Chronik | Burgenland
23.11.2018

Als Kind im Kampf gegen Faschismus

Käthe Sasso , 92, war im Widerstand aktiv. Mit 16 Jahren wurde sie inhaftiert und ins KZ deportiert

„Ich habe schon als Kind gegen den Faschismus gekämpft.“ Ruhig und sachlich schildert Käthe Sasso im KURIER-Gespräch ihre Lebensgeschichte. Das macht die Grausamkeiten, die sie im Kampf um Gerechtigkeit erfahren hat wohl noch deutlicher: Die 92-Jährige war Widerstandskämpferin während des NS-Regimes und ist eine der letzten lebenden Zeitzeugen.

Geboren wurde sie 1926 als Käthe Smudits in Wien. Zum Burgenland hat sie einen ganz besonderen Bezug: Die ersten Lebensjahre ist sie bei ihrer „Majka“ – wie sie ihre Großmutter nannte – in Nebersdorf (Bezirk Oberpullendorf) aufgewachsen. „Sie hat mich mit viel Liebe und Güte aufgezogen. Das hat mich für mein späteres Leben geprägt.“

In diesem hat Sasso Gefängnis, Folter und einen brutalen Überlebenskampf im Konzentrationslager überlebt.

Sie war noch ein Kind, als die Nazis einmarschierten. Dabei erinnert sie sich an einen Vorfall in ihrer Schule: Auf die Frage, wo denn drei ihrer Klassenkameradinnen geblieben seien, herrschte die Lehrerin sie an: „Sie sagte, ’Jüdische Fratzen haben in unserer Klasse keinen Platz.’ Das hat mich sehr betroffen gemacht. Ihre eigene Tochter war nur wenig jünger.“

Politik sei bei ihr zu Hause immer ein Thema gewesen. „Meine Eltern waren immer politisch aktiv, schon zu Zeiten des Ständestaates 1934.“ Dadurch habe sie gewusste „was Hitler bedeuten wird“. „Zu uns sind viele Burgenländer gekommen, wir waren eine große Gruppe im Widerstand.“

Hinrichtung entgangen

Nachdem die Mutter 1941 stirbt und der Vater 1940 zur Wehrmacht eingezogen wird, schließt sich das junge Mädchen der linken Widerstandsgruppe „Gustav Adolf Neustadl’ an. Die Ziele der  Gruppe waren u. a. Witwen hingerichteter Widerstandskämpfer mit Lebensmittel zu unterstützen und das Verteilen von Flugblättern gegen den Faschismus.
Für ihren  Einsatz um andere und ihren Kampf um Gerechtigkeit musste Käthe Sasso teuer bezahlen. „Am 21. August 1942 standen zwei Gestapo-Männer vor der Tür. Sie haben das ganze Haus durchsucht, aber nichts gefunden. Dann haben sie mich mitgenommen.“

Die Anklage lautete auf „Vorbereitung zum Hochverrat“, darauf stand die Todesstrafe.Weil sie noch minderjährig war, entging Käthe Sasso der Hinrichtung.
Ein Monat war sie in Einzelhaft, musste Verhöre über sich ergehen lassen. „Ich hatte soviel Kraft, nichts zuzugeben, was nicht sein musste.“

„Ohne Zusammenhalt und Solidarität unter den Häftlingen hatte man fast keine Überlebenschance.“ Ständig musste sie miterleben, wie Mithäftlinge, zu denen sie eine innige Verbindung aufgebaut hatte, hingerichtet wurden. „Köpfler“ nennt Sasso jene, die im Landesgericht Wien geköpft worden waren. 1200 Menschen waren es.

Fast zwei Jahre war Sasso in Haft, danach kam sie nach Berlin, bis sie kurz darauf mit 13 anderen Häftlingen ins KZ Ravensbrück überstellt wurde. „Da waren nicht nur Linke, sondern auch Christliche dabei“, sagt Sasso. Im KZ lernte sie Burgenland-Kroatin  Hanna Sturm kennen, die sich  nach einer harten Kindheit in Klingenbach  schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts der sozialen Idee verschrieben hatte und als Arbeiterführerin  gegen ausbeuterische Betriebe bis hin zu Streiks kämpfte. „Hanna hatte eine Häftlingsnummer im Bereich von 400, meine war 72.572. Hanna war also eine der ersten Häftlinge im KZ Ravensbrück.“ Sasso berichtet auch von der langjährigen Freundschaft mit Hanna Sturm, die bis zu deren Tod im Jahr 1984 währte. "Es hätten viele im KZ nicht überleben können, wenn Hanna ihnen nicht geholfen hätte.

 

Am 28. April 1945 muss Käthe Sasso  den Todesmarsch Richtung KZ Bergen-Belsen antreten. In der ersten Nacht gelingt ihr die Flucht, sie kehrt zurück nach Wien.

„Ich habe 70 Jahre gekämpft, dass dort, wo diese Menschen (die Hingerichteten, Anm.) verscharrt worden sind, eine Gedenkstätte errichtet wird.“ 2015 war es soweit: Die Gedenktafel für die „Gruppe 40“ wurde am Wiener Zentralfriedhof enthüllt.

Seit den 1990er Jahren ist Sasso auch als Zeitzeugin an Schulen unterwegs, erzählt Schülern ihre Geschichte. „Ich bin eine Antifaschistin, die sich mit ganzem Herzen für Menschlichkeit, Freiheit und Demokratie einsetzt.“

 

KUGA-Eigenproduktion: Zwei Burgenland-Kroatinnen im Widerstand

Zwei außergewöhnlichen Frauen widmet Regisseur Peter Wagner gemeinsam mit Joško Vlasicham Samstag (Beginn: 20 Uhr),  die Gedenkveranstaltung „Hanna und Käthe“ in der KUGA in Großwarasdorf. Dafür wurde ein über zweistündiges Interview mit Käthe Sasso aufgezeichnet.  Auch die Lebensgeschichte der Widerstandskämpferin Hanna Sturm – sie wurde 1891 geboren, stammt aus Klingenbach und war mit Käthe Sasso im KZ Ravensbrück –  haben  Vlasich und Wagner recherchiert. Die Erzählung über die beiden bemerkenswerten Frauen wurde filmisch, musikalisch und verbal aufbereitet, das Ergebnis ist am Samstag in der Kuga-Eigenproduktion zu sehen .