Barrieren: "Zugang zum Leben abgeschnitten"

Barrieren: "Zugang zum Leben abgeschnitten"
Der Präsident des Zivilinvalidenverbandes über mangelnde Barrierefreiheit, Ignoranz und Mitspracherechte.

Hans-Jürgen Groß ist Idealist. Die Verletzungen nach einem Treppensturz führten dazu, dass der 37-Jährige seit mehr als sieben Jahren im Rollstuhl sitzt. Doch anstatt ein Leben lang mit seinem Schicksal zu hadern, sagt er heute mit einem Augenzwinkern: "Etwas Besseres hätte dem Invalidenverband nicht passieren können." Denn als Präsident des Zivilinvalidenverbandes (ÖZIV) setzt er sich unermüdlich dafür ein, dass "Behinderung kein Handicap ist".

KURIER: Herr Groß Sie kennen beide Seiten - das Leben mit und ohne Rollstuhl. Was waren die größten Einschnitte?
Groß:
Ich hatte nie wahrgenommen, wie benachteiligt diese Personengruppe im Alltag ist. Es gibt plötzlich so viele Ausschließungsgründe. Ich konnte nicht mehr in das Kaffeehaus, wo meine ganzen Freunde saßen. Ich kann in mein Stammgeschäft nicht mehr einkaufen gehen. Man kann bei Freunden auf einmal nicht mehr rein. Ganz schlimm ist der Umstand, dass es im 21. Jahrhundert noch immer kaum Behinderten-Toilettenlagen gibt.

Wie geht aus Ihrer Sicht die Gesellschaft mit Menschen mit Behinderung um? Stichwort Parkplätze.
Es hat sich mittlerweile viel getan. Die Leute sind aufmerksamer geworden. Die Gesellschaft nimmt das Thema besser an. Nicht zuletzt durch die Aktionen, die wir zum Teil gemeinsam mit der Polizei durchgeführt haben. Aber wenn ich zurückdenke, war es anfangs schlichtweg ein Drama. Ich bin ganz ehrlich, ich war verbittert. Ich konnte nicht mehr gehen, den Rollstuhl hab ich damals nicht gerade als etwas Positives empfunden. Und dann versuchst du den Menschen klarzumachen, dass du diesen Parkplatz brauchst und wirst dafür teilweise auch noch beschimpft.

Reichen die Strafen aus?

Nein, die Strafen sind lächerlich. Derzeit werden 20 € verrechnet. Der Strafrahmen geht bis 720 €. Wir verlangen, dass zumindest 100 € verrechnet werden, denn wenn der Parkplatz besetzt ist, kann ich mit meinem Rollstuhl nicht aus dem Auto. Somit kann ich nicht einkaufen, nicht in ein Restaurant gehen. Man schneidet uns damit den Zugang zum Leben ab.

Barrieren bei Gebäuden sind ein Dauerbrenner. Wie geht es mit dem umstrittenen Katamaran weiter?
Das nächste Treffen findet am 15. August statt. Ich hoffe sehr, dass wir uns da einigen. Wir bestehen auf den Bau des Liftes so wie es im Baubescheid drinnen steht. Derzeit werden alle Menschen, die in ihrer Mobilität beeinträchtigt sind oder auch mit dem Kinderwagen unterwegs sind, ausgeschlossen.

Wie werden Menschen mit Behinderung seitens der Politik vertreten?
Das ist ein sehr sensibler Bereich. Da haben viele eine Scheu davor Stellung zu beziehen. Wir haben sehr gute Kontakte. Wir versuchen auch, die entscheidenden Lebensbereiche, sprich Gesetzesgrundlagen, mitzugestalten. Aber die Politik zieht noch nicht an einem Strang.

Und wie sieht es in der Wirtschaft aus?

Die Wirtschaft schreit gleich immer auf, wenn ihr wegen uns sozusagen Mehrkosten entstehen. Die Wirtschaftskraft des Menschen mit Behinderung wird nicht gesehen. Dabei liegt hier ein enormes Potenzial.

Was wünschen Sie sich für die nahe Zukunft?
Der ÖZIV soll als Interessensvertretung bei den Landtagssitzungen anwesend sein und Rederecht haben. Behinderung ist eine Querschnittsmaterie. Dadurch könnte man gewährleisten, dass die Interessen von Menschen mit Behinderung berücksichtigt werden. Das würde dem Land nichts kosten. Und es wäre schön, wenn wir ein gemeinsames Strategiepapier, einen Maßnahmenplan für die nächsten fünf Jahre erarbeiten könnten. Dafür sollten sich alle betroffenen Stellen an einen Tisch setzen.

Katamaran: Zugang zum Lokal ist nicht barrierefrei

Das neue Seerestaurant in Rust am Neusiedler See, das Katamaran, ist für viele eine architektonische Augenweide. Für Hans-Jürgen Groß ist das Lokal aber eher ein architektonischer Dorn im Auge. Denn obwohl es einen gültigen Baubescheid gibt, der den Bau eines behindertengerechten Liftes vorschreibt, wurde dieser nicht errichtet. Und das, obwohl laut Gesetz ein öffentlich zugängliches Gebäude, das mit Landesmitteln gefördert wird, barrierefrei sein muss.

Groß hat nun ein Verfahren nach dem Behindertengleichstellungsgesetz eingebracht. "Ich verstehe ja auch die Logik dahinter nicht. Da baue ich einen Eissalon im ersten Stock und schließe dann nicht nur Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Menschen aus, sondern auch alle Familien, die mit Kinderwagen unterwegs sind", wundert sich Groß.

Der Eigentümer des Katamaran zeigte zwar grundsätzlich Verständnis für den Missstand. Ob er den Lift aber bauen wird, ist noch offen. Am Montag, den 15. August, findet jedenfalls das nächste Treffen in dieser Causa statt.

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