Uniko-Präsident Oliver Vitouch

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Interview
06/26/2016

"Brauchen eine Uni-Milliarde Plus"

"Uniko"-Präsident Oliver Vitouch will von Regierung Taten sehen

von Thomas Martinz

Oliver Vitouch, Präsident der Österreichischen Universitätenkonferenz und Rektor der Uni Klagenfurt, spricht im KURIER-Interview über die "Universitätsmilliarde Plus", Hoffnungen in Kanzler Christian Kern, Zugangsbeschränkungen sowie die Strategien der Identitären.

KURIER: Wo stehen die österreichischen Universitäten im internationalen Vergleich?

Oliver Vitouch: Ziel und Resultat im deutschsprachigen Raum war es stets, einer möglichst hohen Zahl von Studenten einen möglichst hochqualitativen Abschluss zu ermöglichen. Es zeigt sich, dass man damit Probleme bekommt im Bereich der absoluten Spitzenleistungen, im Wettbewerb mit den Besten. Wir können in diesem Bereich leistungsstärker werden. Dazu haben wir in Österreich das Zeug, aber die Spielregeln fehlen. Wir sind von den angepeilten zwei Prozent des BIP weit weg, dümpeln bei 1,5 für den Tertiärsektor trotz gegenteiliger Ankündigungen. Auch hinsichtlich der Frage einer Kapazitätsbemessung und entsprechend seriöser Aufnahmeverfahren.

Zu Spielregeln gehört auch Geld.

Eine "Universitätsmilliarde Plus" wäre der erste Schritt, von 2019 bis 2021 jeweils 500 Millionen jährlich.

Wird es mit Kanzler Christian Kern einfacher, dieses Ziel zu erreichen?

Es gibt Grund zur Hoffnung, weil ein Reformkurs angekündigt wurde, den man an den Taten erkennen soll. Bisher gab es ein Auseinanderklaffen zwischen Ankündigungspolitik und Umsetzung.

Ist davon auszugehen, dass Studienzugänge an den Unis weiter beschränkt werden?

Die Bedingungen haben sich geändert, so wichtig der freie Zugang in den 70er-Jahren war. Im Hier und Heute ist er nicht das taugliche Instrument, um die Probleme zu lösen. Planloser Zugang schlägt sich massiv auf die Studienqualität, -dauer und -planbarkeit nieder. Und auf die Leistungsfähigkeit in der Forschung und die Qualifikation der Absolventen. Ein Ruf nach Studiengebühren ist hingegen nicht Wunsch der Universitätenkonferenz. Wenn Gebühren so hoch werden, dass sie als Finanzierungsbeitrag eine Rolle spielen, haben sie die Schattenseite, dass das Studium schmerzhaft teuer wird. Dadurch würden sie auch sozial selektiv wirken. Da gibt es das diesbezüglich abschreckende Beispiel der Vereinigten Staaten oder Großbritanniens.

In welche Richtung wird sich die Klagenfurter Universität weiterentwickeln?

Wir wollen darauf achten, das Qualitätsniveau weiter zu steigern, um im Kanon der Universitäten wettbewerbsfähig zu sein. Es war eine Pionierleistung des Südens, im Verbund die Lehramtsstudien auf neue Beine zu stellen. Das zeigt auch, dass Partnerschaften und Kooperationen immer wichtiger werden.

Vor zwei Wochen stürmten die sogenannten "Identitären" eine Vorlesung an der Klagenfurter Uni zum Inklusionsbegleiter. War das ein bewusster Anschlag auf die Vorlesung, auf die Uni, auf das Bildungssystem, oder wollte man mediale Aufmerksamkeit?

Es ist eine Verunsicherungsstrategie. Bei der Veranstaltung waren ja auch Flüchtlinge und deren Kinder anwesend. Es ist ein Mittel, um zu signalisieren: Ihr seid hier nicht sicher. Denen ist jedes Mittel recht, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Man darf das auch nicht nach dem "Lausbubenstreichgesetz" geahndet sehen wollen. Ich bin der Auffassung, dass der strafrechtliche Tatbestand der Verhetzung zu prüfen ist. Es ist ja geradezu die Strategie der Identitätssuchenden, möglichst auf Armeslänge vom Verbotsgesetz, der Verhetzung und anderen Tatbeständen fernzubleiben. Aber man sieht auch, wie rasch es kippen kann. Es besteht kein Zweifel, um wes Geistes Kinder es sich hier handelt. Es ist eine gesellschaftlich und demokratiepolitisch relevante Frage, ob man solche Gruppierungen verbieten sollte. Man sieht Facetten der Wiederbetätigung, auch wenn sorgsam darauf geachtet wird, das zu verkappen. Und es ist Gewaltbereitschaft vorhanden. Ich wurde in meinem Leben zuvor noch nie geschlagen.

Die Identitären behaupten, Sie hätten ein Mitglied der Gruppierung verletzt.

Das ist Fantasie und typische Taktik: Täter-Opfer-Umkehr, "Haltet den Dieb". Diese Behauptungen sind strafrechtlich relevant, ich behalte mir rechtliche Schritte vor.

In der Folge wurde eine Vorlesung von der Polizei überwacht. Ist das die Zukunft einer Bildungseinrichtung?

Wir sind ein offenes Haus und wollen das bleiben. Bei thematisch einschlägigen Veranstaltungen werden wir Polizei und Verfassungsschutz informieren. Wir werden auch für die Lehrenden entsprechende Workshops oder Coachings anbieten, wie man mit solchen Vorfällen kompetent umgeht. Möglicherweise müssen wir vermehrt Überwachungskameras installieren. Wir haben auch eine Zahl von mikroterroristischen Folgeaktionen zu verzeichnen: mit Stickern der Identitären werden Namen auf Türschildern überklebt. Dafür reicht es schon, wenn eine Person einen slawischen Nachnamen hat.

Es gibt ein Projekt namens "Living Container". Ausrangierte Frachtcontainer werden zu Wohnungen umgebaut, neben der Universität Klagenfurt sollte ein kleines Dorf entstehen. Warum liegt das Projekt auf Eis?

Living Container ist grundsätzlich ein interessantes Projekt. Wie gut das Konzept ökologisch ist, da gibt es verschiedene Auffassungen. Man sollte sich das im Zuge eines Pilotprojekts empirisch ansehen, mit Messung des Energieverbrauchs und Erhebung der Nutzer-Zufriedenheit. Es gibt bei der Klagenfurter Universität kaum mehr Erweiterungsflächen. Living Container ja, aber dort, wo es nicht um für universitäre Zwecke gewidmeten Grund geht. Es werden sich Alternativen für die Realisierung finden.

Könnten Sie sich den Schritt in die Politik vorstellen?

Ich bin derzeit wirklich gut beschäftigt. Aktuell hätte ich nicht einmal die Zeit, um über eine politische Funktion im engeren Sinne nachzudenken.

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