Wo dem Burgenland bald die Kinder fehlen werden
Ab dem kommenden Schuljahr gilt im Burgenland eine Mindestschüleranzahl von zehn – im Schnitt der letzten drei Jahre.
In vielen Gemeinden lässt sich an den jüngsten Jahrgängen ablesen, wie eng es für die Volksschule werden könnte. Konkret im Kindergarten, in den Geburtenzahlen, in den Jahrgängen, die noch gar nicht in der Schule sitzen. Genau dort zeigt sich im Burgenland ein deutlicher Knick. Es gibt deutlich weniger Kinder im Alter von null bis unter fünf Jahren als in der Gruppe der Fünf- bis unter Zehnjährigen.
Die einen füllen derzeit die Klassenzimmer oder stehen kurz vor der Einschulung. Die anderen sind jene Jahrgänge, die in den nächsten Jahren nachkommen. Die Differenz ist mehr als Statistik. Sie zeigt, wo sich schon bald die Frage stellen wird, wie viele Schulstandorte das Land noch tragen kann.
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Landesweit zählte die Statistik Burgenland zum Stichtag 1. Jänner 2025 insgesamt 11.300 Kinder im Alter von null bis unter fünf Jahren. In der Altersgruppe von fünf bis unter zehn Jahren waren es 13.826. Das ist ein Minus von 2.526 Kindern oder rund 18 Prozent. Anders gesagt: Die nächste Welle an Volksschulkindern wird nach heutigem Stand deutlich kleiner sein als jene, die jetzt durch die Schulen geht.
Wo es besonders eng wird
Das ist keine exakte Prognose für jede einzelne Gemeinde. Familien ziehen um, neue Siedlungen entstehen, Gemeinden wachsen oder verlieren Einwohner. Aber die Altersstruktur ist ein deutliches Warnsignal.
- Besonders ausgeprägt ist die Lücke im Bezirk Oberpullendorf. Dort stehen 1.251 Kinder unter fünf Jahren 1.605 Kindern zwischen fünf und zehn Jahren gegenüber. Das entspricht einem Rückgang um rund 22 Prozent.
- In Neusiedl am See beträgt die Differenz 627 Kinder, in Oberwart 511, in Güssing 212.
- Auch in Jennersdorf, Mattersburg, Eisenstadt-Umgebung sowie in den Städten Eisenstadt und Rust ist die jüngere Gruppe kleiner.
Im Burgenland gibt es deutlich weniger junge Kinder – mit Folgen für Volksschulen.
Damit wird sichtbar, was in einigen Gemeinden vor allem im Mittel- und Südburgenland oft längst spürbar ist: Die Entwicklung der Schülerzahlen am Land ist ein schleichender Prozess. Zuerst wird eine Klasse kleiner. Dann wird aus vier Schulstufen eine gemeinsame Klasse. Dann fehlen Kinder für eine zweite Gruppe, für Nachmittagsbetreuung, für den Turnsaalbetrieb, für die volle Auslastung des Gebäudes. Am Ende steht selten nur eine pädagogische Frage. Es geht um Ortsleben, Vereinsnachwuchs, Schulwege und um die Frage, ob ein Dorf seinen vielleicht letzten Treffpunkt verliert.
Die Landespolitik hat bereits reagiert. Mit dem Schuljahr 2025/26 wurden die Bildungsregionen „Nord“ und „Süd“ eingeführt. Sie sollen helfen, Infrastruktur und Zusatzangebote besser an die demografischen Unterschiede im Nord- und Südburgenland anzupassen. Gleichzeitig starteten neue Schulcluster in Pinkafeld, Lackenbach, Illmitz und Mattersburg.
Weniger Klassen
Zum Schulstart 2025/26 meldete die Bildungsdirektion insgesamt rund 32.867 Schülerinnen und Schüler in Pflicht- und Bundesschulen. Im Pflichtschulbereich sind es 188 Schüler weniger als im Jahr davor, die Zahl der Klassen sank um 21. Bei den Volksschulen wurden 22 Klassen weniger geführt, bei den Mittelschulen fünf weniger. In Allgemeinen Sonderschulen und Polytechnischen Schulen kamen hingegen jeweils drei Klassen dazu.
