Frau am Steuer: Faszination Fernfahrerin
Edith Unger leitet das Unternehmen in dritter Generation
Von Vanessa Halla
Edith Ungers Leben ist ein bisserl wie eine Fahrt mit dem Navi: Nicht immer führt die Route ans gewünschte Ziel. Aber am Ende einer Fahrt kommt man immer irgendwo an. Und niemand weiß das besser als eine Lkw-Fahrerin aus dem Südburgenland.
Zum Handkuss, sprich ans Steuer gekommen ist Edith, weil ihre große Schwester technisch nicht so interessiert war. Eigentlich wollte die heute 46-Jährige nämlich Steuerberaterin werden. Wie es das Leben so wollte, führt Edith Unger aus Strem heute ein Transportunternehmen in dritter Generation.
Und das nicht bloß vom Bürosessel aus. Edith ist Lkw-Fahrerin und Firmenchefin und als Frau in diesem Beruf eine Rarität.
Im männerdominierten Beruf
Wie man neun Mitarbeiter, zig Baustellen und das eigene Leben vom Steuer eines Lastwagens aus disponiert? „Irgendwie geht ois“, lautet Ediths Erklärung. Sie lacht dabei. Obwohl in diesem männerdominierten Beruf freilich nicht immer alles lustig für sie war.
Diesel im Blut
Der Motor brummt tief, der Vierachser rollt langsam vom Hof. Ein kurzer Griff zum Handy, noch schnell eine Baustelle koordinieren, dann geht es Richtung Steiermark.
Für Edith Unger ist das kein außergewöhnlicher Arbeitstag. Es ist ihr Leben. „Ich fahre einfach wahnsinnig gern“, sagt sie. Dass sie gleichzeitig Unternehmerin ist, vergisst man in diesem Moment beinahe. Denn sobald sie hinter dem Lenkrad sitzt, ist Edith vor allem Lkw-Fahrerin.
Die Burgenländerin begleitete schon als Kind ihren Vater auf Touren
Dabei war dieser Weg alles andere als geplant. Die Geschichte der Unger Transport GmbH aus Strem beginnt bereits 1963. Damals gründet Ediths Großvater die Firma.
Dreißig Jahre später folgt ihr Vater, seit 2014 trägt sie selbst die Verantwortung für den Betrieb mit „neun Mann und einer Chefin“.
Mit dem Papa auf Tour
„Ich war acht Jahre alt, als ich das erste Mal mit meinem Papa im Laster in die Türkei gefahren bin“, erinnert sich Edith an ihre Kindheit als Tochter eines Lkw-Fahrers. Während andere Kids die Ferien am Badesee verbrachten, lernte Edith Grenzübergänge, Straßen und Rastplätze kennen. „Bei der zweiten Fahrt konnte ich meinem Papa schon den Weg ansagen.“ Eine Woche dauerte so eine Tour oft. „Fad war mir nie. Ich habe immer aus dem Fenster geschaut und alles beobachtet“, erinnert sich Edith, die schon damals fasziniert von dieser eigenen Welt der Fernfahrer war.
Vom Steckenbleiben
Im Alter von 17 Jahren sitzt Edith Unger zum ersten Mal selbst hinter dem Steuer eines tonnenschweren Kippsattels. Kurz darauf absolviert sie die Ausbildung zur Berufskraftfahrerin. „Viele wissen gar nicht, dass es diesen Lehrberuf überhaupt gibt.“
Damals waren gerade einmal zwei Frauen in ihrer Berufsschulklasse. Auch später bleibt sie oft die einzige Frau auf Baustellen. „Die ersten fünf Jahre in dem Job waren richtig hart“, erinnert sich die Südburgenländerin an ihre ersten, fordernden Berufsjahre zurück.
Persönliche Erfahrungen
Sie wird unterschätzt, belächelt und manchmal von unguten Kollegen sogar bewusst in schwierige Situationen gebracht. „Einmal haben sie mich absichtlich auf einen Weg geschickt, auf dem ich mit dem Lastwagen stecken geblieben bin.“ Mit Anfang zwanzig verunsichern sie solche Erlebnisse noch. „Damals habe ich mir vieles gefallen lassen. Heute ist das ganz sicher nicht mehr so.“ Es ist kein kämpferischer Satz. Sondern eher einer, dem viele persönliche Erfahrungen zugrunde liegen.
Verantwortung aufladen
Heute beschäftigt Edith Unger neun Mitarbeiter – allesamt Männer. Die Chefin organisiert Transporte, schreibt Dispositionen und steigt trotzdem täglich selbst in ihren Volvo FH 500. „Ich möchte gar nicht nur im Büro sitzen.“ Warum? „Weil ich dadurch genau weiß, was draußen passiert. Wenn du selbst fährst, kannst du viel besser entscheiden, was möglich ist und was nicht.“
Ganz besonders spürte Edith das, als sie den Betrieb übernommen hatte. Innerhalb kurzer Zeit verunglückte ein Fahrer mit einem Lastwagen. Wenig später fing die Zugmaschine ihres Vaters Feuer. „Danach konnte ich lange nicht mehr richtig schlafen.“
Die Eltern halfen gern
Verantwortung bekommt in solchen Momenten ein ganz anderes Gewicht. Vielleicht ist genau deshalb Respekt für sie wichtiger als Angst. „Ich habe großen Respekt vorm Kippen eines Lastwagens.“ Wenn sie an ihre Anfänge denkt, muss sie lächeln. „Wenn ich mir unsicher war, habe ich oft meine Eltern angerufen. Dann hab ich gesagt, ‚Papa, ich trau mich nicht Kippen‘. Sie sind immer gekommen und haben mir geholfen.“
Mehr Anerkennung
Was sich in ihrem Beruf im Vergleich zu früher verändert hat, ist der Komfort. „Früher war Lastwagenfahren körperlich viel anstrengender. Heute hast du Klima, luftgefederte Sitze, Standheizung – fast wie zu Hause.“ Sorgen bereitet ihr etwas anderes. „Wir finden kaum noch Nachwuchs.“ Dabei sei der Beruf viel schöner als viele glauben. „Du bist jeden Tag woanders. Du bist frei. Und wenn du Menschen treffen willst, triffst du Menschen.“
Vor allem aber wünscht sie sich mehr Wertschätzung. „Ohne Lastwagen kommt in unserer Region nichts an. Kein Essen, kein Baumaterial, kein Diesel, kein Benzin.“ Und auch keine Edith.
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