Kulinarische Schützen-Hilfe: Vom Kaffee-Wunsch zum Kult-Lokal
Alain Weissgerber und Barbara Eselböck, Herr und Herrin über „Greisslerei“ und „Taubenkobel“.
Von Achim Schneyder
Man könnte zur Feier des Tages zwei Achtel einschenken und dann auf ein Viertel anstoßen. Auf ein Vierteljahrhundert. Ein Vierteljahrhundert „Greisslerei beim Taubenkobel“. Die nämlich öffnete fast auf den Tag genau vor 25 Jahren am 10. Juni 2001 – und dieser 10. war wie der heutige 7. ein Sonntag – ihre einladenden Pforten.
„Der Pfarrer war da und der Bürgermeister, und die Leut’ aus dem Ort sind auch höchst zahlreich erschienen. Und zum Essen hat’s Leberkässemmeln gegeben und dazu Bier und Wein und allerlei mehr“, erinnert sich Walter Eselböck. „Und die Stimmung war wunderbar, auch der Pfarrer hat ein paar offizielle Worte gesprochen“, erzählt Eveline, Walters Frau.
Schon Jahre zuvor, 1984, hatten Eveline und Walter, die Sommelière und der kochende Autodidakt, im Nebengebäude den „Taubenkobel“ aus der Taufe gehoben, der bald eines der besten Restaurants im Land werden sollte. Und der heute – wie auch die „Greisslerei“ – in den bewährten Händen von Tochter Barbara, übrigens ebenfalls Sommelière, und ihrem brillant kochenden Mann Alain Weissgerber liegt.
G'scheiter Kaffee muss her
Gründe, die „Greisslerei“ zu ersinnen und zu realisieren, gab es seinerzeit zwei. „Ich war der Typ, der nach dem Aufstehen außer Haus gehen wollte, um irgendwo – und im Idealfall unter Menschen – einen g’scheiten Kaffee zu trinken“, sagt Walter. „Aber so etwas hat’s in Schützen halt leider nicht gegeben.“
Die Greisslerei von innen: Wo der Holzboden knarzt und die Wandfarbe wärmt.
„Und dann“, sagt Eveline, „war’s irgendwann so, dass dieses Gebäude zum Verkauf stand. Und weil der Taubenkobel inzwischen ein doch eher nobles und bereits hochdekoriertes Restaurant war, das die Menschen aus unserem Ort allerdings eher selten besucht haben, dachten wir: Na gut, machen wir was für unsere Mitbürger, etwas vergleichsweise Bodenständiges, und außerdem etwas für den Walter, wo er seinen Kaffee trinken kann und Leute trifft.“
So geschah es dann auch. Und dass die „Greisslerei“ schon damals ein anderes Gesicht als die inzwischen weitgehend ausgestorbenen gewöhnlichen Greisslereien zeigte, spiegelt sich nicht nur im Doppel-S im Namen wider.
Von Wein bis Badehose
Von Anfang an war Barbara ins Geschehen involviert. Wie auch ihre Schwester Stephanie, die nun allerdings schon seit Jahren mit ihrem Mann, dem Winzer Edi Tscheppe, eine Ortschaft weiter das großartige „Gut Oggau“ betreibt.
- Wo?
Hauptstraße 31 – 33, 7081 Schützen, 02684/2297. taubenkobel.com/greisslerei. - Wann?
Mi. – Mo. (und Feier- tag) 10 – 22 Uhr, Küche durchgehend. - Was und wie viel?
Saisonal geprägte Wochenkarte mit wechselnden Gerichten; dazu Standards wie: Pannonische Krautsuppe (12,80 €), Kalbsschnitzel gebacken mit Erdäpfel-Vogerlsalat (31,90 €), gebackene frische Fische aus dem Neusiedler See (31,90 €), Weinbergschnecken ab 16 € (sechs Stück), Entrecote vom Grill mit French Fries und Salat (39,90 €). Desserts wie auch Vorspeisen aus der Vitrine. - Warum?
Weil das Auge mitisst und es im Lokal unglaublich viel zu schauen (und auch zu shoppen) gibt. Angenehme Musik, Top- Personal, beste Weine, darunter viele von „Gut Oggau“.
„Ganz zu Beginn“, sagt Barbara, „war’s mehr das klassische Einkaufsg’schäft, in dem das Sitzen und Essen eher die zweite Geige gespielt hat. Das hat sich dann aber recht bald gedreht, und der Laden wurde immer mehr zum Wirtshaus und zum Bistro. So, wie wir’s uns eigentlich vorgestellt hatten. Und wenn die Leute nur auf ein Glas Wein, ein Bier und Brot und Wurst oder einen Kaffee und was Süßes gekommen sind, war’s uns auch recht.“
Zwischendurch hielt es sich dann die Waage, aktuell aber ist die Gastronomie wieder das eine oder andere Zungenspitzerl vorn. Rund 20 Sitzplätze gibt’s im Gastgarten vor der Eingangstür am Rande der wenig befahrenen Straße, rund 30 im Inneren, dazu eine offene Küche samt ungemein appetitanregender Vitrine, in der kalte Vorspeisen und Nachspeisen ihrer finalen Bestimmung harren.
Burgenländischer Klassiker: die pannonische Krautsuppe.
Und dann, in den hinteren, nicht übermäßig breiten Räumen des dafür umso mehr in die Länge gezogenen Gebäudes, erwarten die Gäste (und Einkäufer) zwei weitere Esstische, und rundherum all die Regale, Stellagen und auch Kleiderständer und -haken, die voll sind mit kulinarischen Köstlichkeiten, Weinen, Säften, Ölen, allerlei Accessoires, Alltagsgegenständen wie Geschirr oder Gläser bis hin zu T-Shirts, Blusen, Kleidern und sogar Badehosen.
Kurzum: Ein absolut stimmungsvolles Lokal, das ob des ganzen Drumherums fast schon als Gesamtkunstwerk durchgeht. Ein – nicht abschätzig gemeint – pannonisches Panoptikum.
Aber ist diese Greisslerei mit dem Doppel-S nun tatsächlich (auch) ein Wirtshaus? „Ja, ist sie“, sagt Alain Weissgerber. „Kein klassisches, vielleicht eher ein weitergedachtes. Aber ein Lokal, in dem Wiener Schnitzel, Beef Tatar, Krautsuppe mit Hauswürsteln, Hühnerleber im Glas, gebackener frischer Fisch aus dem Neusiedler See oder Weinbergschnecken, die ja ein uraltes und traditionelles Wiener Wirtshausgericht sind, serviert werden, würde ich durchaus als Wirtshaus bezeichnen.“
Da hat er wohl recht, der Küchenchef. Und aus der Bistro-Küche kommen dann Köstlichkeiten wie Calamari Fritti oder Coq au Vin. Wobei: Übersetzt man Letzteren einfach mit „geschmorter Hahn in Rotwein“, befindet man sich erst wieder im Wirtshaus. Im – um mit Alain zu sprechen – weitergedachten.
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