Gerade bei kleinen Volksschulen zeigen die Daten, wie eng das System an manchen Orten geworden ist. Statistik Burgenland listet für 2024/25 insgesamt zwölf Volksschulen mit höchstens 14 Kindern. Die kleinste war Mühlgraben mit acht Kindern. Danach folgen Hackerberg mit neun und Kalkgruben mit zehn Kindern. Weingraben, Kroatisch Minihof, Weichselbaum und Loretto hatten jeweils elf Kinder, Unterpetersdorf zwölf, Buchschachen 13. Oberpetersdorf, Grieselstein und Limbach (Schließung Ende Schuljahr 2024/25; Anm.) lagen bei je 14 Kindern.
Die angeführten Standorte stehen nicht unbedingt vor der Schließung, sind aber dennoch von wenigen Jahrgängen abhängig. Schon ein kleiner Geburtenknick, ein Wegzug oder eine Entscheidung für eine andere Schule kann genügen, um die Organisation zu erschweren.
Weniger Kinder führen zu weniger Klassen und möglichen Standortfragen.
Die demografische Basis dazu ist in einigen Gemeinden besonders schmal. Großmürbisch zählte Anfang 2025 nur 16 Menschen unter 15 Jahren, Moschendorf 33, Mühlgraben 38, Weingraben 42, Schandorf 41. In Deutsch Schützen-Eisenberg waren es 106 Unter-15-Jährige, gleichzeitig aber 362 Personen ab 65 Jahren. Genau dort wurde zuletzt besonders emotional über die Zukunft der Volksschule und über den Bildungscampus Pinkaboden diskutiert. Die Bürgerinnen und Bürger von Deutsch Schützen-Eisenberg entschieden sich klar für den Erhalt des eigenen Standorts.
Neue Mindestzahlen
Der Fall Pinkatal zeigt exemplarisch, worum es geht. Für Gemeinden ist die Schule mehr als ein Gebäude, das man auslasten muss. Sie ist ein Symbol dafür, dass der Ort Zukunft hat. Für die Bildungsplanung zählt aber auch, ob eine Schule pädagogisch, personell und organisatorisch langfristig sinnvoll geführt werden kann.
Das Land hat deshalb Mindestschülerzahlen wieder zum Thema gemacht. Die Novelle des burgenländischen Pflichtschulgesetzes soll mit 1. September in Kraft treten. Für Volksschulen soll künftig ein Durchschnitt von zehn Kindern gelten, wobei die Prognosen für die nächsten drei Jahre herangezogen werden. Bei Mittelschulen liegt die Schwelle bei 48 Schülern im laufenden Schuljahr. Auch befristete Stilllegungen sollen als Zwischenschritt möglich sein.
Auch der Norden verliert
Auffällig ist, dass der demografische Knick nicht nur klassische Abwanderungsregionen trifft. Auch der Bezirk Neusiedl am See, der in vielen Gemeinden wächst, weist bei den jüngsten Kindern eine deutliche Lücke auf: 2.438 Kinder unter fünf Jahren stehen 3.065 Fünf- bis Zehnjährigen gegenüber. Der Bezirk ist damit keine schrumpfende Region im klassischen Sinn. Für die Volksschulen bedeutet es trotzdem: Wachstum schützt nicht automatisch vor kleineren Jahrgängen.
Der demografische Knick im Burgenland zeigt sich bereits deutlich in den jüngsten Jahrgängen.
Das macht die Schulfrage komplexer. Im Norden geht es oft um Zuzug, neue Wohnformen, Betreuung und Kapazitäten an den richtigen Orten. Im Süden und Mittelburgenland geht es häufiger um kleine Standorte, lange Wege und die Frage, ob Kooperationen zwischen Gemeinden rechtzeitig geplant werden. Beides ist ländlicher Raum, aber mit unterschiedlichen Problemen.
Vorausschauen hilft
Für die Gemeinden wird entscheidend sein, ob sie die Debatte früh genug führen. Wer erst reagiert, wenn ein Standort akut gefährdet ist, landet rasch in einer Abstimmungslogik: Schule oder keine Schule, Ort gegen Land, Identität gegen Effizienz. Sinnvoller wäre eine regionale Planung, die Schulstandorte, Kindergärten, Nachmittagsbetreuung, Busverbindungen und leer werdende Gebäude gemeinsam betrachtet.
Denn eines zeigen die Daten klar: Die Zahl der Kinder wird nicht überall gleich zurückgehen. Aber fast überall werden die kommenden Volksschuljahrgänge kleiner. Die Schuldebatte im Burgenland ist damit keine Ausnahmeerscheinung einzelner Gemeinden. Sie ist ein Vorgeschmack auf eine zentrale Frage der kommenden Jahre: Wie viel öffentliche Infrastruktur braucht ein Dorf, damit es lebendig bleibt – und wie viel kann es allein noch tragen?
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