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Chronik 65Jahre
10/16/2019

65 Jahre KURIER: Die Geschichte des Medienhauses

Wie sich die Welt verändert hat, seit am 18. Oktober 1954 die erste Ausgabe des „Neuen KURIER“ erschienen ist. Damals noch im Bleisatz, wird die Zeitung heute von einer modernen Print- und Online-Redaktion produziert. Ein Rückblick.

von Georg Markus

Die erste Ausgabe des „Neuen KURIER“ erschien am 18. Oktober 1954 mit dem „Blattaufmacher“, dass die FPÖ-Vorgängerpartei VdU bei Landtagswahlen schwere Verluste erlitt; die Lokalredaktion meldete, dass der Direktor der Orient-Bar festgenommen wurde; und der „Sport“ berichtete über einen umstrittenen Elfmeter, der dem Sportklub zu einem 4:4 gegen die Austria verhalf.

Portisch wird geholt

Eigentümer des „Neuen KURIER“ war der Mühlenbesitzer Ludwig Polsterer, der als erstes Hans Dichand, den erfolgreichen Chefredakteur der Kleinen Zeitung, von Graz nach Wien holte. Und Dichand versammelte um sich eine legendäre Redaktionsmannschaft: Friedrich Torberg, Hans Weigel und Heimito von Doderer gestalteten die Kultur, Heribert Meisel wurde KURIER-Sportchef und Hugo Portisch Chef der Außenpolitik und Stellvertretender Chefredakteur.

Portisch arbeitete 1954 beim Österreichischen Informationsdienst in New York und begleitete Kanzler Raab auf seinem Staatsbesuch durch die USA, „da bekam ich ein Telegramm von Hans Dichand“, erinnert sich der Grandseigneur des österreichischen Journalismus, „in dem er mich bat, zum KURIER zu wechseln – mit den Worten: ‚Schon die Türken fanden es lohnend, von weit herzukommen, um Wien zu erobern.‘“

Portisch telegrafierte zurück: „Bin Türke. Komme.“

Der „Neue KURIER“ war gerade ein halbes Jahr alt, als er mit der Schlagzeile erschien, auf die das Land sehnsüchtig gewartet hatte: „Österreich wird frei“, stand auf der Seite 1 einer Sonderausgabe vom 14. April 1955, nachdem Österreichs Regierung bei Verhandlungen in Moskau den Durchbruch erzielt hatte.

Nun gab’s einen KURIER mit einem Exklusivbericht über den bevorstehenden Staatsvertrag, aber es gab keine Kolporteure, die abends die Zeitung an die Leser brachten. „Daraufhin ist die gesamte Redaktion durch die Stadt gelaufen und hat die Sonderausgabe um 50 Groschen pro Stück verkauft“, erzählt Portisch. „Dichand und ich waren auf der Kärntner Straße im Einsatz.“

Der KURIER stand, wann immer Not am Mann war, aufseiten der Bedürftigen. Am 26. November 1956, nach Beginn des Ungarnaufstandes und der einsetzenden Flüchtlingswelle, konnten Flüchtlinge kostenlos den Inseratenteil des KURIER in Anspruch nehmen. Diese Initiative ging nahtlos in die alljährliche KURIER-Weihnachtsaktionen für arme Menschen über – Jahrzehnte, ehe es Licht ins Dunkel gab.

Als Dichand ab 1958 die Kronen Zeitung gründete, wurde Portisch neuer KURIER-Chef. Er war es, der 1964 gemeinsam mit anderen Chefredakteuren das Rundfunkvolksbegehren ins Leben rief, mit dem Ziel, die Macht der politischen Parteien aus Hörfunk und Fernsehen zu drängen. Es blieb mit 832.353 Unterschriften bis heute eines der erfolgreichsten Volksbegehren Österreichs und wurde zum Auslöser einer umfassenden ORF-Reform.

Der „Fall Borodajkewycz“

„In die Schlacht gezogen“ ist der KURIER auch im „Fall Borodajkewycz“, jenes Hochschulprofessors, der in seinen Vorlesungen neonazistische und antisemitische Aussagen machte, wogegen Hugo Portisch in seinen Leitartikeln heftig anschrieb. Es kam 1965 zu einer Demonstration, bei der Borodajkewycz-Anhänger das „KURIER-Eck“ in der Wiener Innenstadt stürmen wollten. Eine Gruppe von Widerstandskämpfern verteidigte das Gebäude, wobei der KZ-Überlebende Ernst Kirchweger von einem Rechtsradikalen niedergeschlagen wurde und an den Folgen der Verletzungen starb – als erstes politisches Todesopfer der 2. Republik. Borodajkewycz wurde zwangspensioniert.

