theaterkritiken, aber auch längere Reportagen und Star-Porträts aufbewahrt.

Im Jahr 1938 musste der gebürtige Lockenhauser flüchten, zuerst kam er in die Schweiz und dann nach England. Im Alter von 56 Jahren lernte Stössel Englisch. 1939 gelangte er in die USA, dort erhielt er 1940 seine erste Filmrolle. Stössel spielte auch an der Seite von Elvis Presley und Dean Martin. Im Film „Der große Wurf“ ist er als Vater von Gary Cooper zu sehen. Insgesamt sei er zeit seines Lebens an mehr als hundertfünfzig Film- und Fernsehproduktionen beteiligt gewesen, sagt Ziegler.

Bei der Gedenkwoche „1938.2018.Shalom.Nachbar“, die von 4. bis 11. November in Lockenhaus stattfindet (siehe Zusatzbericht), wird nicht nur der Juden in Lockenhaus gedacht, die 1938 emigrierten bzw. von den Nazis deportiert wurden. Beleuchtet wird dabei auch das Leben Stössels im Rahmen eines Vortrages von Ziegler.

Gestorben ist der Schauspieler im Jänner 1973 in Beverly Hills. „Dem Vernehmen nach soll seine Asche nach Österreich gebracht worden sein“, sagt der Historiker.

 

Gedenkwoche in Lockenhaus

Etwa 30 Juden lebten 1938 in Lockenhaus. Dreizehn von ihnen  wurden nachweislich  in Konzentrationslagern ermordet.
„Wir wollen nicht vergessen, was damals passiert ist“, sagt die Lockenhauserin  Ruth Patzelt.  80 Jahre nach dem Beginn der  Nazi-Diktatur  hatte man ein eintägiges Gedenkfest für die Opfer der Shoa veranstalten wollen. Doch daraus ist nun das Projekt 1938.2018 entstanden –   ein einwöchiger Gedenkreigen.  Gemeinsam mit  Barbara HorvathGertraud Horvath und  Denise Steiger  – arbeitet  Patzelt seit März diesen Jahres an dem Projekt. Was Patzelt besonders freut: „Es  haben sich auch die Nachkommen ehemaligen jüdischer Bewohner der Gemeinde angekündigt, die extra aus Israel anreisen.“
Den Ausgang nimmt die Gedenkwoche beim Mahnmal,  prominente Festredner – darunter Autor Peter Menasse  – werden die Eröffnungsrede halten. Zu sehen ist auch die neue Kunst Installation Mezuzah.   „Es symbolisiert die Türen, die fehlen und die jüdischen Häuser, die es im Ort nicht mehr gibt.“
Am  5. November, bittet  Patzelt zum Literaturabend (Beginn: 18.30 Uhr, Altes Kloster). Dabei erzählt sie von ihrer Spurensuche nach jüdischer Kultur. Am 7. November (19 Uhr) steht ein Vortragsabend  über Ludwig Stössel auf dem Programm. 
Anlässlich des Gedenkens an die  Reichspogromnacht   wird am 9. November an  verfolgte Menschen weltweit gedacht.  „Schau mir in die Augen, Kleines, heißt es am Samstag, den 10. November, bei der Kinovorführung.
Die Gedenkwoche  wird am Sonntag, 11. November, mit einem  Innehalten beim Mahnmal abgeschlossen.
Auch die Schüler der Volks- und der Neuen Mittelschule (NMS) beteiligen sich an dem Projekt. Die Filmplakate haben NMS-Schüler  gestaltet, sagt Patzelt, die selbst Pädagogin ist.  „Es ist wichtig, die Jungen mit der Geschichte in ihrem Ort vertraut zu machen. Auch deshalb, dass sich diese Geschichte nicht mehr wiederholt.“