Thomas Kralinger ist seit zwölf Jahren Geschäftsführer des KURIER.

© KURIER/Jeff Mangione

65 Jahre KURIER
10/16/2019

Thomas Kralinger: "Die Zeitung ist das Schlachtschiff"

Der Geschäftsführer des KURIER, im Interview über Journalismus, Erlöse und Zusammenhalt.

von Georg Leyrer

Die 65-jährige Geschichte des KURIER ist auch eine Geschichte des Medienmarktes in Österreich – und der hat, analog zur weltweiten Entwicklung, zuletzt begonnen, sich radikal zu verändern. Das KURIER Medienhaus ist daher längst mehr als eine Tageszeitung – denn „der gesamte Medienbereich sucht nach neuen Möglichkeiten, um das Geschäft zu diversifizieren“, erklärt KURIER-Geschäftsführer Thomas Kralinger.

Warum das nötig ist, sieht man am besten immer anderswo: Weltweit sinken die Auflagen der Tageszeitungen, immer mehr Medien setzen daher auf kostenpflichtige Onlineinhalte. Und erschließen auch in der Umgebung des Medienmachens neue Geschäftsfelder. Denn die Einnahmen aus Vertrieb und Verkauf einer Tageszeitung werden zwar „noch einige Jahre sehr, sehr gut gehen – aber es ist auch klar, dass wir uns breiter aufstellen, um neue Ertragsmöglichkeiten zu finden und Geschäftsfelder zu erschließen“, sagt Kralinger, der seit zwölf Jahren den KURIER durch diesen Veränderungsprozess steuert.

„Unser Ziel ist, unseren Qualitätsjournalismus auf möglichst vielen Plattformen und so nutzerfreundlich wie möglich aufzubereiten.“ So werden die Leser in Print und Online, mit Videos und Podcasts, mit Magazinen und Veranstaltungen erreicht.

Und zwar so maßgeschneidert wie möglich. Denn „den Leser“ oder „die Leserin“ gibt es nicht mehr: Die einen „wollen ein Thema von allen Seiten aufgegriffen haben, eine 360-Grad-Betrachtung mit Kommentar und allem Drum und Dran. Andere hingegen wollen nur die schlichten Fakten. Speziell die jüngeren Zielgruppen sind eine extrem mündige Leserschaft, die sich selbst ihre Meinung bilden will“, sagt Kralinger.

„Journalismus ist besser“

Und um dieses Publikum zu erreichen, muss sich der Journalismus anstrengen: Es braucht „Information, die die Leser nicht so schnell woanders bekommen. Wir müssen in jenen Themen, in denen wir stark sind, eine Community schaffen und diese mit Hintergrundinformationen versorgen. Daher steigt die Zahlungsbereitschaft.“

Diesen neuen Herausforderungen stellt sich der Journalismus – und zwar durchaus im Positiven. „Journalismus ist besser geworden“, sagt Kralinger. Und „der KURIER ist unheimlich breit aufgestellt. Unsere Leser bekommen ein Angebot mit einer riesigen Bandbreite, das unterschiedlichste Lebensinteressen anspricht.“ Aber auch innerhalb der Medienhäuser sorgt die neue Welt für Veränderungen. So gibt sich der KURIER derzeit neue Organisationsformate, um maßgeschneidert für die neue Medienwelt produzieren können. „Wir werden im Bereich Inhalteproduktion derzeit zu einer der modernsten Zeitungen des Landes“, sagt Kralinger.

Es geht aber auch um neue Bestandsaufnahmen und Sichtweisen, um Perspektivänderungen. „Das Schlagwort heißt agiles Arbeiten“, betont Kralinger, „agiles Denken, bei dem sich die Mitarbeiter als Bestandteil des großen Ganzen verstehen.“ Und zwar zusammen. „Die Zukunft der Medienhäuser beruht sehr viel stärker auf einer gemeinsamen Herangehensweise. Das betrifft nicht nur die redaktionellen Inhalte, sondern es geht auch um Anzeigenverkauf, Marketing und Vertrieb“, sagt der Geschäftsführer.

„Die Qualität des Inhalts muss unbestritten sein. Aber es wird viel stärker nötig sein, sich mit den Kundeninteressen auseinanderzusetzen. Wenn beispielsweise Umweltschutz so stark zum Thema wird, werden wir gut beraten sein, das auch journalistisch entsprechend zu bedenken.“ So arbeitet etwa bei den jüngst gestartetem „Plus“-Artikeln für zahlende Kunden auf KURIER.at „der Salesbereich ganz intensiv mit der Redaktion zusammen, um die Leserforschung mit dem journalistischen Arbeiten zu verknüpfen.“

Schnellboote

Die Tageszeitung sei in all diesen Konstellationen „ein ganz wesentliches Schlachtschiff“, sagt Kralinger. „Und daneben gibt es sehr viele Schnellboote, mit denen wir unterwegs sind und mit denen wir an Leserschichten herankommen müssen, die wir mit dem Schlachtschiff nicht erreichen.“

Wie lange das Schlachtschiff noch seetauglich sein wird? „Schwer vorauszusagen, jedenfalls aber noch in den nächsten 10 Jahren“, sagt Kralinger. „Im Abobereich bin ich überzeugt, dass es noch eine sehr, sehr lange Zukunft gibt. Die Wochenendzeitung hat eine noch wesentlich längere Perspektive.“ Denn „die gedruckte Zeitung ist eine Erfahrung für alle Sinne, ein Gefühlserlebnis – mehr als das digitale Produkt. Es ist für all jene, die es wahrzunehmen gelernt haben, ein angenehmes Erlebnis. Und der Mensch sucht angenehme Erlebnisse.“

Das weiß Thomas Kralinger aus eigener Erfahrung – die eng mit dem KURIER verbunden ist. „Ich bin zum KURIER gekommen, weil der KURIER die Lieblingszeitung meiner Kindheit war“, erzählt er. „Es ist eine tolle Aufgabe, ihn in die digitale Zukunft führen zu dürfen.“

Auf dem Weg dorthin gibt es viele Veränderungen. Welche für ihn am einschneidendsten war? „Der markanteste Einschnitt war für mich der Umzug weg vom Gründungsort des KURIER, dem siebenten Wiener Gemeindebezirk. Die Entscheidung wurde getroffen, weil wir ein modernes Nachrichtenunternehmen mit einem gemeinsamen Newsroom aufbauen wollten.“

Für diese Zukunft des Medienhauses gibt es jedenfalls viele Aufgaben – und notwendige Rahmenbedingungen. „Die MediaPrint ist ein Segen. Alleinstehend würden wir uns viel, viel schwerer tun“, sagt Kralinger. Er wünscht sich jedoch eine Erhöhung und Neuaufstellung der Presseförderung, um die Refinanzierung von Qualitätsjournalismus und neuen digitalen Produkten zu erleichtern.

Und ein wichtiger Pfeiler des Gesamtgefüges ist die Pressefreiheit. „Das Bewusstsein in Österreich für die Wichtigkeit der Pressefreiheit ist zwar nach wie vor uneingeschränkt vorhanden“, sagt Kralinger, trotzdem müsse man „wachsam sein, etwa wenn ein Innenminister der Meinung ist, dass man mit bestimmten Medien nicht mehr zusammenarbeiten muss, es sei denn, sie tätigen Berichterstattung in einer bestimmten Weise. Der Aufschrei war sehr groß, die Maßnahme wurde zurückgenommen.“