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1:0 für ein Grätzel: Was Haidingers Gasthaus mit Rapid zu tun hat

In "Heidingers Gasthaus" bleibt man gerne länger als eine Rapid-Viertelstunde. Zwei Quereinsteiger gingen in die Verlängerung.
Barbara und Ingobert Könczöl vor "Heidingers Gasthaus".

Der Torjubel ist längst verklungen, die anfeuernden Chöre sind schon lange erloschen. Und wenn die Glocken der Pfarrkirche Rudolfsheim gegen Abend läuten, heißt das seit mehr als hundert Jahren nicht mehr, dass es jetzt noch eine Viertelstunde, eben diese Vereinsidentität stiftende Viertelstunde, bis zum Schlusspfiff dauert.

Ingobert Könczöl und seine Frau Barbara Lass-Könczöl sitzen am Holztisch neben der Schank ihres Gasthauses im 15. Wiener Hieb, an dem mit den barock geschwungenen Beinen, und blicken aus den Fenstern zur Straße hinaus; gegenüber zieht sich ein schmuckloser Zinshaus-Gigant der Nachkriegszeit die Selzergasse entlang. „Dort war einmal der Fußballplatz von Rapid“, sagt Ingobert Könczöl. Genau genommen bildete die Selzergasse die Längsseite des Feldes, das von Tor zu Tor ein Gefälle von mehr als einem Meter hatte. Von 1903 bis 1911 spielte der 1899 gegründete Verein – durchaus erfolgreich – auf der schiefen Bahn. 

„Hier soll ja die Rapid-Viertelstunde entstanden sein“, erzählt Könczöl, der sichtbar Freude daran hat, an diesem historischen Ort Wirt sein zu dürfen. Manchen Quellen zufolge diente das schon erwähnte Glockengeläute der nahen Kirche auch als Matchuhr.

Heidinger bleibt Heidinger

Aber reden wir doch lieber über das Gasthaus selbst, „Heidingers Gasthaus“ – eine Institution der vorstädtischen Wiener Wirtshauskultur. „Gleich“, sagt der Wirt, „aber eines muss ich noch zu Rapid sagen. Mehrere Stammgäste haben uns schon erzählt, dass hier, wo wir jetzt sitzen, die Umkleidekabinen der Spieler waren.“ Zu einem Lokal wurden die Räume erst später.

„Heidingers Gasthaus“ also: Wer in Wien kennt es nicht? Robert und Susanne Heidinger haben das Haus 1984 übernommen und mehr als 40 Jahre lang, mit ortstypisch resoluter Herzlichkeit und Liebe zur Wiener Küche, geführt. Es waren andere Zeiten. Alle Ehefrauen potenzieller Heidinger-Gäste hatten die Festnetznummer des Gasthauses und nutzten sie, um nach ihren ausbleibenden Männern zu fahnden. Als die Heidingers 2025 in Pension gingen, erzählten sie belustigt, dass sie oft bis zu zehnmal am Tag lügen mussten. „Na, der is net do“, sagten sie in den Hörer und zwinkerten dem Gesuchten am Stammtisch zu.

Espressomaschine in "Haidingers Gasthaus".

Guter Espresso im Gasthaus: Dank sei der Faema E 61. 

In diesem Sommer 2025 wälzten Barbara Lass-Könczöl und ihr Mann Ingobert bereits Pläne für ein neues Leben. Er, ein gebürtiger Tiroler, war vorher in der Automobilindustrie tätig und absolvierte danach in renommierten Häusern eine umfassende Ausbildung zum Koch; sie war – und ist immer noch – Juristin im Bildungsministerium. Eines Tages entdeckten sie in der Nachfolgebörse der Wirtschaftskammer „Heidingers Gasthaus“.

Am 6. Februar 2026 sperrten die Könczöls auf. Der Gedanke, das Lokal neu zu benennen, war bloß ein kurzer Blitz. „So ein traditionsreiches Haus verträgt keinen anderen Namen“, sagt Ingobert. 

Es war ein Riesensprung ins kalte Wasser

Barbara sagt, sie habe keine gastronomische Erfahrung, außer ziemlich weinaffin zu sein. Ingobert stammt zumindest aus einer einschlägig vorbelasteten Tiroler Familie. Er steht kurz auf, holt einen beachtlichen grünen Wälzer und legt ihn auf den Tisch: „Tiroler Wirtshausküche“ heißt das Buch von Otto und Jürgen Nentwich. „Otto ist mein Großvater“, sagt Ingobert, „und Jürgen mein Onkel.“

 Klassisches aus dem Zillertal: die Ofenleber.

 Klassisches Mitbringsel aus dem Zillertal: die Ofenleber. 

Die Schwarte trug auch dazu bei, dem „Heidinger“ einen behutsamen kulinarischen Neuanstrich zu verleihen. Natürlich bleibt vieles, wie es immer schon war: vor allem das doppelt gebackene Gulasch, das Robert Heidinger entwickelt hat; und die beliebte Gansl-Saison wird es auch in Zukunft geben. Ingobert Könczöl will aber auch seine Heimat Tirol auf der Karte zu Wort kommen lassen – etwa in Gestalt der faschierten Zillertaler Ofenleber oder dem klassischen Knödel-Tris. Er plant auch einen sogenannten „Wilder-Kaiser-Salat“. Was das wohl ist? Er lacht und sagt: „Na ja, ein Caesar Salad halt. Aber mit Schwarzbrot statt Croûtons aus Baguette und Bergkäse statt Parmesan.“

Nicht einmal ein halbes Jahr ist jetzt vergangen, seit Ingobert und Barbara ihre Vision, „bis zur Pension eben ein Gasthaus zu führen“, leben. Sie fühlen sich „im Grätzel gut angenommen.“ Einfach ist das alles aber nicht immer. Barbara Könczöl arbeitet nämlich tagsüber weiter im Ministerium und hilft am Abend tatkräftig mit – in diesem traumhaften Schankraum mit dem alten Winzerschinken in Öl über der kräftig patinierten Holzlamperie.

Einmal, erzählt sie, hatte sie abends frei, als sich der Restaurantleiter zehn Minuten vor dem Aufsperren ziemlich tief in den Finger schnitt. Barbara Könczöl: „Ich war grad entspannt auf der Mariahilfer Straße, da hat mich der Ingobert angerufen. Eine Viertelstunde später war ich da.“

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