Wie der Name des 1954 gegründeten „Neuen KURIER“ schon andeutet, hat es davor auch einen „alten“ gegeben, eine Vorgänger-Zeitung. Sie hieß „Wiener KURIER“ und wurde von der US-Besatzungsmacht herausgegeben, zum ersten Mal am 27. August 1945. Schon der „Wiener KURIER“ war ein so wichtiges Medium, dass am 26. September 1947 im Land Aufregung herrschte, weil die Zeitung wegen Papiermangels nicht erscheinen konnte. Sogar Bundeskanzler Leopold Figl rief in der Redaktion an, um sich darüber zu beklagen.

Zeitgemäßer Newsroom

In der Ära Portisch nahm das Blatt einen weiteren Aufschwung, und 1963 zog die Redaktion von der bisherigen Adresse in der Seidengasse am Neubau in das benachbarte KURIER-Hochhaus in der Lindengasse, in dem wir bis 2014 blieben, um dann in Wien-Döbling, an der Adresse Leopold-Ungar-Platz Nr. 1, einen zeitgemäßen Newsroom aufzubauen.

1972 verkaufte Polsterer den KURIER an eine Industriellengruppe, 1988 kam es nach Beteiligung der Raiffeisenbank und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) zur Gründung der Mediaprint. Seit November 2018 ist an der WAZ Ausland Holding, heute eine Tochtergesellschaft der Funke Mediengruppe, die österreichische Signa Holding beteiligt.

Als ich im Sommer 1970 zum ersten Mal das Hochhaus in der Lindengasse 52 betrat, um den Portier etwas naiv „Entschuldigen Sie, wie wird man Journalist?“ zu fragen, wurde ich in die Chronik-Redaktion geschickt, in der ich vom damaligen Chronik-Chef Josef Jäger tatsächlich probeweise aufgenommen wurde – und diese Probezeit dauert jetzt schon (mit Unterbrechungen) 49 Jahre an. Damals wurde die Zeitung noch im Bleisatz hergestellt, Setzerei und Druckerei waren in der Seidengasse untergebracht, bis im Jahr 1983 von Bleisatz auf Fotosatz umgestellt wurde. Seither wird im Druckzentrum Inzersdorf gedruckt.

23.000 Ausgaben

Blättert man die rund 23.000 Ausgaben durch, die seit Gründung des unabhängigen KURIER 1954 in Druck gingen, erfährt man umfassend, was seither weltweit geschah: Über den Staatsvertrag und die tragischen Todesfälle John F. Kennedy, Marilyn Monroe und Prinzessin Diana, über die Mondlandung, den Einsturz der Reichsbrücke, das „Nein“ zu Zwentendorf, den Sturm auf die Hainburger Au über Tschernobyl und Naturkatastrophen, den Fall des Eisernen Vorhangs und der Mauer, über Österreichs EU-Beitritt, alle kleinen und großen Koalitionen, 31 Olympische Sommer- und Winterspiele, über Kriege, 9/11 und Briefbomben, über die Kriminalfälle Kampusch und Fritzl, den Ibiza-Skandal, Kreisky, Kurz und sieben Päpste, – Nur die Queen hieß damals wie heute: Elizabeth II.

Dreizehn Chefredakteure

Dreizehn Chefredakteure sind seit Gründung des „Neuen KURIER“ für den Inhalt der Zeitung verantwortlich, Martina Salomon führt das moderne KURIER Medienhaus als erste Chefredakteurin in die Verschränkung von Print- und Online-Redaktion.

Hugo Portisch lächelte, als er den großen Newsroom am Leopold-Ungar-Platz besuchte: „In der ersten Phase saßen Hans Dichand und ich mit einer Sekretärin in einem 2,5 x 5 Meter kleinen Kammerl, so haben wir angefangen.“

Die heutige Redaktion ist nach den neuesten Richtlinien gebaut. Doch das Wichtigste an Ihrem KURIER bleibt unverändert: Die Unabhängigkeit und die Qualität dieser Zeitung.